„Gefahrenabwehr ohne Grenzen 2.0“

Grenzenlos? Für dänische Ambulanzen gilt das nicht

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Tingleff/Tinglev
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Beim Treffen wurde an der Kreisfeuerwehrzentrale in Schleswig die Projektplakette enthüllt. Foto: Privat

Dänische Ambulanzen werden auf deutscher Seite gebraucht, dürfen aber weiterhin nicht über die Grenze ausrücken: Das Interregprojekt „Gefahrenabwehr ohne Grenzen 2.0“ arbeitet an einer engeren Kooperation zwischen den Ländern. In Schleswig fand nun eine Halbzeitanalyse statt.

Gefahrenabwehr ohne Grenzen 2.0

Das EU Interregprojekt „Gefahrenabwehr ohne Grenzen 2.0“ unterstützt von 2017 bis 2019 die Zusammenarbeit von Rettungskräften bei Planung, Übung und im Einsatz.

Die drei deutschen Kreise im Grenzgebiet, das Technische Hilfswerk (THW), der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN.SH), die Leitstelle Nord sowie ihre jeweiligen dänischen Partner arbeiten an Möglichkeiten, sich noch besser unterstützen zu können.

Partner des Projektes sind die Kommune Sonderburg, die Region Süddänemark, Stadt Flensburg, Kreis Schleswig-Flensburg und der Kreis Nordfriesland.

Netzwerkpartner sind die Region Sønderjylland-Schleswig, Syd- og Sønderjyllands Politi, Beredskabsstyrelsen, Sydvestjysk Brandvæsen, Technisches Hilfswerk, Landesbetriebe für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein und die Kooperative Regionalleitstelle Nord.

Gefördert wird das europäische Projekt durch eigene Mittel der Projektpartner des EU-Interregprojektes Deutschland-Danmark und Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.

Während der Einsatz von Feuerwehren im Nachbarland mittlerweile größtenteils praktizierter Alltag im deutsch-dänischen Grenzland ist, stellt die Landesgrenze beispielsweise für dänische Rettungswagen noch immer ein Hindernis dar, das im Regelfall nicht zu überwinden ist.

Eine Bedarfsanalyse des Interregprojektes „Gefahrenabwehr ohne Grenzen 2.0“ zeigt: Dänische Ambulanzen werden auf deutscher Seite gebraucht, da sie zum Teil schneller vor Ort sein können als deutsche Rettungseinheiten. Doch noch immer ist es dänischen Ambulanzen nicht erlaubt, mit dem Rettungswagen über die Grenze zu fahren, um zu helfen.

Der Grund: Die Berufsbilder sind in beiden Ländern unterschiedlich. Während die Region Süddänemark die Berufsausbildungen und die damit einhergehenden Qualifikationen längst gleichgestellt und damit anerkannt hat und der Rettungseinsatz deutscher Ambulanzen beispielsweise in Pattburg und Bau längst Alltag ist, dürfen dänische Rettungsfahrzeuge die Grenze nicht überqueren. Lediglich bei Großschadenslagen und Katastrophen machen die schleswig-holsteinischen Gesetze eine Ausnahme. Im Regelfall ist dänischem Rettungspersonal ein Einsatz nicht gestattet. „Das Gesetz soll die Bürger im Grunde schützen, man will wissen, wer im eigenen Land fährt und Rettungseinsätze leistet“, weiß Projektleiter Harald Siemen. „Aber wir benötigen dringend die Anerkennung der Berufe von Kieler Seite aus. Das scheint leider ein langer Prozess zu sein.“
So sieht das auch der Vorsitzende des prähospitalen Ausschusses der Region Süddänemark, Mads Skau (Venstre).

Grünes Licht aus Kiel fehlt

„Wir wollen mit unseren Rettungswagen über die Grenze fahren und helfen, dürfen es aber nicht. Ich persönlich finde es doch sehr traurig, dass es in Kiel noch immer nicht gelungen ist, die Gleichstellung der Berufe zu erreichen. So bleiben wir weiterhin außen vor.“

Man habe diese Angelegenheit immer wieder angesprochen. „Wir warten auf die Antworten und Ergebnisse aus Kiel. Ich bin der Meinung, dass beide Seiten gleichberechtigt sein sollten, was den Einsatz der Rettungskräfte angeht. Bislang ist das nicht der Fall.“ Der Vorsitzende moniert: Dänische Rettungssanitäter dürfen im Normalfall nicht in Schleswig-Holstein tätig werden, während die Region Süddänemark andersherum längst eine feste rettungsdienstliche Zusammenarbeit mit der Stadt Flensburg hat. „Nicht zu vergessen der Rettungshubschrauber, den wir aus Niebüll anfordern. Das darf keine Einbahnstraße sein“, so der Regionsratspolitiker auch mit Blick auf die mögliche zukünftige Nutzung des Rettungshubschraubers aus Assens.

