Gesundheit

Medikamentenmangel: „In Dänemark kein großes Problem“

Medikamentenmangel: „In Dänemark kein großes Problem“

Medikamentenmangel: „In Dänemark kein großes Problem“

Katja Elsberger
Apenrade
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Apothekerin Gisela Weber Mezghani ist sich sicher: „Die Arzneimittel-Behörde findet eine Lösung.“ Foto: Karin Riggelsen

Mängel bei der Produktion und Probleme bei der Lieferung sind nur zwei der Gründe, die zu Arzneimittel-Knappheit führen können. Die Sonderburger Apothekerin Gisela Weber Mezghani hat dem „Nordschleswiger“ erklärt, warum sie meint, dass Patienten wegen des Engpasses nicht besorgt sein müssen.

„Mangelware Medikamente“ oder „Massive Lieferengpässe“: So lauten Schlagzeilen in deutschen Medien. Wie ist die Situation in Nordschleswig? Gisela Weber Mezghani, die in Sonderburg eine Apotheke betreibt, hat im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“ erklärt, warum das Thema Lieferengpässe aktuell für so viel Aufruhr sorgt.

Engpässe nehmen zu

Bis Mitte 2018 waren etwa 10 Gruppen von Arzneimitteln von Engpässen betroffen, zum Beispiel die Gruppe „Blutdrucksenker“ – danach folgte ein Anstieg auf ungefähr 30 Gruppen.

Von August bis Oktober 2019 habe es bei 75 unterschiedlichen Arzneistoffen Lieferschwierigkeiten gegeben. Für die Hälfte der Arzneistoffe konnte eine Alternative gefunden werden – bei 35 Arzneistoffen klappte das nicht, so Kim Helleberg Madsen von Lægemiddelstyrelsen, der dänischen Arzneimittel-Agentur.

Trotzdem sagt Weber Mezghani: „Das Thema ist von den Medien sehr aufgebauscht worden.“ In vielen Fällen fände die Apotheke in Rücksprache mit dem Arzt eine Lösung. „Dänemark ist kein Land, wo das Problem groß ist.“

Apotheken bieten Alternativen

„Zum Beispiel kann der Patient ein analoges Medikament bekommen“, erklärt die Apothekerin. Analog heißt: Das Medikament enthält zwar einen anderen Wirkstoff, aber die Wirkung ist gleich.

Zudem könne der Patient das Medikament auch in einer anderen Packungsgröße bekommen. „Der Patient kann auch zwei Fünf-Mikrogramm-Tabletten anstatt einer Zehn-Mikrogramm-Tablette einnehmen“, so Weber Mezghani. Wichtig sei bei diesen Änderungen auf jeden Fall, dass der Arzt Bescheid weiß. „Es ist von Patient zu Patient unterschiedlich“, sagt die Apothekerin. „Der Patient muss verstehen und mitarbeiten – dann ist es für den Arzt und für uns leichter.“

Der Patient muss verstehen und mitarbeiten – dann ist es für den Arzt und für uns leichter.

Gisela Weber Mezghani, Apothekerin

Warum sind Medikamente unterschiedlich teuer?

Die Preise der Arzneimittel sind in A-, B- und C-Gruppen eingeteilt. „Als Grundregel müssen wir ein A-Produkt abgeben, weil es für die Krankenkasse und für den Kunden am günstigsten ist“, so Weber Mezghani. „Dabei zählt immer der Preis einer einzelnen Tablette.“

Ist das günstigste Medikament nicht verfügbar, können die Kunden ein etwas teureres B-Produkt bekommen. „B-Preise liegen maximal fünf oder bei einigen Arzneimitteln zehn Prozent vom A-Preis entfernt.“

Medikamente der C-Gruppe sind die teuerste Alternative. Diese stammen unter anderem vom Originalhersteller, der den Wirkstoff entdeckt hat. Erst wenn das Patent des Originalherstellers ausgelaufen ist, dürfen andere Unternehmen das Medikament ebenso produzieren.

Wie kommt eine Arzneimittel-Knappheit zustande? Die Gründe dafür sind vielfältig. Das Lægemiddelstyrelsen und Apothekerin Gisela Weber Mezghani nennen verschiedene Gründe.

Neue EU-Regelung im Verpackungssystem

Bis Mitte 2018 gab es kaum Probleme – besonders seit Ende 2019 gibt es vermehrt Engpässe. Grund dafür ist eine neue EU-Regelung. Pharmakonzerne mussten ihre Verpackungen verändern, um diese vor Fälschungen zu schützen: „Alle Arzneimittelpackungen müssen jetzt einen 2D-Strichcode haben, in dem alle Angaben zum Packungsinhalt gespeichert sind, unter anderem der Produktcode, die Seriennummer, die Chargennummer und das Verfallsdatum“, erklärt die Apothekerin.

Dadurch sei jede Packung einzigartig und könne „verfolgt“ werden. Zudem sind alle Packungen in einer zentralen Kartei gespeichert und werden beim Verkauf dort „abgemeldet“.

„In Deutschland hat man es lockerer angehen lassen“, sagt Weber Mezghani. Daher sei die Reform in der Bundesrepublik in Vergleich zu Dänemark nicht so spürbar gewesen.

