Lese-Café

„Es tut einfach gut, sie zu hören“

„Es tut einfach gut, sie zu hören“

„Es tut einfach gut, sie zu hören“

Annika Zepke
Annika Zepke Journalistin
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Annemarie Stoltenberg beim Lese-Café in Apenrade
Annemarie Stoltenberg präsentiert in der Deutschen Zentralbücherei Apenrade die Bücher des Jahres 2019. Foto: Jørgen Nissen

Es war fast schon ein Treffen unter alten Bekannten: Annemarie Stoltenberg hat am vergangenen Mittwoch bereits zum 17. Mal ihre Bücherliste des Jahres im Literatur-Café in der Deutschen Zentralbücherei in Apenrade vorgestellt.

Seit 2003 kommt Annemarie Stoltenberg jedes Jahr am deutschen Buß- und Bettag in die Deutsche Zentralbücherei Apenrade und stellt den Nordschleswigern ihre Bücher-Highlights des Jahres vor. Diesmal hatte sie insgesamt 23 Bücher im Gepäck, darunter viele Romane, einige Krimis, aber auch ein Sachbuch und eine Biografie waren dabei. Gleich zu Beginn der Veranstaltung und angesprochen auf die vielen Jahre, die sie nun schon nach Nordschleswig kommt, meinte sie: „Ich hoffe, dass wir auf jeden Fall noch silberne Hochzeit feiern können.“ Doch nicht nur Stoltenberg selbst ist der Veranstaltung treu, auch viele der Zuhörer an diesem Abend sind nicht zum ersten Mal da. Monika Bucka-Lassen zum Beispiel kommt schon seit vielen Jahren zu Annemarie Stoltenbergs Literatur-Café ebenso wie Thomas Zwieg. „Der Termin ist jedes Jahr fest im Kalender notiert, weil das einfach immer so toll ist“, meint er.

„Die Liebe im Ernstfall“

Auf charmante Art und mit vielen persönlichen Anekdoten präsentierte die NDR-Journalistin ihre Bücherauswahl im Schnelldurchlauf, so unter anderem auch den Roman „Die Liebe im Ernstfall“ von Daniela Krien. Darin geht es um fünf Frauen aus der Mittelschicht, alle im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, die sich mit universellen Fragen des Frau- und Menschseins auseinandersetzen müssen. Annemarie Stoltenberg beschreibt dieses Buch als einen „schönen Roman über moderne Frauenschicksale“. Den Erfolg des Romans sieht sie darin begründet, „dass man als Leser immer einen Tick klüger ist als die handelnden Personen.“ Einziger Nachteil des Buches sei ihrer Meinung nach, dass die Männer fast klischeehaft schwach dargestellt würden. „Das entspricht ja nicht der Wirklichkeit, das muss man auch mal sagen“, findet sie, und weiß sogleich ein Gegenbeispiel zu nennen: ihren eigenen Mann.

Die ausgestellten Bücher beim Lese-Café
Viele der Bücher, die Annemarie Stoltenberg vorgestellt hat, gibt es in der Bibliothek auch zum Ausleihen. Foto: Jørgen Nissen

„Die guten Tage“

Von der Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises war Annemarie Stoltenberg dieses Jahr eher enttäuscht, wie sie den Nordschleswigern erzählte. Ihrer Meinung nach hätte der diesjährige Siegerroman „Herkunft“ von Saša Stanišić das Genre einfach nicht getroffen. Stattdessen hätte Marko Dinic es mit seinem Roman „Die guten Tage“ verdient gehabt, als bester Roman ausgezeichnet zu werden, „weil er brillant erzählt und das Roman-Genre getroffen hat“, wie sie findet, und das Buch behandele dabei ebenso wie „Herkunft“ das Thema Heimat. Der Ich-Erzähler in „Die guten Tage“ sitzt in einem Bus von Wien nach Belgrad, weil er zur Beerdigung seiner Großmutter muss. Seine Großmutter war es, die ihm emotional und finanziell ermöglicht hat, Belgrad zu verlassen und zum Studieren nach Wien zu gehen. Während der Busfahrt kommt er mit den anderen Reisenden ins Gespräch über das Leben und das Gefühl von Heimat und Heimatverlust.

