Deutsche Minderheit

Wessen und wie soll die Minderheit in Zukunft gedenken?

Jon Thulstrup
Jon Thulstrup Online-Redaktion
Apenrade/Aabenraa
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Rund 40 Gäste waren bei der Veranstaltung anwesend. Foto: Harro Hallmann

Die Teilnehmer der Diskussionsveranstaltung diskutierten bis in den späten Abend hinein. Viele hatten persönliche Anekdoten und Meinungen zu erzählen.

Zitate:

Gösta Toft: „Ich bin Jahrgang 1952 und mit dem Knivsberg aufgewachsen. Als Kind im Zeltlager erinnern mich besonders die Fackelumzüge und Fanfaren an die Zeit vor ´45. Ich verbinde aber auch den Knivsberg mit unserer eigenen Aufarbeitung der Geschichte.

Rainer Naujeck: „Ich bin froh, einer Generation zuzugehören, die damit nichts zu tun hat.“

Peter Asmussen: „Wer ist Opfer, wer ist Täter, oft mit Glück oder Pech verbunden.“

Dass die Gedenkstätte auf dem Knivsberg weiterhin ein heißes Thema ist, hat die Diskussionsveranstaltung am Montagabend im Haus Nordschleswig gezeigt. Hätte der Diskussionsleiter und stellvertretende BDN-Vorsitzende Olav Hansen nicht gegen 22 Uhr den Schlussstrich gezogen, hätten einige Anwesende wohl noch bis in die späte Nacht weiter debattiert. Viele aus dem Publikum trugen persönliche Meinungen und Anekdoten vor und stellten Fragen an die beiden Historiker Hans Schultz Hansen vom Reichsarchiv und Harald Schmid von der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten.

Auslöser der Veranstaltung war, wie Olav Hansen erklärte, eine Reihe von Leserbriefen, die im Nordschleswiger veröffentlicht wurden. Darin ging es immer wieder über einen KZ-Koch aus Holebüll, der auch auf den Bronzetafeln in der Gedenkstätte steht. „Uns im Hauptvorstand war klar, dass noch weiterer Diskussionsbedarf besteht und wir haben uns zu dieser Veranstaltung entschieden“, so Hansen. Doch einen Sachverhalt wollte er vorweg klarstellen: „Keiner im Hauptvorstand der Minderheit will mögliche Verbrecher, die in der Gedenkstätte namentlich aufgeführt sein sollten, verteidigen.“

Hans Schultz Hansen: „Entschuldigung Herr Fleischer. Sie haben seit Jahren Quatsch geredet.“ (Zur Aussage, dass zwischen der allgemeinen SS und der Waffen-SS differenziert werden müsste.)

Heißes Thema

Dass die Gedenkstätte ein heißes Thema sei, unterstrich auch der BDN-Hauptvorsitzende in seiner Ansprache. „Bei einer Verurteilung oder einem juristischen Beweis dafür, dass die in der Gedenkstätte erwähnten Person ein Verbrechen begangen hat, wird dieser Name entfernt“, so Jürgensen. Ein Verhalten, dass Hans Schultz Hansen in seinem darauffolgenden Vortrag als defensiv beschrieb und das ihm zufolge auch mit einem methodischen Problem verwickelt sei: „Denn welche Delikte werden als Verbrechen angesehen?“ fragt Hansen.

Ihm zufolge hat die Minderheit mit der Umbenennung der Gedenkstätte 2012 einen wichtigen Schritt gemacht. „Die Gefallenen werden demnach nicht länger geehrt“, erklärt Hansen. Die aufgestellten Infotafeln sollten aber digital ergänzt werden und Hintergrundfragen, wie `Warum meldeten sich Angehörige der Minderheit freiwillig zum Kriegsdienst?´ oder `Wo liegt die Verantwortung der NS-Minderheitenführung – wie war die ideologische Schulung?´ beantworten. Auch eine Untersuchung aller aufgeführten Namen sei ihm zufolge eine Möglichkeit, mit der Geschichte zu arbeiten. Dies hätte den Vorteil, dass die Minderheit aus ihrer defensiven Rolle schlüpfen und aktiv das Problem beseitigen würde. „Aber es ist ungewiss, ob die Quellenlage eine solche Untersuchung überhaupt zulässt“, erklärt Hansen. Das komplette Schleifen der Gedenkstätte erwähnte Hansen auch als eine dritte Möglichkeit. Dies wäre politisch ein starkes Signal der Minderheit, erwecke aber den Eindruck, dass die Minderheit von ihrer Geschichte weglaufe.