Unerwartet große Nachfrage

Eine weiterer Grund für eine Medikamentenknappheit liegt vor, wenn die Nachfrage nach einem Produkt zum Beispiel größer ist, als das Pharmaunternehmen zunächst angenommen hat. Geschehen ist dies, nachdem Dänemark 2014 die HPV-Impfung voll ins Kindervaccinationsprogramm aufgenommen hat. Im Zuge der Umstellung muss für 100.000 Kinder mehr der Impfstoff produziert werden. Der Hersteller kann nicht mit der Nachfrage mithalten. Das Statens Serum Institut (SSI) schätzt, dass 10.000 bis 15.000 Impfungen fehlen (Stand 13. November 2019).

„Leider haben wir nicht genug Impfstoffe für das Kinderimpfprogramm und die wachsende Nachfrage auf dem privaten Markt. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, dem Impfprogramm für Kinder Priorität einzuräumen – es ist zweifellos das Wichtigste, dafür zu sorgen, dass Ruhe einkehrt“, so Ulrik Hvam, Leiter des Impfstoff-Herstellers MSD Danmark, im November 2019.

MSD geht davon aus, dass der Impfstoff Anfang 2021 an Dänen außerhalb des Kindervaccinationsprogramms abgegeben werden kann.

Weber Mezghani sieht den Mangel an HPV-Impfstoff gelassen. Es ist ein „Luxusimpfstoff“, sagt die Apothekerin – ob ein Jahr früher oder später geimpft wird, sei nicht ausschlaggebend. Die Impfung soll lediglich vor dem ersten sexuellen Kontakt stattfinden. „Und auch wenn der sexuelle Kontakt vor der Impfung eintritt, kann ein Kondom genutzt werden“, so Weber Mezghani. „Wenn der Impfstoff für Röteln oder Masern fehlen würde, wäre ich eher besorgt.“

Viele Krätze-Fälle Ende 2019

Auffällig viele Krätze-Fälle hat es im November und Dezember vergangenen Jahres in Dänemark gegeben. „Krätze wird durch kleine Milben verursacht, die sich in die Haut graben und Juckreiz auslösen“, erklärt Weber Mezghani. Sigurd Broesby-Olsen, Chefarzt der Hautabteilung I und des Allergiezentrums der Universität Odense, berichtete „avisen.dk“, dass die Abteilung im Jahr 2015 neun Patienten mit Krätze aufgenommen hat. 430 Patienten seien es 2018 gewesen. Über 1.000 Patienten wurden 2019 wegen Krätze behandelt.

„Bei dieser Epidemie hatten wir Probleme, ausreichend Mittel gegen Krätze zu besorgen.“ Zudem hätten einige Medikamente nach einer Weile nicht mehr gewirkt, weshalb schließlich Tabletten aus dem Ausland aufgekauft worden seien. „Die Hausärzte haben schließlich die Genehmigung bekommen, diese Tabletten zu verschreiben.“ Daher ist sich Weber Mezghani sicher: „Die Arzneimittel-Behörde findet eine Lösung.“

Liefer-Engpässe bei Medikamenten können viele Gründe haben. Foto: Symbolbild

Immer weniger Hersteller

„Die Medikamenten-Engpässe sind ein weltweites Problem, das sich lange aufgebaut hat“, so die Apothekerin. „Die Firmen kaufen sich gegenseitig auf, bis sich die Produktion der Arzneimittel nur noch auf wenige Hersteller konzentriert.“ Es entsteht eine Abhängigkeit. Denn fällt eine Firma zum Beispiel wegen Qualitätsproblemen aus, kommt es zum Engpass.

Billige Produktion

Ein weiterer Grund ist, dass die Produktion der Arzneimittel aus Sicht der Hersteller billig sein muss – also wird nicht in Europa, sondern unter anderem in asiatischen Ländern produziert. „Dort sind die Herstellungsbedingungen anders. Das Risiko für Naturkatastrophen und Produktionsausfälle ist höher.“ Zum Beispiel ist in China 2019 eine Firma abgebrannt, die einen bestimmten Arzneistoff produziert hat, den einige andere Pharmaunternehmen für ihre Produktion benötigen.

Rücksprache mit dem Arzt ist notwendig, wenn die Apotheken mit dem Patienten nach einer Alternative suchen. Foto: Symbolfoto

„Kritische Einzelfälle“ im Herbst 2019

Problematisch werden Liefer-Engpässe bei schwerwiegenden Erkrankungen wie Epilepsie und Parkinson. „Wir haben einzelne kritische Lieferprobleme im Herbst 2019 gehabt. Einige Parkinson- und Epilepsiemedikamente waren nicht zu kriegen. Dann muss immer ein Spezialist aus dem Krankenhaus hinzugezogen werden“, erklärt die Apothekerin. „Bei diesen Erkrankungen dauert es, ein alternatives Medikament zu finden.“

Wenn man das letzte Blister anfängt, sollte man sich langsam um die nächste Packung kümmern.

Gisela Weber Mezghani, Apothekerin

„Das ist natürlich sehr ärgerlich für die Betroffenen“, bedauert Weber Mezghani. In dringenden Fällen können Ärzte und Krankenhausabteilungen auch bei der dänischen Arzneimittelbehörde beantragen, dass sie eine Liefergenehmigung für ein Medikament erhalten, das in Dänemark nicht auf dem Markt ist, schreibt die dänische Arzneimittel-Agentur.

In jedem Fall rät die Apothekerin: „Wenn man das letzte Blister anfängt, sollte man sich langsam um die nächste Packung kümmern.“

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