Sommer-Interview

„Flensburg passt zu mir“

Joachim Pohl/shz
Flensburg
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Foto: K. Riggelsen

Das Flensburger Tageblatt spricht mit Menschen aus Flensburg über ihre Arbeit, ihr Leben und ihren Blick auf Stadt, Beruf und Zukunft. Heute: Stephan Kleinschmidt, Dezernent für Projektkoordinierung, Dialog und Image.

Sie sind jetzt hundert Tage im Amt: Was hat sie als Verwaltungsneuling am meisten überrascht im Flensburger Rathaus?
Bereits in meinen früheren Tätigkeiten sowie in meinem Ehrenamt habe ich mit Verwaltung zu tun, von daher hat mich nichts überrascht. Ich hatte reichlich Zeit, mich auf diese Tätigkeit vorzubereiten und war mir der Bandbreite meiner Aufgaben hier im Dezernat bewusst. Ich bin jedoch immer wieder beeindruckt, wie vielschichtig dieser Aufgabenbereich ist. Nach 100 Tagen kann ich sagen, dass ich zwar gelandet bin, aber bis ich wirklich angekommen bin, dauert es noch ein bisschen. Ich fühle mich in der Stadtverwaltung vom ersten Tag an wohl: Ich passe zu Flensburg und Flensburg passt zu mir.

Was sind die großen Unterschiede in der kommunalen Selbstverwaltung in Dänemark und in Deutschland?
In der Tat liegt der größte Unterschied im Rollenverständnis von Politik und Verwaltung, zum Beispiel im viel stärker ausgeübten Initiativrecht der dänischen Politik und dem klaren Auftrag der Verwaltung, die Vorgaben der Politik so auch umzusetzen. Auch auf deutscher Seite erlebe ich ein großes Interesse der Politiker, sich der Probleme der Stadt anzunehmen. Nur ist die Rollenverteilung zwischen Politik und Verwaltung nicht so klar verteilt wie in Dänemark. Das Ehrenamt würde sicherlich attraktiver, wenn der Kommunalpolitik auch in Flensburg eine stärkere Rolle zugestanden würde. Das ist im Übrigen keine Reflexion, die auf den ersten hundert Tagen im neuen Amt beruht, sondern auch auf den Erfahrungen, die ich in zahlreichen deutsch-dänischen Gremien gemacht habe.

Wo kann Flensburg von dänischen Nachbarkommunen lernen?
Ich glaube, dass man im Grenzland als Ganzes voneinander lernen kann. Was ich gerne einbringen würde: In Dänemark hat man auf Grundlage einer Kommunalreform festgelegt, dass man erst eine strategische Grundlage, eine konzeptionelle Basis schafft für politisches Handeln. Auch hier gibt es die Flensburg-Strategie und das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK). Was ich in Sonderburg wunderbar finde, ist, dass sich Mehrheit und Minderheit im Stadtrat auf ein Papier geeinigt haben, das die Weichen für die nächsten vier Jahre stellt. Das heißt, alle 31 Stadtvertreter in Sonderburg haben ein gemeinsames Verständnis darüber, wohin Sonderburg sich entwickeln soll.

Hat sich in Dänemark das Modell der Großkommune bewährt?
Positiv ist sicher, dass durch die Zusammenlegung von Kommunen eine Handlungskraft entsteht, die Gemeinden wie Sundewitt, Augustenborg oder Broager so nicht hätten. Das Investitionsvolumen in solchen Kommunen steigt, weil eine Großkommune da stärker auftreten kann. Positiv ist auch, dass wir aus der Kleinteiligkeit herauskommen. Negativ schlägt zu Buche, dass eine wirkliche gemeinsame Identität noch nicht geschaffen wurde. Kleinere Dörfer und der ländliche Raum fühlen sich bisweilen abgehängt.

Könnte die Großkommune für die Region Flensburg ein Weg sein, um aufkeimende Konflikte zwischen Stadt und Umland zu lösen?
Das sehe ich nicht als Lösungsweg. Es greift eher der Gedanke einer kooperierenden Stadtregion als einer Großkommune. Mir liegt viel daran, diese Stadt-Umland-Kooperation mit neuen Inhalten zu füllen, weil das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist.

Zur Entwicklung des Hafens: Kann sich Flensburg ein Beispiel nehmen an Sonderburg oder Apenrade?
Zum Teil. In Sonderburg und in Apenrade reifte irgendwann die Erkenntnis, dass die Funktion eines Hafens heute eine andere ist als in der Vergangenheit. Das heißt aber nicht, dass es in Flensburg heute keinen Wirtschaftshafen mehr geben kann. Es gibt auch ein klares Bekenntnis dazu. Es geht um die Frage, wie man die Interessen vereint. Und da lässt sich in der Tat in Sonderburg und in Apenrade Inspiration finden. Ich sehe hier auch vielversprechende Ansätze. Der Masterplan ist in der Umsetzung. Und ich bin überzeugt, dass wir hier zusammen mit der IHK und anderen Akteuren zu einem positiven Ergebnis kommen. Es gibt diese strategische Allianz auch in Flensburg.

Welche Rolle soll das Jubiläum 2020 – 100 Jahre Volksabstimmung 1920 – für Flensburg spielen?
Eine ganz entscheidende. Ich glaube, dass das Jubiläumsjahr dazu beitragen kann, dass wir in Form einer Selbstreflexion und Identitätsfindung auch das Verständnis bestätigt bekommen, dass Flensburg eine kulturell vielfältige und bunte Stadt ist und dass Flensburgs Geschichte vielschichtig ist. Wir können Flensburgs Rolle als Grenzstadt in diesem Kontext nochmal prominenter in den Vordergrund stellen. In Dänemark wird die Wiedervereinigung in den Vordergrund gestellt – genforening 2020. Wir sollten eine sehr aktive Rolle einnehmen. Wir tun das auf drei Ebenen: Wir realisieren im März 2020 eine Sonderausstellung in dieser Stadt, auf dem Museumsberg und gemeinsam mit dem Museum eine App, die Erzähl-Orte in den Vordergrund stellt und im November präsentiert wird.

Und was ist mit der Gartenschau?
Wir haben eine Arbeitsgruppe im Grenzdreieck etabliert, sind hier aber noch in einer Erwartungsabstimmung. Es war nie das Ziel, eine klassische Landesgartenschau zu entwickeln, sondern den Anlass zu nutzen, um 2020 eine grenzüberschreitende dezentrale Gartenschau zu realisieren. Das bedingt, dass die einzelnen Partner ihre Leuchtturmprojekte einbringen. Das sind zum Beispiel die Schlossgärtnerei in Gravenstein, ein Projekt auf den Ochseninseln oder für Flensburg eine Ertüchtigung der Grünanlagen auf dem Museumsberg. Das soll im Herbst konkretisiert werden.

Wie sollten deutsche Kommunen mit dem Reizthema Wildschweinzaun umgehen?
Das Reizthema geht weit über das Thema Wildschweinzaun hinaus. Das sind genauso die temporären Grenzkontrollen. Es widerspricht dem Gedanken, einen gemeinsamen Erholungsraum zu entwickeln, einen Wirtschaftsraum und Arbeitsmarkt zu schaffen. Wir arbeiten daran, Grenzen abzubauen und nicht aufzubauen. Wir sollten uns deshalb nicht von unserer eigentlichen Aufgabe ablenken lassen: die Menschen und Institutionen, Firmen und Hochschulen beiderseits der Grenze zusammenzubringen.

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