Zukunft der Minderheit

Brücken bauen als Lebensversicherung

Sarah Heil Journalistin
Apenrade/Aabenraa
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Kleine und große Mitglieder der Minderheit kommen unter anderem beim jährlichen Knivsbergfest zusammen. Foto: DN-Archiv

Der Blick von außen: Sarah Heil hat die Identität der deutschen Volksgruppe in Dänemark im Rahmen einer Masterarbeit analysiert und stellt ihre Ergebnisse hier vor.

Im Rahmen meiner Masterarbeit untersuchte ich die Identität der deutschen Minderheit in Dänemark und was unter einer solchen Identität zu verstehen sei. Bei meinen Forschungen wurde ich von zahlreichen Mitgliedern der Minderheit unterstützt; einige opferten ihre Zeit um mir in umfangreichen Interviews detaillierte Einblicke zu gewähren. Für die Unterstützung möchte ich mich an dieser Stelle bei allen Beteiligten herzlich bedanken.

Im Folgenden stelle ich die Ergebnisse meiner Forschung vor. Interessierte können die vollständige Arbeit ab November in der Deutschen Zentralbücherei in Apenrade vorfinden.

Die deutsche Minderheit erlebt sich heute als einen integrierten Bestandteil der dänischen Gesellschaft unter Wahrung der eigenen Identität und Sprache. Dies wurde möglich durch eine veränderte Haltung der dänischen Öffentlichkeit und die intensive Arbeit der deutschen Schulen, der Kultur- und Sozialvereine. Die Institutionalisierung und die Strukturierung der deutschen Minderheit geben den Menschen, die in der Region Nordschleswig leben, eine Vielzahl an Angeboten, um sich zugehörig zu fühlen und ihre Identität auszubilden und zu bewahren. Wer diese Angebote schließlich nutzen möchte und in welchem Umfang man sich engagiert, ist jedem letztlich freigestellt.

Historische Entwicklung

Zwischen 1864 und heute sind historisch viele Höhen und Tiefen erlebt und durchlitten worden. Die sich ab 1920 herausbildenden Institutionen gaben, wenn man den historischen Quellen folgt, den Rahmen vor, in dem sich die deutsche Minderheit als solche behaupten konnte. All diese Entwicklungen haben Einfluss auf die Identität der deutschen Minderheit in Dänemark. Die nationalen Konflikte in der Region haben maßgeblich zur Entstehung der Minderheiten auf beiden Seiten der Grenze beigetragen.

Nach dem Zweiten Schleswigschen Krieg 1864 entstand in Preußen eine dänische Minderheit, die sich schnell zu organisieren begann. Damals wurde der Wunsch nach Selbstbestimmung der dort lebenden Bevölkerung ignoriert. In den anschließenden Friedensverhandlungen wurde zwar die bekannte Nordschleswigklausel aufgenommen, die eine Abstimmung ermöglicht hätte, jedoch wurde diese nur wenige Jahre später wieder gestrichen.

Die Volksabstimmung 1920, die nach dem Ersten Weltkrieg in der Region in zwei Zonen durchgeführt wurde, und die daraus folgende Grenzverschiebung nach Süden waren Ergebnisse der Friedensüberlegungen des amerikanischen Präsidenten Wilson. Sie sorgten für die Entstehung einer deutschen Minderheit auf dänischer Seite. Auch wenn im Zusammenhang mit den Abstimmungen suggeriert wurde, dass jeder eine freie Wahl treffen könne, wurde von beiden Seiten deutlich gemacht, dass die Zugehörigkeit zu einer Nation nicht wählbar sei. Die Trennung ging schließlich durch die Dörfer und die Familien hindurch.

Institutioneller Aufbau

Nach dem Vorbild der dänischen Minderheit in Deutschland begann auch die deutsche Minderheit schnell damit, sich zu organisieren und gründete eigene Schulen und Vereine, um den Deutschgesinnten in Dänemark einen institutionellen Rahmen zur Verfügung zu stellen.

In den folgenden Jahren nach der Abstimmung musste sich die deutschgesinnte Bevölkerung in Dänemark einpassen. Um eine berufliche Zukunft in Dänemark zu verwirklichen, war das Erlernen der dänischen Sprache unerlässlich. Das zeigen auch Umfragen, die an den deutschen Schulen in den 20er und 30er Jahren durchgeführt wurden. Mehr als die Hälfte der Deutschgesinnten sprach zu Hause den süddänischen Dialekt Sønderjysk. Es lag daher in der Verantwortung der Schulen und Vereine, die deutsche Sprache zu erhalten und zu bewahren.

