Knivsberg

Historischer Lernort: Die Geschichte und ihre Bewältigung

Historischer Lernort: Die Geschichte und ihre Bewältigung

Historischer Lernort: Die Geschichte und ihre Bewältigung

Max Hey
Max Hey
Knivsberg /Knivsbjerg  
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Die Gedenkstätte wird ein zentraler Bestandteil des Knivsbergs als historischer Lernort sein. Foto: Max Hey

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Vom Ehrenhain und Langbehnhaus zur Gedenkstätte und Haus Knivsberg. Die Art und Weise der deutschen Minderheit, mit ihrem schwierigen Erbe umzugehen, hat sich über die Jahre stetig weiterentwickelt. Nun soll mit der Entwicklung des Knivsbergs zu einem historischen Lernort ein weiterer Schritt in Sachen Vergangenheitsbewältigung gemacht werden.

Am 18. August 1962 weihten die deutschen Nordschleswiger auf dem zwischen Apenrade (Aabenraa) und Hadersleben (Haderslev) gelegenen traditionellen Treffpunkt der Volksgruppe, dem Knivsberg, eine zentrale Stätte zum Gedenken ihrer gefallenen und vermissten Frontkämpfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs ein.

Sie erhielt den Namen Ehrenhain.

„Hat mit Ehre nichts zu tun“

Anfang der 1990er Jahre kam allerdings erstmals öffentlich zum Vorschein, dass einige der Namen auf den Bronzetafeln von 1939 bis 1945 nicht Vermissten oder Gefallenen zuzuordnen waren, sondern Kriegsverbrechern. Also Personen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von „dänischen Gerichten zum Tode verurteilt und hingerichtet worden sind“, wie es im „Nordschleswiger“ am 8. April 1992 in einem kleinen Beitrag, schlicht tituliert mit „Volksgruppe überprüft Fehler im Ehrenhain“ – auf Seite eins rechts unten hieß.

Die Namen von Gustav Alfred Jepsen aus Hadersleben, der unter anderem im Zuge der Räumung des Konzentrationslagers Wilhelmshaven hauptverantwortlich für die Massentötung von 60 bis 80 Häftlingen war und sechs Häftlinge eigenhändig umbrachte, und anderen Kriegsverbrechern wurden in der Folge aus dem „Ehrenhain“ entfernt.

Allerdings dauerte es bis zum 40-jährigen Bestehen des Ehrenhains, dass ein Hauptvertreter der deutschen Nordschleswiger, in Person des Hauptvorsitzenden des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN), Hans Heinrich Hansen, erstmals öffentlich zu der Erkenntnis kam, dass „ein Begriff wie ‚Ehre‘ nichts mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat“.

Der Stein, der den Ehrenhain kennzeichnete Foto: Max Hey

Trotz dieser Erkentnis tat sich die Minderheit bis zum 50-jährigen Bestehen der Bronzetafeln auf dem Knivsberg weiterhin schwer, die Aufarbeitung ihres „dunklen Kapitels“ aktiv anzugehen – wie vom ehemaligen Chefredakteur des „Nordschleswigers“, Siegfried Matlok, auf Seite neun der Tageszeitung vom 27. November 2010 gefordert und im Kontext des damals vom Historiker Dennis Larsen erschienenen Buches „Fortrængt grusomhed“ (verdrängte Grausamkeit) auf Seite 30 und 31 unter dem Titel „Ein grausames Kapitel Minderheit“ ausführlich dargelegt.

Umbenennung in Gedenkstätte

Das Jahr 2012 markiert daher einen „extremen Wendepunkt“ in dem Umgang der deutschen Minderheit mit der Nazizeit, wie der hierzu – im Rahmen seiner Doktorarbeit – forschende Jon Thulstrup konstatiert.

„Wir können vor unserer Geschichte nicht weglaufen, wir können sie nur erklären“, so der amtierende Hauptvorsitzende des BDN, Hinrich Jürgensen, in seiner Rede zur Umbenennung des Ehrenhains in Gedenkstätte am 18. August 2012.

Hier gehts seit 2012 nicht mehr zum Ehrenhain, sondern zur Gedenkstätte. Foto: Max Hey

Dass diese Umbenennung in „Gedenkstätte“ – ein Begriff, der laut dem dänischen Historiker Henrik Skov Kristensen viel Nachdenklichkeit ausdrückt – einen wichtigen Schritt in der Vergangenheitsbewältigung der deutschen Minderheit symbolisiert, ist auch einer Rede von Carsten Leth Schmidt, Vorsitzender der Schleswigschen Partei, im Jahr darauf zu entnehmen: „Aus heutiger Sicht kennen wir den Umfang der Verbrechen gegen die Menschheit, die während des Zweiten Weltkrieges geschahen. Wir sind uns auch bewusst, dass Angriffskriege völkerrechtlich geächtet sind. Aus heutiger Sicht wirken deshalb Bezeichnungen wie ,Ehre’ in jeglicher Verbindung mit einem solch fundamentalen Verbrechen als verfehlt.“

In den Jahren darauf entstand eine Debatte um das mögliche Entfernen des Namens eines nordschleswigschen Soldaten, der als Kriegsinvalide in die Küche des Konzentrationslagers Dachau verlegt wurde, die dortigen Umstände aber so schrecklich fand, dass er lieber zurück an die Front wollte und daraufhin verschollen war. Dieser Fall gab Anlass für eine Diskussionsveranstaltung im Haus Nordschleswig im Dezember 2018.

