Deutsche Minderheit

„Einige meinen, dass wir die Geschichte ruhen lassen sollten – doch das sehe ich anders“

Jon Thulstrup
Jon Thulstrup Online-Redaktion
Fröslee/Frøslev
Zuletzt aktualisiert um:
Hinrich Jürgensen, Henrik Skov Kristensen und Olav Hansen (v.r.n.l.) Foto: Karin Riggelsen

Henrik Skov Kristensen erklärt in seinem neuen Buch, warum sich die Minderheit gegen eine kritische Auseinandersetzung der eigenen Geschichte gewehrt hat. „Der Nordschleswiger“ stellt die Hauptthemen vor.

Dass die deutsche Minderheit in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg es lange versäumt hat, die eigene Geschichte aufzuarbeiten, ist bekannt. Doch nun zeigt Henrik Skov Kristensen neues Buch „Gerningsmænd eller ofre?“ als eine gründliche Studie zur Erinnerungskultur der Minderheit, warum dies so war.

Kristensen beschäftigt sich in seinem Buch insbesondere mit drei Problemfeldern. Zum einen, wie sich die Erinnerung der Minderheit im Vergleich zur Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Zum anderen beleuchtet er den Unterschied zwischen Minderheit und der Bunderepublik anhand von Harald Welzers Theorie der kommunikativen und kulturellen Erinnerung. Abschließend befasst sich Kristensen mit dem Verhältnis der Minderheit zu den beiden Erinnerungsstätten, Faarhuslager und die Gedenkstätte auf dem Knivsberg.

Wie sich die Erinnerung in der Minderheit entwickelt – verglichen mit der Bundesrepublik – erklärt Kristensen bei der Präsentation seines Buches folgend: „Die Minderheit und die Bundesrepublik wiesen am Anfang die Schuld einem kleinen Kreis leitender Persönlichkeiten zu. Aber anders als in Deutschland hat man sich in der Minderheit über die Jahre hinweg als Opfer gesehen. Erst als in Deutschland um die Jahrtausendwende der Diskurs durch eine Opfernarrative geprägt wurde, hat man nach und nach in der Minderheit die Auffassung gehabt, dass es auch Täter in der Volksgruppe gab.“

Kristensen signiert das Buch von BDN-Kommunikationschef Harro Hallmann Foto: Karin Riggelsen

Theorie der kommunikativen und der kulturellen Erinnerung

Den Unterschied der beiden Erinnerungskulturen erklärt Kristensen anhand der Theorie der kommunikativen und der kulturellen Erinnerung. Diese wurde vom deutschen Soziologen Harald Welzer in seinem Buch „Opa war kein Nazi“ vorgestellt. Während die kommunikative Erinnerung insbesondere durch Familienerinnerungen geprägt wird, ist die kulturelle Erinnerung eine Erinnerung, die beispielsweise durch Schulbücher in der Öffentlichkeit erstellt.

„Die Bundesrepublik richtete ihren Fokus auf die kulturelle Erinnerung. In der Minderheit hat eine Zusammensetzung beider das Selbstverständnis und die Erinnerungskultur geprägt“, so die Konklusion.

Auch die Gedenkstätte auf dem Knivsberg (kulturell) und das Faarhuslager (kommunikativ) passen laut Kristensen in die kommunikative und kulturelle Erinnerung. Der Umgang mit der eigenen Geschichte zeigt sich auch an diesem Beispiel wieder.

Aus Sicht der Minderheit erklärt Kristensen das folgendermaßen: „Wir hatten ein Recht, stolz über unsere deutsche Verbundenheit zu sein (Gedenkstätte). Doch stattdessen wurden wir dafür bestraft (Faarhus).“ Das Faarhuslager spielt laut Kristensen eine zentrale Rolle in der Opfernarrative der Minderheit. „Dass Faarhus meines Erachtens einen solch großen Platz in der Erinnerungskultur der Minderheit einnimmt, und Knivsberg eher weniger, erklärt auch das Größenverhältnis zwischen der kommunikativen und kulturellen Erinnerung und dem Einfluss der familiären Erinnerungskultur in der Minderheit“, so Kristensen in seinem Fazit.

Faarhus, so der Historiker, war nach dem Krieg ein Mentalzustand in der Minderheit. „Deshalb, weil Faarhus als Symbol für die Verwandlung von Täter zu Opfer in der Minderheit steht, war es wichtig, ein für alle Mal die Geschichte des Faarhuslagers kritisch-wissenschaftlich darzustellen – um Mythen von der Realität zu unterscheiden“, schreibt Kristensen.

Wichtige Diskussion

Der Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) hat die jüngste Arbeit Kristensens unterstützt. Der BDN-Hauptvorsitzende Hinrich Jürgensen hielt bei der Buchvorstellung eine Rede. „Dass wir das Buch unterstützt haben, kam nicht überall in der Minderheit gut an. Einige meinen, dass wir die Geschichte ruhen lassen sollten – doch das sehe ich anders“, betont der Hauptvorsitzende und ergänzt: „Es ist ungemein wichtig, dass wir immer wieder über unsere Geschichte diskutieren“, so der Hauptvorsitzende.

Ihm zufolge haben die internen Diskussionen nach dem ersten Buch Kristensens zur Umbenennung der Gedenkstätte geführt. „Ich möchte dabei unterstreichen, dass die Aufarbeitung der eigenen Geschichte nicht bedeutet, dass die heutige Minderheitenspitze mutiger ist als die früherer Tage. Nein, wir profitieren davon, dass der Zahn der Zeit für uns gearbeitet hat und es heute einfacher ist, über diese Themen zu diskutieren“, erklärt Jürgensen.

Auch der Leiter des Archivs der deutschen Volksgruppe, Frank Lubowitz, hat sich durch seine Übersetzung der Zusammenfassung an dem Buch Kristensens beteiligt. „Kristensen beschreibt die Motive der Minderheit, warum man sich der beginnenden kritischen Auseinandersetzung in Deutschland in der Minderheit nicht geöffnet hat. Es ist ein lesenswertes und interessantes Buch“, so Lubowitz. Er weist darauf hin, dass Kristensens Sankelmark-Vortrag aus dem Vorjahr zu diesem Thema in den Schriften der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft zu lesen ist.

Mehr lesen