Minderheit wider Willen

Viele Jahre lang konnte sich die deutsche Minderheit nicht mit der Grenzziehung abfinden. Sie bemühte sich politisch um eine Revision der Grenze und die Wiedereingliederung nach Deutschland. Mit diesem Streben ist auch die enge Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten in den 30er und Anfang der 40er Jahre zu erklären.

Durch die Hoffnung getrieben, dass Deutschland den Krieg gewinnen könne und der Versailler Vertrag unwirksam gemacht werden würde, auf dessen Grundlage die Abstimmung damals stattfand, öffnete man dem nationalsozialistischen Deutschland die Türen. Diese Hoffnungen wurden jedoch von deutscher Seite missbraucht, um in der Jugend der deutschgesinnten Nordschleswiger Kämpfer für die Truppen zu werben und die Minderheit als Vermittler nutzen zu können. Obwohl Dänemark territoriale Integrität seitens des Deutschen Reiches zugesichert worden war nach der 1940 erfolgten Besetzung durch die Wehrmacht, hegten einige deutsche Nordschleswiger weiter die Hoffnung auf eine deutsche Zukunft für Nordschleswig.

Nach der Niederlage Deutschlands im Jahr 1945 musste die Minderheit diese Hoffnung im eigenen Interesse fallen lassen; um die Integrität der Minderheit zu sichern, erklärte man die Loyalität dem dänischen Staat gegenüber und gab die irredentistische Haltung auf.

Wiederaufbau nach 1945

In den folgenden Jahren musste die institutionelle Landschaft der deutschen Minderheit wieder neu aufgebaut werden. Doch erst mit den Bonn-Kopenhagener Erklärungen 1955 erhielt die Minderheit wieder das Recht, Examensschulen zu eröffnen. In den Jahren zwischen 1945 und 1955 verlor die Minderheit viele Schüler an die dänischen Schulen, da es nur dort möglich war, ein Examen abzulegen.
Sowohl die dänische Politik als auch die Bevölkerung waren noch viele Jahre lang allem Deutschen gegenüber kritisch eingestellt.

Ein regelrechter Deutschenhass prägte das Verhältnis. Sowohl die durch den dänischen Staat durchgesetzten Schulreformen als auch der Druck von außen führten dazu, dass sich zahlreiche Angehörige der Minderheit abwandten und resignierten. Einige von ihnen hatten ihre Söhne im Krieg verloren und konnten und wollten sich nicht mehr mit der Minderheit identifizieren.

Erstarkte Gemeinschaft

Nur der unermüdlichen Arbeit einiger Angehöriger der Minderheit ist es zu verdanken, dass die Differenzen über die Jahre beseitigt werden konnten. Auf diesen Teil der Minderheit hatten die Konflikte mit der Mehrheitsbevölkerung eine konträre Wirkung; sie stärkten den Zusammenhalt.

Auch die Medien spielten in jener Zeit eine entscheidende Rolle. So leisteten in den 80er Jahren deutsche Redakteure, die in dänischen Redaktionen angestellt wurden, einen Beitrag zur deutsch-dänischen Beziehung. Medien, und in jener Zeit insbesondere Zeitungen, sind für die Meinungsbildung der Bevölkerung mitverantwortlich. Sie haben maßgeblichen Einfluss auf die Wirklichkeitskonstruktion eines Individuums. Daher trugen die deutschen Redakteure dazu bei, zunächst in den Redaktionen und schließlich auch in der Bevölkerung Vorurteile abzubauen.

Mut zur Öffnung nach außen

Bewirkt durch einen Generationenwechsel der Entscheidungsträger innerhalb der Institutionen, war in dieser Zeit auch eine Öffnung der deutschen Minderheit zu erkennen. Wo zuvor noch Wert auf Ehen zwischen Angehörigen der Minderheit gelegt wurde, nahm durch die Öffnung die Akzeptanz der dänischen Mehrheit mehr und mehr zu. Allerdings wurde auch schnell erkannt, dass man auf der Einhaltung von Ritualen beharren muss, um die Identität zu bewahren.

Regionale Verbundenheit

Aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte verfügt die Minderheit über eine starke Verbundenheit mit der Region. Dies deutet darauf hin, dass es sich bei der Identität der Mitglieder der deutschen Minderheit in Nordschleswig unter anderem um eine regionale Identität handelt. Verdeutlicht wird dies auch durch die Tatsache, dass sich die Mitglieder der Minderheit selbst als Nordschleswiger bezeichnen und den süddänischen Dialekt Sønderjysk sprechen und bewahren. Auf diese Weise ist auch der Kontakt zur dänischsprachigen Mehrheitsbevölkerung in der Region möglich und wird gepflegt.