Das erfordert Mut, wenn es um so ein sensibles Thema geht, und diesen Mut haben wir.

Lasse Tästensen

Dort wurde angeregt in Zukunft keine Namen mehr von den Bronzetafeln zu entfernen, sondern den Knivsberg zu einem historischen Lernort zu entwickeln.

Dieser Ansicht war beispielsweise ein israelischer Botschafter, der laut Hinrich Jürgensen sagte: „Löscht bloß die Namen nicht, sondern erklärt und klärt auf, sodass sowas nie wieder vorkommt.“

Ähnlich drückt es auch Lasse Tästensen, Leiter der Bildungsstätte Knivsberg, aus: „Es wäre natürlich viel einfacher, weiterhin Namen, die kontrovers diskutiert werden, von den Tafeln zu entfernen, um sich davon zu distanzieren. Aber diese dunkle Zeit und auch der Prozess, damit richtig umzugehen, sind Teil unserer Geschichte, und die wollen wir nicht verheimlichen, sondern aufzeigen, erklären und transparent machen. Das erfordert Mut, wenn es um so ein sensibles Thema geht, und diesen Mut haben wir.“

Lasse Tästensen bei der Gedenkstätte auf dem Knivsberg Foto: Katharina Knauthe

So wurde etwa der „Ehrenhain“-Stein, der früher den Zugang beziehungsweise den Beginn des Memorials markierte, nicht komplett entfernt, sondern – als Symbol des langwierigen und schwierigen Prozesses hin zur kritischen Aufarbeitung – in das Innere der Gedenkstätte versetzt.

Der Knivsberg als historischer Lernort

Die Grundlage, den Knivsberg zu einem historischen Lernort zu entwickeln, auf dem die Vergangenheit sowie der Prozess ihrer Bewältigung offengelegt wird, sollen die Befunde von Jon Thulstrups Promotion leisten.

Er befasst sich im Rahmen seiner Dissertation an der Süddänischen Universität (Syddanske Universitet) insbesondere damit, wie die Eltern der Kriegsgeneration, die Kriegsgeneration an sich sowie deren Kinder im deutschen Nordschleswig mit dem Zweiten Weltkrieg und der deutschen Besatzungszeit umgehen beziehungsweise umgegangen sind.

Die Forschungsstelle an der Universität wird finanziell zu zwei Dritteln von der deutschen Minderheit getragen.

Jon Thulstrup freut sich über das große Interesse an der Geschichte der deutschen Nordschleswiger. Foto: Karin Riggelsen

Gerade den Kindern der Kriegsgeneration attestiert er dabei generell eine „aktive und intensive Kriegsaufarbeitung“, was sich auch darin zeigt, dass „sie mit einem Doktoranden darüber sprechen“, was natürlich auch daran liegt, „dass mittlerweile viel Zeit vergangen ist“.

Zwar wollen die Verantwortlichen Thulstrups Ergebnisse abwarten, bevor sie den Knivsberg als historischen Lernort weiter konkretisieren und etwa einen genauen Handlungsplan entwerfen, jedoch bietet der Knivsberg als Bildungsstätte und Ausflugsziel bereits einige zentrale Elemente und Möglichkeiten, die im Rahmen des Projekts noch weiter optimiert und ausgeschöpft werden sollen.

Reges Interesse der Öffentlichkeit

So werden etwa Touren auf dem Knivsberg angeboten, „in denen wir den vielen Besucherinnen und Besuchern, die wir gerade in den Sommermonaten hierhaben, über die Vergangenheit und Bedeutung des Knivsbergs für die Minderheit aufklären“, sagt Tästensen.

Um diese Einblicke der Öffentlichkeit noch zugänglicher zu machen, wurden unter anderem Schilder am Haderslevvej aufgestellt, die auf den Knivsberg und seine Rolle für die Minderheit aufmerksam machen.

Auch die dänischsprachigen Führungen, die seit 2020 angeboten werden, ziehen viele Besucher an, meint Lasse Tästensen. Foto: Karin Riggelsen

„Ein großes Interesse an dem Thema" besteht laut Hinrich Jürgensen auch bei Däninnen und Dänen ohne das größte Hintergrundwissen, die durch ihr Besuche auf dem Knivsberg und der Gedenkstätte oft eine ganz neue und andere Wahrnehmung der Minderheit erlangen.

