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Die oft vergessenen Köpfe hinter den Geschichten

Die oft vergessenen Köpfe hinter den Geschichten

Die oft vergessenen Köpfe hinter den Geschichten

Tim Wegner
Apenrade
Zuletzt aktualisiert um:
Marieke Heimburger mit den Romanen, die sie bereits übersetzt hat. Foto: Elise Rahbek

Übersetzerin Marieke Heimburger hat bereits mehr als 45 Werke von 20 verschiedenen Autoren ins Deutsche übersetzt – darunter Romane von Erfolgsautoren wie Jussi Adler-Olsen und Stephenie Meyer. Mit dem Nordschleswiger sprach sie über die Herausforderungen ihrer Arbeit, die oft nicht wahrgenommenen Leistungen und den Internationalen Übersetzertag am Sonnabend.

Nordschleswiger: Wenn ein Buch ein Welterfolg wird, reden die Menschen eigentlich immer nur über die Autoren. Ihr tragt als Übersetzer mit eurer Arbeit jedoch einen großen Teil zum Erfolg eines Buches bei. Du hast zum Beispiel drei Werke des dänischen Erfolgsautors Jussi Adler-Olsen mit übersetzt. Fühlt ihr euch da manchmal etwas benachteiligt?

Heimburger: Benachteiligt würde ich das nicht nennen. Eher übersehen. Übersetzer und ihre Tätigkeit werden zumeist überhaupt nicht wahrgenommen. Nicht einmal von anderen Profis aus dem Literaturbetrieb, wie zum Beispiel Rezensenten. Da wird schon mal von der schönen Sprache eines übersetzten Autors geschwärmt, und an keiner Stelle wird erwähnt, dass die schöne (deutsche) Sprache von einem anderen Autor, nämlich dem Übersetzer, stammt. Aber es hat sich schon einiges gebessert. Vor dreißig, vierzig Jahren stand nicht einmal im Buch selbst, dass und von wem es übersetzt war.

Du hast bereits 45 Werke von über 20 Autoren übersetzt. Gibt es ein Genre, das du bevorzugst? Zum Beispiel Krimis?

Mir ist es eigentlich egal, ob ich einen Krimi oder einen Liebesroman übersetze – für mich ist wichtig und entscheidend für den Spaß an der Arbeit, dass ich es mit einem guten Text zu tun habe. Also einem, der möglichst frei ist von Fehlern, in dem es keine logischen Brüche gibt und der sprachlich ausgefeilt ist. Dann kann ich meiner Autorin vertrauen und mich ganz auf die Sprache konzentrieren. Was natürlich nicht heißt, dass ich dann gar nichts mehr recherchiere, denn gewisse Hintergründe muss ich natürlich verstanden haben, um richtig übersetzen zu können.

Was sind dir denn z. B. schon für Fehler von Autoren untergekommen?

Ach, da war eine Burg in der Schweiz plötzlich 500 Jahre älter als sie wirklich ist. Oder eine Figur betritt zum dritten Mal dasselbe Zimmer, ohne es zwischendurch wieder verlassen zu haben.

Du hast ja ursprünglich das Literaturübersetzen aus dem Englischen und Spanischen studiert. Seit einigen Jahren übersetzt du nun auch aus dem Dänischen. Welche Herausforderungen gibt es beim Übersetzen vom Dänischen ins Deutsche?

Im Prinzip dieselben wie auch beim Übersetzen aus dem Englischen ins Deutsche. Alle Sprachen funktionieren unterschiedlich, und zwar nicht nur oberflächlich auf der Wortebene, zu der sich dann jeder auf den ersten Blick äußern kann, sondern auch in der Tiefe – Sätze werden unterschiedlich gebildet, Informationen werden unterschiedlich verteilt. Absätze werden unterschiedlich aufgebaut und strukturiert. Da muss ich dann manchmal Sätze oder Absätze umstellen, damit im Deutschen unterm Strich dasselbe steht.

Was meinst du mit „Informationen werden unterschiedlich verteilt“?

Im Englischen zum Beispiel steht die wichtigste Information in der Regel in der Mitte eines Satzes. In der deutschen Sprachkonvention kommt sie am Ende des Satzes. Ich helfe darum dem deutschen Leser, wenn ich dafür sorge, dass die Information da kommt, wo er sie erwartet.

Das klingt ja sehr komplex. Wie viel Zeit hast du denn für die Übersetzung eines Buches?

Willst du meinen Rekord hören?

Gern. Rekorde sind immer gut für die Zeitung!

Mein persönlicher Rekord für eine Übersetzung waren von Anfrage des Verlags bis Abgabe der Übersetzung vier Wochen – für 370 Seiten. Das war der Thriller „The Chemist“ von der Erfolgsautorin Stephenie Meyer. Normalerweise ist es jedoch sehr unterschiedlich. Es kann auch vorkommen, dass zwischen Anfrage und Abgabetermin ein Jahr liegt. Beschäftigt bin ich dann – je nach Umfang und Schwierigkeitsgrad – im Schnitt ungefähr drei Monate.

