Tag der Deutschen Einheit

Wiedervereinigung und Vergangenheit

Wiedervereinigung und Vergangenheit

Wiedervereinigung und Vergangenheit

Nordschleswig/Kiel
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Die deutsche Minderheit in Nordschleswig feierte den Tag der Deutschen Einheit ausnahmsweise nicht im Haus Nordschleswig, sondern im Vereinshaus des Ruderclubs Germania in Kiel. Foto: Gwyn Nissen

Zum Tag der Deutschen Einheit wurden Parallelen zwischen dem deutsch-dänischen Grenzland und der Bundesrepublik Deutschland gezogen. Deutsche Minderheit feierte den Tag der Einheit in Kiel.

Die deutsche Minderheit in Nordschleswig feierte Donnerstag den Tag der Deutschen Einheit. Allerdings nicht wie gewohnt im Haus Nordschleswig in Apenrade/Aabenraa, sondern im Vereinshaus des Ruderclubs Germania in Kiel. Anlass dazu war, dass die offizielle Feier der Bundesrepublik Deutschland zum Tag der Einheit in diesem Jahr in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt stattfand.

Neben Landtags- und Bundestagsabgeordneten, dem Minderheitenbeauftragten des Landes Schleswig-Holstein, Johannes Callsen, sowie Staatssekretär Ingbert Liebing fand auch Landtagspräsident Klaus Schlie trotz Hunderttausenden von Gästen in seiner Landeshauptstadt die Zeit, mit seinen „Freunden aus Nordschleswig“ zu feiern. Er bezeichnete in seinem Grußwort das deutsch-dänische Zusammenleben im Grenzland als vorbildlich. Eigentlich bräuchte Deutschland keinen Feiertag zum Tag der Deutschen Einheit, sondern jeder Tag sei ein Grund zum Feiern.

Eigene Vergangenheitsbewältigung

Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hinrich Jürgensen, dem etwa 70 Nordschleswiger nach Kiel gefolgt waren, darunter Schüler des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswigs, griff mit Blick auf die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands auch die eigene Geschichte der Minderheit auf.

„Das Thema Vergangenheitsbewältigung ist auch bei uns kein einfaches. Kurz gesagt hat es eine Vergangenheitsbewältigung bei uns nur zögerlich und sehr spät gegeben. Die gemeinsamen Erlebnisse, die von vielen im Faarhus-Lager auch noch gemeinsam verarbeitet wurden, haben eher nicht zu der Einsicht geführt, dass man in den 30er Jahren den falschen Weg eingeschlagen hat. Die lobenswerten Versuche in den 70er und 80er Jahren die Nazifizierung der deutschen Volksgruppe und ihre Unterstützung für Hitler im Zweiten Weltkrieg zu thematisieren, sind dann am Widerstand der Älteren gescheitert“, sagte der BDN-Hauptvorsitzende.

In den vergangenen zehn Jahren habe die Minderheit es dabei leichter gehabt. Jürgensen verwies auf die Umbenennung des „Ehrenhains“ auf dem Knivsberg in Gedenkstätte. „Die Diskussion um die Namen der Gefallen dort zeigt aber auch, dass wir das Thema noch nicht fertig behandelt haben. Und das ist auch richtig so.“

Hinrich Jürgensen berichtete über die Pläne der deutschen Minderheit, in den kommenden Jahren auf dem Knivsberg einen historischen Lernort zu entwickeln, „wo auch die nachkommenden Generationen Gelegenheit haben werden, sich mit der Vergangenheit der deutschen Nordschleswiger kritisch auseinanderzusetzen.“

Dänische „Wiedervereinigung"

Schließlich erwähnte Hinrich Jürgensen auch, dass Dänemark im kommenden Jahr die eigene „Wiedervereinigung“ (Genforeningen – die Wiedereingliederung Nordschleswigs in Dänemark) feiern werde. Die Minderheit würde mitfeiern, aber auch den eigenen 100. Geburtstag werde die deutsche Volksgruppe 2020 feiern.

Die Gesandte der Bundesrepublik Deutschland, Anke Meyer von der deutschen Botschaft in Kopenhagen, blickte auf die dramatischen und historischen Tage im Oktober 1989 zurück – aber auch auf die Zeit danach.

„Was die Wucht des Umbruchs mit den Menschen eigentlich gemacht hat, beginnt erst jetzt so richtig in den Mittelpunkt zu rücken“, sagte sie und zitierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Die Geschichte des Ostens ist immer noch kein so selbstverständlicher Teil des gemeinsamen ,Wir‘, wie die des Westens.“ Steinmeier fordert dazu auf, endlich mit einem zentralen Irrtum aufzuräumen: „Die Geschichte der Deutschen Einheit gibt es nicht und wird es nicht geben.“

Fantastische Minderheiten

Auch im deutsch-dänischen Grenzland setze sich, so Anke Meyer, die Geschichte aus Geschichten zusammen. Dennoch werde gemeinsam gefeiert.

„Wir feiern die friedliche und endgültige Beilegung eines Grenzkonflikts. Wir feiern eine prosperierende, von Vielen in Europa und darüber hinaus beneidete Grenzregion, in der die Grenze schon lange mehr verbindet als trennt. Wir feiern zwei fantastische Minderheiten, die daran einen ganz wesentlichen Anteil haben. Und wir feiern deutsch-dänische Beziehungen, die noch nie so eng und so gut waren wie heute“, meint die offizielle Vertreterin der Bundesrepublik Deutschland.

„Wenn man es nicht anders kennt, dann kann man sich kaum vorstellen, wie lange es gebraucht hat, dahin zu kommen, wo das Grenzland und seine Menschen heute stehen“, sagte Meyer.

Mehr Bürgerbeteiligung

Auch Honorarkonsul Carsten Friis, Hadersleben/Haderslev, gab einen aktuellen Eindruck auf das Deutschland nach der Wiedervereinigung. Es sei, laut Friis, eben nicht erstaunlich, dass Bürger aus Ostdeutschland nicht von einem Tag zum anderen zu aktiven Demokraten werden.

„Viele der Bürger, die in der DDR aufgewachsen sind, wählen heute die AfD. Sie fühlen, dass sie ihre Identität verloren haben. Dass früher – in der DDR – doch vieles besser war, und dass die arroganten Wessies alles bestimmen. Egal, ob nicht alles wahr ist, so ist ihr Gefühl doch real“ sagte Carsten Friis.

Der Honorarkonsul meint, es sei eine Aufgabe der Parteien der Mitte, „diese Bürger und ihre Gefühle ernst zu nehmen. Sie dort abholen, wo sie verortet sind“, und der Honorarkonsul wünschte sich zum Tag der Deutschen Einheit mehr Bürgerbeteiligung.

Landtagspräsident Klaus Schlie sprach ein Grußwort im Namen des Landes Schleswig-Holstein. Foto: Harro Hallmann
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