Runder Geburtstag

Ein Europäer der Regionen

Ein Europäer der Regionen

Ein Europäer der Regionen

Ruth Nielsen
Ruth Nielsen Lokalredakteurin
Ekensund/Egernsund
Zuletzt aktualisiert um:
Foto: Karin Riggelsen

Hans Heinrich Hansen ist eine feste Größe nicht nur in der Deutschen MInderheit sondern auch als Präsident der FUEN von 2007 bis 2016 international bekannt. Im Gespräch mit Nordschleswiger Redakteurin Ruth Nielsen blickt er zurück.

Hans Heinrich Hansen hat jahrzehntelang im Rampenlicht öffentlichen Interesses gestanden, als Tierarzt, der Aufsehen erregte, als er mit nur 27 Jahren mit seinem Freund Carsten Møller in Heisagger die erste Tierklinik im Landesteil eröffnet hat, als Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN) von 1993 bis 2006 und als Präsident der FUEN (Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten) von 2007 bis 2016. Am Dienstag kann Hans Heinrich Hansen seinen 80. Geburtstag feiern, was er mit Lebensgefährtin Andrea Kunsemüller, Familie und Freunden tun wird.

Zu seiner Freude bei „guter Gesundheit. Ich gehöre zu den Glücklichen, die nicht von Schmerzen gepeinigt sind. Dabei war ich nie ein großer Sportsmann. Ich habe sehr viel Zeit im Tierhospital, im Hauptvorstand und in der FUEN verbracht. Wenn ich mal gestresst war, ging ich nach Hause (das lag neben der Klinik), 15 Minuten war ich weg, dann ging’s wieder.“

Abschied rückt näher

Er findet, „mit 80 ist man alt. Leider leben wir in einer Zeit, wo das Alter nicht mehr gefragt ist, keine Erfahrungen abgerufen werden. Das ist so. Das heißt nicht, dass Leben ist zu Ende, der Abschied rückt nur näher“.

Erfahrungen seien das Fundament, sie machten einen guten Diagnostiker aus, „Heute arbeitet man mit modernen Maschinen, dabei sind Erfahrungen ein Schatz“, sagt er zu dem Teil seines Lebens als Tierarzt, der mit 27 Jahren begann und 2013 mit dem Verkauf seiner Firma endete.

„Ich bin ein Spätentwickler“, meint er zu den Umbrüchen im reiferen Alter: Er war 55 Jahre alt, als er 1993 Hauptvorsitzender, 68, als er FUEN-Präsident wurde. „1974 wurde ich schon mal gefragt. Ich wollte mir aber erst einen Namen als Tierarzt machen, die Klinik hatte ich ja noch nicht lange.“

Mit dem Hauptvorsitz hat sich für ihn „eine völlig neue Dimension“ eröffnet. Bereits zwei Jahre später hält er, in Anwesenheit der Königin, eine allseits beachtete, unvergessene Rede auf Düppel, 75 Jahre nach der Volksabstimmung zur Grenzziehung.

Prägendes Erlebnis

Dieses Vermögen hat für ihn „mit Erziehung zu tun“, nennt er das für ihn „prägende“ Erlebnis mit sieben Jahren: Ein Jahr nach der Einschulung im April 1944 in die deutsche Schule wird sie geschlossen: „Ich hatte keine Mitschüler mehr. Es wurde eine særklasse eingerichtet. Du warst plötzlich ausgeschlossen. Seit 1828 waren wir in Hadersleben eine gutbürgerliche Familie, nicht reich, aber gut situiert. Von einem Tag auf den anderen warst du raus. Daraus habe ich Lehren gezogen. Zu Hause wurde Deutsch gesprochen, und ich bin musikalisch erzogen. Das gab ein bürgerliches Selbstverständnis.“

Er erinnert sich an Hänseleien auf dem Schulhof („heute heißt das Mobbing“), an das Einleben in eine dänische Schule („ich konnte kein ordentliches Dänisch“), aber auch an den 9. April 1940, da war er an einem Leistenbruch operiert worden. Seine Eltern wurden gebeten, ihn sofort aus dem Krankenhaus abzuholen, weil niemand wusste, wie viele Verletzte es durch den Einmarsch deutscher Soldaten geben würde. Eine Lehre aus diese Zeit: „Die Wahrheit liegt immer in der Mitte. Es gibt nicht nur schwarz oder weiß.“
Aus dieser Zeit hat er sich eine „gewisse Eigenwilligkeit“ bewahrt. Als er für die Tierklinik einen Kredit brauchte, sollte sein Vater bürgen. „Ich wollte selbstständig sein. Ich fand andere Geldgeber.“

Nach dem Rückzug aus dem Rampenlicht 2016 hat er „schon einen Verlust gespürt. Auch die sozialen Kontakte sind weniger. Ich lese jetzt noch mehr als früher, ein breites Spektrum, über Empathie, Moral, Ethik, Geschichte. Und ich tausche mich viel mit Andrea aus. Viele ihrer Betrachtungen habe ich zu meinen gemacht.“