„Jede Erinnerungskultur muss sich einige Grundfragen stellen: Wen und was erinnern wir? Wie und warum erinnern wir?“

Harald Schmid

Harald Schmid definierte zunächst den Begriff der Erinnerungskultur und unterstrich: „Jede Erinnerungskultur muss sich einige Grundfragen stellen: Wen und was erinnern wir? Wie und warum erinnern wir?“, so Schmid. Skandale seien ihm zufolge ganz wichtig für eine Erinnerungskultur. „Das regt viele Menschen auf und prägt das Wahrnehmungsverhalten“, so der Historiker. Auch er sei wie Hansen für einen Ausbau der Dokumentationstafeln in der Gedenkstätte. Dadurch könne man den Sprung der neuen Art des Totengedenkens mit einer Brücke zum Opfergedenken meistern. Zudem schlägt er vor, dass Künstler den Ort neu gestalten könnten – Beispielsweise anhand einer Skulptur. „Das hat den Vorteil, dass man an der Spitze der Entwicklung ist. Man zeigt, dass man daran arbeitet, eine neue reflexive Geschichte zu gestalten“, so Schmid.

Im Anschluss wurde ein juristisches Gutachten vom Prof. Dr. Christoph Safferling von der Friedrich-Alexander Universität in Erlangen verlesen, das besagt, dass eine Strafverfolgung eines KZ-Kochs möglich sei, aber eine Verurteilung nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden könne.

Hans Schultz Hansen Foto: jt

Mit Rahmerzählung ergänzen

Bei der anschließenden Diskussion stieß der Vorschlag, die Namen stehen zu lassen, aber die Rahmenerzählung zu ergänzen und zu ändern auf viel Zustimmung. Unter anderem erklärt Lorenz P. Wree: „Die Umbenennung empfinge ich als eine große Entlastung für uns alle. Heute gedenken wir der Menschen, die in diesen Krieg verwickelt waren. Man muss nicht die Namen krampfhaft entfernen. Der Ehrenhain steckt noch in den Hinterköpfen vieler Leute.“ Eine andere Haltung hatte Jørn Arpe Munksgaard. Er sieht weiterhin die Gedenkstätte als ein großes Problem für die Minderheit. „Man verehrt dort Kriminelle. Wie die Überlebenden wären auch sie verurteilt worden, wenn sie zurückgekehrt wären“, so Munksgaard. Hansen verwies aber darauf, dass sie nach dem verletzen der Loyalität zu Dänemark verurteilt worden wären und nicht aufgrund von Verbrechen.

Karin Sina wunderte sich, dass so wenig Jugendliche zur Veranstaltung gekommen sind, schließlich gehe es auch um ihre zukünftige Minderheit. „Bei einer Entscheidung, was in Zukunft mit der Gedenkstätte passieren sollte, müssen auch die Jugendlichen berücksichtigt werden“, so Sina. Auch der frühere Hauptvorsitzende Hans Heinrich Hansen meldete sich zu Wort. Er begründete unter anderem die verspätete Aufarbeitung mit dem Netzwerk nach Deutschland der damaligen Minderheitenführung. „Auch südlich der Grenze saßen ehemalige Soldaten in leitenden Positionen“, so Hansen. „Wir sollten in der Gedenkstätte, wie beim Langbehnhaus, ordentlich informieren.“

Abschließend freute sich der Hauptvorsitzende über die vielen Beiträge und die rege Diskussion. „ Jetzt haben wir die Möglichkeit, mit diesem Thema und unserer Geschichte weiterzuarbeiten. Es ist wichtig, dass wir nie vergessen“, so Jürgensen.

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