Zukunft des Nordschleswigers

Diskussion über Kitt und Kosten

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Tingleff/Tinglev
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Matthias Alpen (links) hier im Gespräch mit Günther Andersen vom NRV, wünscht sich eine langsame Digitalisierung. Foto: Gwyn Nissen

Auf der Delegiertenversammlung der Minderheit haben sich Delegierte und Gäste eingehend mit der Zukunft des Informationsmediums Der Nordschleswiger beschäftigt – mit Zahlen, Emotionen und Ideen.

Vier Modelle und viele offene Fragen – auf der Delegiertenversammlung in Tingleff stand die Frage nach der Zukunft des Nordschleswigers im Mittelpunkt einer umfassenden Diskussion.
Der BDN-Hauptvorsitzende Hinrich Jürgensen leitete den Punkt am Montagabend um kurz nach 22.30 Uhr ein. Mit Blick auf schwindende Abonnentenzahlen und zunehmende Berichterstattung im Netz sagte er: „Wir sehen den Trend, und ich nenne es: rechtzeitig Vorsorge treffen. Es ist wichtig, dass nicht andere die Entscheidung treffen, sondern wir.“

Chefredakteur Gwyn Nissen gab der Versammlung einen kurzen Einblick in die Situation der Zeitung: „Wir kosten etwa 28 Millionen Kronen im Jahr. Mit den Mitteln aus dem Kulturministerium sind es sogar rund 30 Millionen. 18 Millionen bekommen wir vom BDN, die restlichen verdienen wir selber oder erhalten dänische Zuschüsse. Wir haben bereits erste Schritte gemacht, weil wir wissen, dass wir etwas tun müssen.“ Über die neue Homepage sowie die Nordschleswiger-App hinaus sei eine Online-Redaktion gebildet worden.

Doch wie erscheint Der Nordschleswiger zukünftig? Gwyn Nissen stellte vier mögliche Modelle vor: Die reine Online-Ausgabe, Online plus E-Paper, Online und ein Wochenendmagazin oder Online mit Monatsmagazin.

„Was ist mit denen, die bei der Umstellung auf Online auf der Strecke bleiben? Der Sozialdienst schätzt, dass rund 15 Prozent Mitglieder ohne Online-Zugang sind und sein wollen. Da gilt es: Da müssen wir Lösungen finden. Das ist keine leichte Aufgabe, aber wir werden uns zusammensetzen, um zu sehen, was möglich ist.“

Was mögliche Entscheidungen angeht, sagte Nissen: „Wir setzen uns ohnehin alle beim BDN-Haushaltsseminar zusammen, um die Finanzen zu besprechen, und ich denke, da macht es Sinn, wenn wir einen gemeinsamen Weg einschlagen.“

Viele Fragen

Die sich anschließende Diskussion war geprägt von sachlich-fundierten Beiträgen und vielen Fragen zum Entscheidungsprozedere und den Modellen. Büchereidirektorin Claudia Knauer nannte es mit Blick auf die wenigen Abonnenten „außerordentlich bedauerlich, wie entsolidarisiert die Minderheit ist“. „Wir alle freuen uns, wenn die Berichte erscheinen und sind traurig, wenn sie mal nicht erscheinen.“ „Es ist ja charmant, dass wir in der Minderheit so liberal sind, aber jetzt zwingen wir anderen auf, dass sie vom Papier lassen müssen. Nicht nur die, die nicht umstellen können, sondern auch die, die es nicht wollen.“ Knauer bot von Seiten der Bücherei Hilfe an für all jene, die am „Kühlschrankjournalismus“ festhalten wollen, sprich Artikel ausdrucken und aufhängen wollen.

Sein persönlicher Favorit sei eine Online-Ausgabe mit Wochenzeitung, so Chefredakteur Gwyn Nissen, wofür er spontan Applaus erhielt. „Wenn wir den Wechsel machen, ist das mein Favorit. Aber wie gesagt, das Ding hat dann auch ein Preisschild dran, das ihr bezahlen müsst.“

Pastor Matthias Alpen fragte: „Warum muss das schon so schnell sein? Ich betrachte die Zeitung als einen Kitt der Minderheit – ich finde die Umstellung nun zu schnell und zu früh.“

„Ich verstehe dich gut“, so Gwyn Nissens Antwort. „Dem BDN ist es wichtig, die Diskussion konkret anzufangen, damit sie in den Köpfen der Papier-Abonnenten landet.“ 2021 müsse der BDN um die 18.000 Kronen pro Papierabo als Zuschuss bereitstellen. „Darauf müssen wir reagieren.“

BDN-Chef Hinrich Jürgensen sagte: „Ich liebe die Papierzeitung. Aber ich kann mich vor den Zahlen ja auch nicht drücken. Wir gucken nach hinten, aber die Frage ist: Was ist der Kitt der Minderheit bei nur 1.500 Abos? Wie viele Leser wollen wir erreichen? Wie geht das Gratis-Abo? Kommen wir mit einer Wochenzeitung? Die Frage ist, was packen wir da rein? Wenn es attraktive Artikel mit Hintergrund sind, dann reden wir darüber. Was ist mit Hörfunk-Zeitung? Zeitung vorgelesen? Auch die Möglichkeit gibt es. Wann die Papierzeitung abgeschafft wird, ist ja noch gar nicht beschlossen. Erst mal gilt es, darauf hinzuarbeiten. Wir stellen erst um, wenn der Online-Auftritt so gut ist, dass wir die Zeitung ersetzen können.“

Foto: Gwyn Nissen

Wer entscheidet?

