Neujahrstagung

Steen Bo Frandsen: Begriff Wiedervereinigung fragwürdig

Steen Bo Frandsen: Begriff Wiedervereinigung fragwürdig

Steen Bo Frandsen: Begriff Wiedervereinigung fragwürdig

Sankelmark
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Prof. Steen Bo Frandsen von der Süddänischen Universität klärte seine Zuhörer über viele bei den 100-Jahr-Feiern zur Grenzziehung übersehehne Aspekte der Geschichte Schleswigs auf. Foto: Karin Riggelsen

Der Historiker an der Süddänischen Universität sprach bei der Neujahrstagung der deutschen Minderheit in Dänemark in Sankelmark über Ereignisse 1920, die das einstige Herzogtum Schleswig teilten.

Der Historiker und Leiter des Centers für Grenzregionsforschung an der Süddänischen Universität in Sonderburg, Professor Steen Bo Frandsen, hat bei der Neujahrstagung des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN) in Sankelmark die historischen Ereignisse im heutigen deutsch-dänischen Grenzland mit den Volksabstimmungen und der Grenzziehung 1920 aus dänischer Perspektive beleuchtet.

Zwiegespaltener Wissenschaftler

„Ich bin persönlich bei der Einschätzung etwas zwiegespalten“, sagte der Wissenschaftler zu Beginn seiner Ausführungen in deutscher Sprache im voll besetzten Saal der Akademie Sankelmark. Frandsen kritisierte die gängige Darstellung, sowohl auf deutscher als auch auf dänischer Seite, dass es im einstigen Herzogtum Schleswig, das nach Zugehörigkeit zu Preußen zwischen 1864 und 1920 in einen deutschen und einen dänischen Teil geteilt worden ist, jahrhundertelang deutsch-dänischen Zwist gegeben habe, als falsch.

Viele friedliche Phasen

Der Historiker lenkte den Blick der Zuhörer auf eine Karte des ehemaligen dänischen Gesamtstaates, um an friedliche Phasen zu erinnern. „Wir sehen auf der Karte ein Ensemble von einzelnen Teilgebieten. Das Königreich, die Herzogtümer Schleswig und Holstein und auf der Karte von nach 1814 auch das Herzogtum Lauenburg“, so Frandsen und meinte dann: „Es war ein deutsch-dänischer Staat. Der König war dänisch, seine Familie war deutsch. Es gab eine deutsch-dänische Verwaltung, und auch die Kultur war lange Zeit deutsch. Es herrschte keine Idylle, aber es war auch keine Katastrophe“, erklärte Frandsen und beschrieb die Besonderheit Schleswigs als Durchgangsland, in dem es gemischte Kulturen und gemischte Sprachverhältnisse gab. „Es war weder ein dänisches noch ein deutsches Herzogtum. Es war ein Teil Dänemarks, aber staatsrechtlich auch nicht ganz dänisch“, erläuterte er.

Kein Nationalstaat

„Es war kein Nationalstaat“, so seine Beschreibung weiter, und er erläuterte, dass die deutschen und dänischen Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert von Kopenhagen und Kiel ausgingen. Angefacht von Leuten, die nur Menschen in Schleswig kannten, die sich als Dänen oder Deutsche verstanden, was aber nicht die Position der meisten Menschen traf.

Nicht zu viel von Schleswig genommen

Die Sicht auf Schleswig in Dänemark war 1920 von dem Bild geprägt, das sich nach den Schleswigschen Kriegen 1848-1850 und 1864 in Dänemark durchgesetzt hatte: Deutschland als der feindliche Nachbar. Zwar habe es beim Beginn des Ersten Weltkriegs Hoffnungen gegeben, man würde wegen der deutschfreundlichen Neutralität vielleicht mit einer neuen Grenzziehung in Schleswig belohnt. Es sei Dänemark aber nicht unlieb gewesen, dass die Frage Teil der Friedenskonferenz in Versailles geworden sei.

In Dänemark habe sich glücklicherweise die Linie durchgesetzt. In Schleswig „nicht zu viel zu nehmen“, was Frankreich recht gewesen wäre. Das sei wichtig gewesen, um die Grenze nach 100 Jahren zur Erfolgsgeschichte zu machen.

Man habe damals auf dänischer Seite jedoch nicht im Auge gehabt, dass mit der als Wiedervereinigung gefeierten neuen Grenzziehung auch eine Teilung eines jahrhunderlang zusammengehörigen Landes verbunden gewesen ist. Man fand nur, dass die Dänen arm dran waren, die 1920 südlich der neuen Grenze verblieben.

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