Neben der Grenzfrage war auch die Selbstverwaltung immer ein zentrales Anliegen der Führung der Minderheit. Über die regionale Verankerung hinaus spielen deutsche Institutionen eine bedeutende Rolle bei der Bildung einer Identität der Minderheit. Diesen selbst erteilten Auftrag übernehmen die Institutionen bis heute.

Nationale Verbundenheit

Neben einer regionalen Identität verfügen die Mitglieder der deutschen Minderheit nach Auswertung der Interviews auch über eine nationale Identität, nicht nur verdeutlicht durch den Gebrauch der deutschen Sprache. Nationale Identität gründet auf einer gemeinsamen Vergangenheit und geteilten Mythen, Geschichten und Traditionen. Der Zusammenhalt der Minderheit wird durch gemeinsame Werte und Ansichten sowie durch das Streben nach der Aufrechterhaltung des gemeinsamen Lebens gestärkt. Auch hier ist die Bedeutung der Institutionen klar abzuleiten.

Sprachenvielfalt

Nicht nur das Sønderjyske spielt sprachlich eine Rolle. Diese nationalen und regionalen identitätsstiftenden Elemente, die durch historische Entwicklung, familiäre Verwurzelung und Sprache gekennzeichnet sind, werden in der Regel innerhalb der Familien weitergegeben.

Doch kann die Prägung nicht ausschließlich durch die Familien erfolgen. Die Institutionen der deutschen Minderheit leisten ebenfalls einen Beitrag. Sie sorgen dafür, dass die sprachliche und kulturelle Vielfalt, die die deutsche Minderheit auszeichnet, nicht verloren geht. Dies ist politisch gewollt und wird durch finanzielle Zuwendungen aufrechterhalten.
Förderung kommt sowohl von der dänischen Regierung als auch aus der Bundesrepublik. Die Untersuchungen zeigen, dass bei Entfall dieses Einflusses der Institutionen Kinder die deutsche Sprache nicht mehr erlernen und somit kein Teil der Sprachengemeinschaft mehr bilden.

Die deutsche Sprache

Die deutsche Sprache ist ein Haupterkennungsmerkmal der Minderheit, da äußerlich beobachtbare Merkmale, wie eine Tracht, fehlen. Daher wird diese vom reinen Verständigungsinstrument zu einem wesentlichen Bestandteil der Rituale stilisiert und durch die Institutionen weitergegeben.

Das Vereinsleben ist vom Gebrauch der deutschen Sprache, Literatur und Liedgut gekennzeichnet, der Unterricht an den Schulen findet auf Deutsch statt. Auch die deutschsprachige Tageszeitung, Der Nordschleswiger, die durch den Bund Deutscher Nordschleswiger herausgegeben wird, trägt ihren Teil zur Pflege der eigenen Identität bei.
Deutsch und Sønderjysk sind Sprachen der deutschen Minderheit und Teil Nordschleswigs. Diese Mehrsprachigkeit der Nordschleswiger, deren Erhalt durch die verschiedenen Institutionen getragen wird, zeigt, wie sie sich selbst wahrnehmen.

Wie bereits der Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951) einmal sagte: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Die von vielen Mitgliedern der Minderheit beherrschten drei Sprachen zeugen von ihrer Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten und fördern ihre Toleranz und Integrationsbereitschaft. Daraus resultiert auch das Selbstverständnis, als Brückenbauer zwischen Dänen und Deutschen zu agieren.

Besonderer Einsatz

Die Institutionen gewährleisten Kontinuität und sind regional verankert. Mit ihrer Hilfe ist es der Minderheit möglich, sich zu organisieren und die eigenen Interessen politisch zu vertreten. Diese Strukturen werden in überwiegendem Maße von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen.

Die Jugend gilt als der Träger der Minderheit von morgen. Durch die Arbeit der Schulen, aber auch durch die Jugendarbeit werden das Gemeinschaftsgefühl gestärkt und die Bindung an die eigene Geschichte und die Region gefestigt. Auf diese Weise kann der Minderheitengedanke in Nordschleswig bestehen und erfolgreich gelebt werden.
An dieser Stelle sei die Feststellung erlaubt, dass sich hier die Wandlung von einer Minderheit wider Willen zu einem selbstbewussten und stolzen Teil des dänischen Staates vollzogen hat.

Diese Transformation ist im Besonderen den engagierten Institutionen der Minderheit zu verdanken. Deren Bemühungen zielten und zielen heute verstärkt auf die selbstbewusste Pflege und Weiterentwicklung der Minderheitenidentität ab, jedoch ohne die Balance zwischen Mehrheitsgesellschaft und den Nordschleswigern aus den Augen zu verlieren.