Mehr Zeit für die Familie

Er hat nun auch mehr Zeit für seine acht Enkel im Alter von 9 bis 25 Jahren. „Bei der Erziehung meiner vier Kinder war ich bemüht, Vorbild zu sein, wenn du das nicht bist, bist du kein guter Erzieher. Ich habe viel versäumt, mein Engagement galt der FUEN, der deutschen Minderheit. Ich war viel weg. Meinen Kalender bestimmten andere. Damals war das richtig. Aber da ist etwas verloren gegangen, was nicht aufgeholt werden kann“, denkt er an das Wachsen von Familientraditionen. So ist es seine älteste Tochter, die zum „Julefrokost“ einlädt.

Der große Bruder

Sehr eng ist sein Verhältnis zu seinen vier Schwestern, als großer Bruder. „Wir haben eine sehr gute Beziehung. Als wir damals das Sommerhaus in Halk von meinem Vater übernahmen, meinte er, das gibt nur Streit. Es ist aber gut gelaufen. Das hat meinen Vater erstaunt. Ich bin eben auch ein ausgleichender Typ. Meine Schwestern meinen, ich bin bevorzugt worden, weil ich ein Junge bin. Elternteile reagieren unterschiedlich auf ihre Kinder. Wenn ich meine Jungenbilder anschaue, sehe ich einen optimistischen, fröhlichen Menschen. Ich bin Optimist, mein Vater war der Schwarzseher.“

Konsens ist wichtig

Im Umgang mit seinen Mitmenschen pflegt er einen Stil, über den gesagt wird, „ich ließe zu viel diskutieren. Das ist schon richtig. Man muss reden, um zu einem Konsens zu finden. Das ist der Inbegriff der Demokratie. Grundsätzlich strebt der Mensch nach Anerkennung Vertrauen, Geborgenheit. Da kannst du mit Empathie viel bewirken. Ich habe die Vielfalt der Europäer kennengelernt, die auf viele, viele Arten ihre Kultur pflegen, und erlebt, das sind Menschen wie du und ich“.

Allerdings: Einmal ist er von dieser Linie abgewichen. Es ging um Mittel für die FUEN, die vor der Insolvenz stand. Soviel er wusste, hat ein CSU-Mann im Haushaltsausschuss die Bremse gezogen. Den hat sich Hansen zur Brust genommen, danach floss das Geld.
Er ist in der Minderheit und mit dem BDN groß geworden, die Haussprache ist Deutsch, doch in seinem Benehmen (behaviour, wie er sagt) „bin ich Däne. Mein ganzes aktives Leben war ich abhängig von der dänischen Mehrheit, für die war ich der Tierarzt, ich bin im nördlichsten Teil Nordschleswigs aufgewachsen. Ich kenne fast alle dänischen Lieder, kann in dänischer Gesellschaft mitsingen. Auch das hat mich geprägt.“

Er ist ein Schleswiger

Er gehört zur deutschen Minderheit, bezeichnet sich aber als „Schleswiger“. Er ist Verfechter eines „Europas der Regionen“. Werden Minderheiten nationalistisch, verschärfen sich die Konflikte (Katalonien).

Für ihn sind die Minderheiten „kompatibel“ geworden. „Als ich 1993 den Vorsitz übernahm, gab es keine Südschleswiger an unseren Schulen. Das hat sich geändert. Kurz nachdem ich Vorsitzender wurde, hatte ich Heinrich Schultz (SSW) ein Treffen vorgeschlagen. Er meinte, ja, aber dann hinter zugezogenen Gardinen. Wir haben es bisher gut gemacht, auch Hinrich (Jürgensen, Vorsitzender) tritt mit Selbstbewusstsein auf. Er ist authentisch. Das zählt.“

Die Kompatibilität ist für ihn Ausdruck „für eine regionale Identität“. Hansen bedauert, dass die dänische Minderheit sich nicht auf einen Standort für das „Haus der Minderheiten“ in Flensburg einigen konnte. „Das zeigt, dass die dänische Minderheit nicht frei davon ist, nationalistisch zu sein. Flensburg, die Minderheitenhauptstadt, als Vorbild ist damit passé.“

„Minderheiten“ als „Kitt der Nationen“, so Hansen, auf die Agenda der EU-Kommission zu setzen, war in seinen Augen eine der wichtigsten FUEN-Aufgaben: „2004 sind zehn neue Staaten dazugekommen. Das verpflichtet sie, die Minderheitenrechte in ihren Verfassungen zu verankern. Da ist es eine Nichtachtung der Minderheiten, wenn die Kommission sagt, das liegt außerhalb ihrer Kompetenz. So etwas Absurdes“, denkt er an die Initiative „Minority-SafePack“. Den Vorsitz dieses Bürgerkomitees hat er weiterhin inne, ganz ohne geht es eben doch nicht.

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