Eine weitere Frage des Abends lautete: Wer entscheidet letzten Endes, welche Lösung gewählt wird? „Der Hauptvorstand“, so Hinrich Jürgensen. „Aber es ist klar, dass wir in Zusammenarbeit mit dem Presseverein die Entscheidung treffen. Aber konkret ist es der Hauptvorstand.“

Was kostet die Zeitung ohne Papier-Abo mit denselben Mitarbeitern? Gwyn Nissen führte die Berechnungen an, die man diesbezüglich noch anstellen muss. „Wir sind noch nicht fertig mit dem Rechnen. Wenn wir von Papier direkt auf Online umstellen, ist das das Günstigste. Wenn wir die Papierzeitung behalten, brauchen wir Leute, die sie vertreiben, Rechnungen rausschicken, etc. Daher sind die Modelle sehr unterschiedlich im Umfang. Das ist noch schwer zu sagen, das hängt vom Modell ab. Für eine Online-Ausgabe brauchen wir vielleicht keine 18 Millionen mehr, aber vielleicht 12, 13, 14 oder 15 Millionen.“

Langsamer Übergang

Aber auch in Sachen Gratis-Abo gelte: „Der BDN muss das noch mit Berlin verhandeln. Was sagen die dazu: Dürfen wir das Geld, das eingespart würde, für den BDN behalten? Oder sagt Berlin: Wenn ihr fünf Millionen weniger für die Zeitung benötigt, dann streichen wir fünf Millionen?“

Pastor Matthias Alpen gab folgenden Gedanken mit in die Runde: „Wir müssen mal das Wort Kitt definieren. Kitt hat mehrere Funktionen. Die Nachbarin geht mit der Zeitung zur anderen Nachbarin. Das ist gelebtes Miteinander, das mache ich mit der App nicht. Mein Plädoyer ist also: Macht einen langsamen Übergang! Ermöglicht Übergänge.“

Gwyn Nissen gab den Delegierten und Gästen des Abends eine Aufforderung mit auf den Weg: „Die Diskussion geht weiter, soll weitergehen. Schickt uns eure Anregungen, wir ziehen alle Möglichkeiten in Erwägung.“

Hinrich Jürgensen schloss die Diskussion mit einem Vergleich ab: „Es ist wie die Diskussion mit dem letzten Kaufmann im Dorf. Warum macht er zu? Weil alle in der Stadt einkaufen. Junge Leute lesen kein Papier mehr. Hier müssen wir neu denken. Meldet euch, wenn ihr Anregungen habt. Dann sehen wir weiter.“

Foto: Gwyn Nissen

Zukunft der Zeitung – Diskussionsbeiträge

BDN-Geschäftsführer Rasmus Hansen verwies auf das „Zahlenmaterial. Das drückt ja aus, was die Zeitung kostet. Das liegt euch vor. Außerdem will ich ins Gespräch bringen, dass die heutige Jugend Nachrichten anders konsumiert. Es ist eine Salamimethode. Die Papierzeitung wird wegfallen. Wir wollen agieren statt reagieren. Irgendwann fragt sich Berlin: Was zahlen wir, um 1.500 Abonnenten zu bedienen? Wir müssen den anderen Weg gehen, wenn wir eine Zeitung haben wollen.“

Der SP-Vorsitzende Carsten Leth Schmidt fragte: „Schaffen wir den Kitt der Minderheit ab? Aber sollten wir nicht vielmehr fragen, wie schaffen wir einen neuen Kitt? Wann kreuzen sich der alte und der neue Kitt? Diese Frage ist schwierig, aber wir müssen sie uns stellen.“

Schulleiterin Susanne Haupt gab zu bedenken, dass „die Zeitung ja auch ein Sozialprojekt ist“. Zeitung sei gerade für ältere Menschen ein Stück Teilhabe an der Welt. „Und wenn es 15 Omas sind, denen wir das ermöglichen, dann sollte es uns das wert sein, ihnen diese Teilhabe zu geben.“

Leif Thomsen aus Pattburg regte mit Blick auf seine vier Kinder „eine Art Facebook in Nordschleswiger-Regie“ an, „ein Forum, über das auch die jungen Leute kommunizieren können“.

Olav Hansen, stellvertretender Hauptvorsitzender des BDN, unterstrich: „Wir führen keine reine Spardiskussion. Es geht darum, die Reichweite der Zeitung zu erhöhen. Es steht kein Enddatum fest. In zwei bis drei Jahren kann sehr viel passieren. Wir müssen uns fragen: Wie erreichen wir die größte Reichweite mit Qualitätsjournalismus? Es gibt bereits den Trend weg von den sozialen Medien und dahin, dass man sich von guten Journalisten die Inhalte zustellen lässt, die man lesen will.“

Kira Schade fügte der Diskussion hinzu: „Kitt ist auch ganz viel anderes. Man darf auch mal uneinig sein, so wie heute Abend. Diskussionen fallen digital leichter. Ich schätze dieses Forum der Diskussion sehr. Das verbindet noch mehr als ein Artikel zum Ausschneiden.“

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