„Wenn ich etwa Jugendliche zur Gedenkstätte führe und ihnen zeige, das hier ist Krieg und die Beweggründe dahinter erläutere, merken sie, ein Krieg hat keine Gewinner, sondern nur Verlierer.“

Jugend debattiert

Gerade für junge Leute wünscht sich Jürgensen vom Knivsberg als historischer Lernort daher, ein Ort der Diskussion und Auseinandersetzung zu sein, der die Umstände und Beweggründe der gefallenen und vermissten Frontkämpfer intensiver beleuchtet und sie interaktiv vor die Fragen stellt: „Was hättest du getan, wenn du in ihrer oder einer vergleichbaren Situation gewesen wärst? Ist diese Person für dich also ein Kriegsverbrecher oder eine Kriegsverbrecherin?“

BDN-Hauptvorsitzender Hinrich Jürgensen beim Seminar: „Geschichte auf dem Berg“ Foto: Karin Riggelsen

Dass die jüngere Generation reges Interesse an dieser Debatte hat, ist sich auch Jon Thulstrup sicher und verweist auf die deutsch-dänische Sommeruniversität – eine Kooperation aus mehreren deutschen Universitäten, der Süddänischen Universität, dem BDN sowie der Konrad-Adenauer-Stiftung –, die vergangenen Sommer in Lügumkloster (Løgumkloster) in der Kommune Tondern (Tønder) stattfand und auch den Knvisberg besuchte: „Dort haben junge Studierende, die keine Assoziation zur Minderheit haben, Podcasts produziert, in denen sie auch über dieses Thema intensiv diskutierten“, schildert der Doktorand aus dem Raum Tingleff (Tinglev).

Thulstrup hatte im Rahmen seiner Doktorarbeit auch das Seminar „Geschichte auf dem Berg“ initiiert, auf dem deutsche und dänische Historikerinnen und Historiker im vergangenen Jahr Denkanstöße für den weiteren Umgang für die Minderheit gaben.

Vom Langbehnhaus zum Haus Knivsberg

Thulstrups Anregung, die „Geschichte auf dem Berg“ als Seminarreihe alle zwei Jahre mit verschiedenen Schwerpunkten zu wiederholen, fand nicht nur bei Lasse Tästensen und Hinrich Jürgensen Anklang, sondern auch beim dänischen Historiker Hans Schultz Hansen, der es zudem gut findet, „dass das ehemalige Langbehnhaus auf dem Knivsberg im vergangenen Jahr in Haus Knivsberg umbenannt wurde“.

Christian Jebsen enthüllte beim Einweihungsfest des Hauses Knivsberg am 28. Mai 2021 den neuen Namen des Gebäudes. Unter dem neuen Namenszug befindet sich die alte Inschrift und erzählt somit ein Stück Minderheiten-Geschichte. Foto: Gwyn Nissen

Zwar war der vorige Namensgeber zu den Zeiten der deutschen Besetzung Dänemarks schon tot, jedoch war August Julius Langbehn bekennender Antisemit.

Ähnlich steht es um einige Gründungsväter der deutschen Minderheit, wie etwa die Pastoren und Grenzlandaktivisten Christian Johannes Jakobsen und den deutsch-völkisch rassistischen Johannes Schmidt-Wodder.

Deswegen plädiert Hansen dafür, dass der Knivsberg als ein historischer Lernort nicht nur die Jahre 1939 bis 1945 kritisch beleuchtet, „sondern auch die dafür ebenfalls wichtige Zeit und Geschichte dieser anderen ideologischen Vorreiter, damit Besucherinnen und Besucher sowie die Minderheit selbst weiterhin davon lernen können“.

Der nordschleswigsche Historiker Hans Schultz Hansen ist ein gern gesehener Gast bei der deutschen Minderheit. Foto: jt

Aus der Geschichte auf dem Knivsberg lernen zu können ist ja schließlich das Ziel dieses Projekts. Und wenn nicht an diesem historischen Ort der Begegnung, der Bildung, des Gedenkens und der Bewältigung, „wo dann sonst?“, fragt sich auch Jon Thulstrup.

Bis dieser historische Lernort vollkommen ist, müssen sich Interessierte aus Deutschland, Dänemark, dem Grenzland und anderswo jedoch wohl noch eine Weile gedulden.

Sowieso muss Geschichte ja immer wieder neu geschrieben und neu erzählt werden, denn wie der Historiker Henrik Skov Kristensen schon bei der Umbenennung von Ehrenhain in Gedenkstätte anmerkte, sind „Phänomene wie Gedenkkultur und Gedenkpolitik keineswegs statisch, sondern verändern sich ständig“.

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