„Ultimatum“

Neben einer Vielzahl an Romanen hatte Annemarie Stoltenberg auch einige Krimis im Gepäck. Einer von ihnen ist der Politthriller „Ultimatum“ von Christian von Ditfurth. Darin wird zunächst der Ehemann der deutschen Kanzlerin entführt. Die Entführer stellen eine unglaubliche Forderung: Deutschland soll alle Finanzschulden Europas übernehmen, andernfalls kommt der Kanzler-Gatte in Stücke zerlegt zurück. Später wird auch die Ehefrau des französischen Präsidenten entführt, und eine ganz ähnliche Forderung wird gestellt: Frankreich soll alle Atomkraftwerke Europas abstellen. Ein schwieriger Fall für Kommissar Eugen de Bodt. Annemarie Stoltenbergs Einschätzung zu diesem Krimi: „Wir erleben, wie fragil und angreifbar unsere westliche Welt ist. Die romantischen Wünsche eines durchschnittlichen Krimilesers werden bedient und trotzdem hat man am Ende etwas über den Zustand unserer Gesellschaft gelernt.“

In der Pause wurden die vorgestellten Bücher betrachtet
In der Pause konnten die vorgestellten Bücher genauer in Betracht genommen werden. Foto: Jørgen Nissen

„Die Weihnachtsgeschwister“

Anlässlich der bevorstehenden Weihnachtszeit hat sich Stoltenberg auch wieder auf die Suche nach einer Weihnachtsgeschichte gemacht: „Ich suche jedes Jahr eine Weihnachtsgeschichte für mich, aber an eine Weihnachtsgeschichte habe ich natürlich gewisse Anforderungen.“ Erfüllen konnte die in diesem Jahr der Roman „Die Weihnachtsgeschwister“ von Alexa Hennig von Lange. „Die Weihnachtsgeschwister“ handelt von drei erwachsenen Geschwistern, die mitsamt ihrer eigenen Familien im Gepäck zum traditionellen Weihnachtsfest zu ihren Eltern fahren. Dort angekommen, lernen sie von ihrer Mutter, dass es dieses Jahr zum Weihnachtsfest Kartoffelsuppe aus der Dose geben wird, da sie keine Lust hatte zu kochen. Die Kinder sind entsetzt, es entfacht ein großer Streit, und als die Kinder zu einem versöhnlichen Gespräch ins Haus der Eltern zurückkehren, sind diese verschwunden. „Es ist eine ganz rührende Geschichte mit einem hohen Wiedererkennungswert für viele“, verspricht Stoltenberg.

Ein Wiedersehen in 2020

Die Zuhörer zeigten sich begeistert von der gut zweistündigen Lesung. „Sie hat so eine tolle Sprache“, schwärmte Monika Bucka-Lassen, „das tut einfach so gut, sie zu hören.“ Thomas Zwieg war gleichermaßen angetan von Stoltenbergs Buchvorstellungen: „Sie macht das einfach super, weil sie dabei auch so viele persönliche Sachen erzählt.“

Das nächste Lese-Café mit Annemarie Stoltenberg findet dann am deutschen Buß- und Bettag 2020 in der Deutschen Zentralbücherei Apenrade statt.

Die Bücher des Jahres 2019

Christina Grätz: Die fabelhafte Welt der Ameisen. Gütersloher Verlagshaus, 20€

Nora Bossong: Schutzzone. Suhrkamp, 20€

Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen. Rowohlt, 20€

Marko Dinic: Die guten Tage. Zsolnay, 22€

Norbert Zähringer: Wo wir waren. Rowohlt, 25€

Kati Naumann: Was uns erinnern lässt. Harper Collins, 20€

Gregor Sander: Alles richtig gemacht. Penguin, 20€

Matthias Brandt: Blackbird. Kiepenheuer & Witsch, 22€

Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall. Diogenes, 22€

Jan Peter Bremer: Der junge Doktorand. Berlin Verlag, 20€

Johann König und Daniel Schreiber: Blinder Galerist. Propyläen, 24€

Karin Kalisa: Radioactivity. C.H.Beck, 22€

Lola Randl: Der große Garten. Matthes & Seitz, 22€

David Wagner: Der vergessliche Riese. Rowohlt, 22€

Dana von Suffrin: Otto. Kiepenheuer & Witsch, 20€

Jörg-Uwe Albig: Zornfried. Klett/Cotta, 20€

Christian von Ditfurth: Ultimatium. C. Bertelsmann, 15€

Friedrich Ani: All die unbewohnten Zimmer. Suhrkamp, 22€

Cay Rademacher: Ein letzter Sommer in Méjean. Dumont, 22€

Jan Philipp Sendker: Das Gedächtnis des Herzens. Blessing, 22€

Alexa Henning von Lange: Die Weihnachtsgeschwister. Dumont, 18€

Eckart Kleßmann: Beim Wort genommen. BoD, 19,80€

Axel Hacke: Wozu wir da sind: Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben. Kunstmann, 20€

Mehr lesen

Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Grüne Zukunft“