Finanzielle Unterstützung

Es kann nicht oft genug betont werden, wie wesentlich die institutionelle Arbeit überwiegend von den finanziellen Mitteln aus Kopenhagen, Kiel und Berlin abhängt. Ohne diese Gelder könnten die Vereine nicht fortbestehen. Auch das deutsche Schulwesen wäre bedroht und vermutlich nicht mehr zu halten, da man Schulgelder von den Eltern verlangen müsste. Auf diese Weise würde die Konkurrenz der kostenfreien dänischen Schulen erheblich gesteigert werden.

Somit lässt sich konstatieren, dass die Identität der deutschen Minderheit in Nordschleswig ohne die finanzielle Unterstützung von beiden Seiten der Grenze gefährdet wäre. Die institutionelle Stabilität der Minderheit hätte es schwer, sich zu behaupten.

An dieser Stelle zeigt sich die Wichtigkeit der Balance zwischen dem Streben der Selbstständigkeit und der Akzeptanz der Abhängigkeit von regionalen und finanziellen Spielräumen, die die Mehrheitsgesellschaft gewährt. Zur politischen Identität der Minderheit gehört eben diese Akzeptanz und eine Menge Verhandlungsgeschick sowie Durchhaltevermögen.

Brückenbauer

Minderheitenidentität zu bewahren bedeutet, sich aktiv mit der Mehrheitsbevölkerung auseinanderzusetzen und zu interagieren. Auch die politische Beteiligung ist hierbei von großer Bedeutung, um den eigenen Interessen eine Stimme zu geben. Es wäre ein Fehler, sich zurückzuziehen und abzuschotten. Dies scheint erkannt worden zu sein. Das „Brückenbauen“ ist eine Lebenseinstellung für die Angehörigen der deutschen Minderheit.

Durch teilnehmende Beobachtung und Anwesenheit bei unterschiedlichen Veranstaltungen unterschiedlicher Institutionen der deutschen Minderheit konnte festgestellt werden, dass das „Brückenbauen“ und die Öffnung nicht nur ein Narrativ sind, sondern auch gelebt werden.

Dadurch wird auch das Überleben der Minderheit gesichert, denn aus sich heraus wird nie ein markanter Zuwachs gesichert werden können. Die Minderheit ist auf das Engagement neuer Gesichter angewiesen. Vor 20 Jahren hätten die Angehörigen der Minderheit diese Tatsache vermutlich nicht wahrhaben wollen. Doch heute ist vielen bewusst, welche Rolle eine offene und tolerante Haltung für das Fortbestehen der Minderheit spielt.

Die Grenze als Chance

Doch die Wahrung der Minderheit birgt nicht nur für sie selbst Vorteile, auch die Mehrheitsgesellschaft profitiert von dem offenen Selbstverständnis der deutschen Nordschleswiger und erfährt eine Bereicherung der eigenen Kultur. Hier gilt die These von Foucault, dass Grenzen, die nicht überschritten werden können, keine Grenzen sind. Erst durch die Zugehörigkeit und Abgrenzung erlebt man Identität. Ausgeprägt und gefördert wird diese durch das Erlebnis, Grenzen zu überschreiten. Hier sind sowohl regionale, sprachliche, als auch institutionelle Grenzen zu beachten.

Erst durch den Grenzübertritt wird der Vergleich zwischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden deutlich sowie messbar. Auf diesem Weg wird aus einem Bewohner zweier Welten ein Begründer einer toleranteren Gesellschaft.
Die deutsche Minderheit in Dänemark beweist damit, dass die Bewahrung der eigenen Identität und die Integration in die Mehrheitsgesellschaft in sich kein Widerspruch darstellen muss.

Dennoch bleibt festzuhalten, dass generell eine beständige Fortführung der Bemühungen notwendig bleibt. Beide Seiten müssen weiter und bewusst an Verständigung arbeiten.

Die Frage bleibt, welche Auswirkungen der Erhalt von Minderheiten insgesamt auf eine Mehrheitsgesellschaft hat und inwieweit diese wünschenswert sind. In einer Welt, in der durch globalen Handel, Medien und Internet regionale Besonderheiten immer mehr verschwimmen und sprachliche Vielfalt zu verschwinden droht, sollte die Bedeutung von Minderheiten und ihrer Identitäten weiter beleuchtet und untersucht werden, da ihre Existenz oder auch ihr Verschwinden unweigerlich Auswirkungen auf eine Gesellschaft haben muss.

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