Projektleiter Harald Siemen wünscht sich, dass mit Auslaufen des Interreg-Projektes 2019 der Rettungsbedarf südlich der Grenze von dänischen Rettungskräften aufgefangen werden kann. „Wenigstens die Spitzen“, so Siemen.

Halbzeit des Projektes

Kürzlich fand ein Treffen zur Halbzeit des Projektes statt. In Schleswig kamen Führungskräfte der Gefahrenabwehr im deutsch-dänischen Grenzgebiet zusammen. Unter anderem die Entscheider von Feuerwehren, Rettungsdiensten und der dänischen Polizei. „Derzeit arbeiten wir unter anderem an dem fünften Arbeitspaket, dem grenzüberschreitenden Rettungsdienst“, so Siemen.

Werben für Einsätze im Nachbarland

Bereits intensiv bearbeitet wurden beispielsweise die Arbeitsbereiche Öffentlichkeitsarbeit, Projektmanagement oder der grenzüberschreitende Feuerwehreinsatz, „aber auch in diesen Bereichen gibt es weiterhin Fortschritte und Verbesserungsbedarf“, weiß Siemen.
So wurden kürzlich Gespräche mit sämtlichen Freiwilligen Feuerwehren in einem fünf Kilometer breiten Streifen entlang der Grenze auf deutscher Seite geführt. Um dafür zu werben, auf dänischer Seite zum Einsatz auszurücken, sollte ein dringender Bedarf bestehen. „Während es im Kreis Nordfriesland längst Alltag ist, dass die deutschen Wehren zum Einsatz nach Dänemark fahren, ist das weiter östlich nicht der Fall. Daher wurden jetzt Gespräche mit diesen Wehren geführt“, so Siemen.

„Nur wenn die Retter wissen, wie ein Einsatz im Nachbarland abläuft, wie man sich verständigt und wie man zusammenarbeitet, kann ein Rettungseinsatz über die Grenze stattfinden. Hier vernetzen wir Feuerwehren auf beiden Seiten, es gibt Konferenzen und kleinere Treffen, bei denen gemeinsam geübt wird, aber auch der kameradschaftliche Teil kommt nicht zu kurz. Wir wollen Beziehungen aufbauen, die auch dann tragen, wenn das Projekt ausläuft“, so Siemen.

„In Aventoft ist es durch unser Vorgängerprojekt beispielsweise längst gang und gäbe, über die Grenze zum Löschen zu fahren.“

Im grenzüberschreitenden Rettungsdienst steht man nach Vorarbeit der Projektes derzeit vor einem Meilenstein: der technischen Synchronisierung der Rettungsstelle Nord in Harrislee und der Leitstelle in Odense.

Notrufe landen direkt im System

Auch bislang gingen Notfälle aus Dänemark in Harrislee ein, diese mussten jedoch erst manuell ins System eingespeist werden. Deutsche Rettungsmittel der Stadt Flensburg sind seit Herbst 2017 für die dänische Rettungsleitstelle in Odense sichtbar. Dadurch kann wertvolle Zeit bei der Alarmierung gespart werden. „Bei einer Reanimation zählt jede Sekunde“, so Siemen.

Diese Sichtbarkeit soll jetzt noch optimiert werden. In Zukunft sendet der dänische Sender die Daten direkt ins System, sodass der Notruf ungebremst in den Rettungswachen ankommt. Die Koordinierung der technischen Systeme ist bereits beschlossene Sache, nun folgt die praktische Umsetzung.

Eine weitere Erfolgsgeschichte: Die dänische Rettungsstelle konnte bislang zwar einsehen, welche Rettungswache, beispielsweise in Flensburg, besetzt ist. Nicht aber, ob sich die Rettungswagen dieser Wache bereits im Einsatz befinden oder verfügbar sind. Über ein GPS-System können die Kollegen in Dänemark nun genau sehen, wo sich welcher Wagen befindet – und dementsprechend die schnellste Einheit herbeirufen.

Dass die Koordinierung beider Rettungssysteme lebenswichtig ist, zeigte unlängst die Notfallserie aufgrund dichten Nebelaufkommens in Süddänemark. Dort kam es zu einer ganzen Serie von Unfällen, zum Teil mit Todesfolge. Die Brücke nach Odense war zudem wegen weiterer Zusammenstöße gesperrt. „Da haben wir einmal wieder erlebt, wie wichtig es ist, dass deutsche Rettungsfahrzeuge für die Region Süddänemark ausrücken können“, so Siemen. „Da sieht man: Naturereignisse und Katastrophen machen vor einer Grenze eben nicht halt. Und wir sollten es auch nicht tun.“

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