Marieke Heimburger an ihrem Arbeitsplatz. Foto: Elise Rahbek

Wie viele Stunden sitzt du dann zu Hause und arbeitest?

Produktiv so ca. vier Stunden.

Hast du Zeit, die zu übersetzenden Bücher vorher durchzulesen?

Das kommt immer darauf an. Bei Eilprojekten eher nicht. Bei „The Chemist“ blieb mir und meiner Kollegin nichts anderes übrig, als ins kalte Wasser zu springen.

Ist es nicht schwierig, zu zweit ein Buch zu übersetzen. Ihr habt doch sicher euren jeweiligen Stil und auch sprachliche Eigenheiten?

Ja, klar. Darum bedarf es auch einer sehr guten Kommunikation untereinander. Meine Kollegin und ich waren quasi täglich in Kontakt. Am Anfang hatten wir uns jeweils ein übersetztes Kapitel zugesendet, um zu sehen, ob wir einigermaßen ähnlich ticken. Das war zum Glück der Fall. Und wenn die eine öfter „schauen“ schrieb und die andere öfter „gucken“, dann waren das ja in Wirklichkeit Kleinigkeiten. Und das Lektorat im Verlag soll schließlich auch noch was zu tun haben.

Du hast zig Geschichten übersetzt, kam da nie in dir der Drang auf, selbst mal einen Roman zu schreiben?

Ach, ja, davon habe ich immer mal wieder geträumt. Bis ich mit einer konkreten Idee an einem Online-Workshop teilnahm und feststellen musste, dass es noch viel komplexer ist, sich einen Roman, die Handlung, die Figuren, das Setting usw. selbst auszudenken, als all das einfach nur in eine andere Sprache zu übertragen. Beim fiktionalen Schreiben muss man enorm viele Entscheidungen treffen, die ich als Übersetzerin nicht treffen muss. Ich kann mich ganz auf die Sprache konzentrieren, und gerade das macht mir ja so viel Spaß. Aber der aufmerksame Leser des Nordschleswigers weiß natürlich, dass ich durchaus mal nicht-fiktionale Texte schreibe.

Du willst also lieber Übersetzerin bleiben. Buchautoren verdienen, wenn sie einen Erfolg landen, ja mitunter immense Summen. Wie sieht es denn bei den Übersetzern aus?

Wenn sie einen Erfolgsautor übersetzen und eine Absatzbeteiligung im Vertrag steht, ist bei einigen ein neues Fahrrad drin, bei manchen ein Familienurlaub und bei ganz wenigen eine Eigentumswohnung. Solange die Absatzbeteiligung von nicht einmal einem Prozent vom Nettoladenpreis ab 5.000 verkauften Exemplaren aber nicht greift – und nur die wenigsten Titel schaffen diese Hürde –, muss man mit dem Seitenhonorar auskommen. Und das ist wahrlich nicht üppig. Aber wie in anderen Berufen kommt es natürlich auch unter Übersetzern auch darauf an, wie man selbst wirtschaftet.

Am 30.September ist der„Internationale Übersetzertag“. Du wirst an diesem Tag mit einer Kollegin einen Vortrag über den Beruf des Übersetzers halten. Was erwartet die Besucher in der Deutschen Zentralbücherei Apenrade?

Meine Kollegin Kerstin Schöps und ich werden ausführlich erklären und vormachen, wie das mit dem Übersetzen genau funktioniert. Es wird eine Leinwand geben, auf der das Publikum mitverfolgen kann, was auf unserem Bildschirm passiert – darum heißt das Format „Gläsernes Übersetzen“. Und wir hoffen auf viele Fragen aus dem Publikum!

Wie ist dieser Übersetzertag an sich und die Idee dahinter entstanden?

Den Internationalen Übersetzertag gibt es seit 1991. Aus dem Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ) heraus entstand einige Jahre später die Idee, in der Nähe des eigenen Wohnortes kleine Veranstaltungen zu machen, mit denen den Menschen in der Nachbarschaft gezeigt wird, was die Übersetzer da so den lieben langen Tag in ihrem stillen Kämmerlein machen. Inzwischen gibt es einen Verein „Weltlesebühne e. V.“, dessen Ziel es ist, die Arbeit von Übersetzerinnen und Übersetzern sichtbarer zu machen. Seit 2014 finden im Namen der Weltlesebühne am und um den 30. September in zahlreichen deutschen Städten Veranstaltungen im Format „Gläsernes Übersetzen“ statt. Dass das möglich ist, dass vor allem auch möglich ist, den Auftretenden ein passables Honorar zu zahlen, ist diversen Förderern und Sponsoren zu verdanken, allen voran der Robert-Bosch-Stiftung. Die Veranstaltungen in Apenrade und Flensburg werden außerdem großzügig unterstützt von der Dänischen Kunststiftung (Statens Kunstfond).

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