Vortrag

„Auf keinem Auge blind“

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Jan Diedrichsens Vortrag regte zu Diskussionen und Nachfragen an. Foto: Cornelius von Tiedemann

Einsatz für die, die sonst niemand hört: Jan Diedrichsen ist Bundesvorsitzender der Gesellschaft für bedrohte Völker. Sein Vortrag regte zu Diskussionen und Nachfragen an.

Als Jan Diedrichsen vor vielen Jahren auf einem Minderheitenkongress Tilman Zülch zum ersten Mal traf, war kaum abzusehen, dass der junge Mann aus Nordschleswig eines Tages Bundesvorsitzender der Organisation werden würde, die Zülch 1968 ins Leben gerufen hatte.

Bis 5 Uhr morgens, erinnert sich Diedrichsen, hätten die beiden damals heftig gestritten. Und auch heute noch sind der neue Bundesvorsitzende und der langjährige Direktor längst nicht immer einer Meinung. Doch beide eint die Leidenschaft, sich gegen Unrecht und für Minderheiten einzusetzen.

„Für die, die keine Stimme haben“, sagt Diedrichsen am Donnerstagabend im Apenrader Haus Nordschleswig. Eine angesichts des hochsommerlichen Wetters beachtliche Schar hat sich versammelt, um im Rahmen des „Politischen Forums“ der Deutschen Bücherei zu erfahren, was es mit der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) auf sich hat und was sich hinter dem von Diedrichsen gewählten Motto des Abends, „Jammern auf hohem Niveau? Minderheitenrechte weltweit“, verbirgt.

„Wir sind in einer ganz gefährlichen Situation“

Worum es dem 42-Jährigen geht, das wird schnell deutlich. Denn kaum einer Minderheit gehe es so gut, wie der deutschen Minderheit in Nordschleswig. Und: „Wir sind in einer ganz gefährlichen Situation“, sagt er – und erklärt, weshalb nicht nur die Außenpolitik Chinas, Russlands oder der Türkei für Minderheiten und alle, die eben keine Stimme haben, die gehört wird, so verhängnisvoll ist – sondern weshalb auch und gerade die Entwicklung in den westlichen Demokratien inklusive Dänemark aus Sicht der Menschenrechtler besorgniserregend ist.

Minderheiten würden weltweit auf perfide Weise instrumentalisiert, berichtet Diedrichsen, etwa dann, wenn in Deutschland die AfD „hervorragende Papiere über die Situation der Christen im Nahen Osten“ verfasst – und zugleich gegen Minderheiten in Deutschland agitiert.

Wenn der türkische Präsident Erdogan zu Recht auf das Unrecht verweist, das den turksprachigen Uiguren in China widerfährt, während er selbst gnadenlos gegen andere Volksgruppen vorgeht und wettert.

Und wenn die Chinesen einen von der GfbV zu den Vereinten Nationen nach New York entsandten Uiguren als muslimischen Terroristen auf eine internationale rote Liste setzen und ihn so, ohne richterliche Anordnung, zum Ziel polizeilicher Ermittlungen machen und versuchen zu verhindern, dass er vor der Völkergemeinschaft zu Wort kommt.
Es sei angesichts der „massiven Propaganda“ allerorten und von allen Seiten heute schwer, so Diedrichsen, seriöse Informationsquellen auszumachen. „Es gilt die alte Journalistenweisheit, immer mindestens zwei oder drei unabhängige Quellen zu Rate zu ziehen“, rät er allen, die sich ein wenigstens einigermaßen ausgewogenes Bild von Krisen, wie denen im Nahen Osten, in Myanmar oder im Jemen, machen wollen.

Menschenrechte unter Druck

Doch, und hier spannt er den Bogen nach Europa, nicht nur in Polen oder Ungarn, auch in Dänemark, dem Diedrichsen eine gute Entwicklungshilfearbeit bescheinigt, sieht er dunkle Schatten für Menschenrechtler aufziehen. Denn „wenn Dänemark den Vorsitz im Europarat übernimmt und als erstes eine Reform der Menschenrechte anstößt, dann ist die Frage: Für wen gelten die Menschenrechte und wo?“, mahnt er.

Ja, es dürfe debattiert werden, ob es überhaupt realistisch ist, die Menschenrechte überall umzusetzen. Doch sei es ein sehr rutschiger Weg, den Anspruch auf Menschenrechte für alle deshalb aufzugeben. Immerhin, so Diedrichsen, sei Dänemark mit seinen Plänen „grandios gescheitert“ – doch die Tendenz sei erschreckend.

Aufgeben kommt nicht in Frage

Die GfbV ist keine Hilfsorganisation im Sinne der Nothilfe, macht Diedrichsen deutlich, und „wir haben nicht den Anspruch, wissenschaftliche Arbeit zu machen. Wir machen politische Arbeit. Wir sind auf keinem Auge blind“, zitiert er den Leitsatz der Gesellschaft.

Ja, der Welt gehe es im Großen besser als früher – „aber deshalb können wir uns doch von den Menschenrechten nicht verabschieden“. Denn im selben Tempo, wie der Wohlstand zunehme, gehe die Schere zwischen Arm und Reich auseinander, nehme die Empathielosigkeit der Menschen, denen es gut geht, zu. Die Entscheidung Dänemarks, keine UN-Quotenflüchtlinge mehr aufzunehmen, sei gerade deshalb so traurig, weil es die treffe, die es sich eben nicht leisten können zu fliehen. Jene, die keine Stimme haben, die gehört wird.

Ihnen will Diedrichsen, will die GfbV eine Stimme geben – ob bei den Vereinten Nationen in New York, bei Gesprächen mit Politikern in Berlin oder Brüssel – oder beim Politischen Forum in Apenrade.

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