Dezentralisierung

Andreeas neue Heimat am Alsensund

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Sonderburg/Sønderborg
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Andreea Tibuleac am Sonderburger Hafen. Hier am Alsensund hat sie eine neue Heimat gefunden. Foto: Sara Wasmund

Mit einer Festanstellung zog die 31-Jährige mit ihrem Mann von Seeland in die Kommune Sonderburg und arbeitet seit 2016 für die Landwirtschaftsbehörde.

Heiß und strahlend hell ist sie an diesem Mittwochabend im Juni, die neue Heimat von Andreea Tibuleac in Süddänemark. Das silberne Wasser im Sund schwappt gegen weiße Bootsrümpfe. Die bunt angemalten Häuser am Sonderburger Hafen leuchten mit dem blauen Himmel um die Wette. Vor dem Schlosskai ziehen zwei Stand-Up-Paddler ihre Runden.

Die 31-jährige Andreea Tibuleac ist eine der wenigen, die ihrem staatlichen Arbeitsplatz in die Provinz gefolgt sind. Für sie beginnt der zweite Sommer am Alsensund. Als die dänische Regierung im Herbst 2015 die Verlegung tausender staatlicher Arbeitsplätze in Randgebiete des Landes beschloss, war auch der Kopenhagener Arbeitsplatz von Andreea Tibuleac darunter. Mitziehen in die Provinz oder sich eine andere Arbeit in der Region Hauptstadt suchen? Vor dieser Entscheidung standen im November 2015 auch Andreea Tibuleac und ihr Mann.

Zu diesem Zeitpunkt war die studierte Geografin und Geoinformatikerin seit einem Jahr bei der Landwirtschaftsbehörde angestellt. Mit befristetem Vertrag. „Ich erhielt das Angebot, eine unbefristete Stelle zu bekommen, wenn ich mitziehe. Das hat die Entscheidung auf jeden Fall beeinflusst“, sagt Andreea Tibuleac. Doch der Umzug nach Süddänemark war für sie weit mehr als nur eine berufliche Stärkung. Es war ein Schritt in ein vollständig anderes Leben mit mehr Möglichkeiten. „Wir hatten zuvor in der Kommune Halsnæs an der Nordküste von Seeland gelebt. Ich brauchte anderthalb Stunden Fahrzeit pro Strecke zur Arbeit. Und wegen der hohen Immobilienpreise und einem strengen Kreditrahmen konnten wir uns kein Haus kaufen. Jetzt fahre ich höchstens 20 Minuten zur Arbeit, wir haben ohne Probleme einen Kredit erhalten und wohnen in unserem eigenen Haus mit großem Garten“, erzählt Andreea Tibuleac.

„Entdecken, wie gut das Leben hier ist“

Im vergangenen Herbst hat sich das Paar in Norburg niedergelassen. „Viele haben gefragt: Warum wollt ihr in einer Geisterstadt leben? Aber ich sehe Norburg nicht so. Ich sehe die Stadt als einen Ort voller neuer Möglichkeiten, neuer Ideen.“ In Norburg, einst Wohnort tausender Industriearbeiter, hat die Wirtschaftskrise von 2008 deutliche Spuren hinterlassen. Viele Häuser, Geschäfte und Wohnungen stehen leer. „Ich will das als Möglichkeit sehen.

Es gibt viel Potenzial und ich bin mir sicher, dass mit der Zeit noch mehr Menschen für sich entdecken, wie gut das Leben hier ist.“ Die Sonne steht hier im südlichsten Teil Dänemarks auch um 17.30 Uhr noch hoch am Himmel. Wenige Meter neben der Terrasse der Torve-Halle, auf der Andreea Tibuleac ihren Eiscafé trinkt, warten Segler auf ihren Yachten auf die Öffnung der Klappbrücke. „Ich denke, wir sind erstmal angekommen. Das ist ein gutes Gefühl“, erzählt die gebürtige Rumänin, die als damals 24-Jährige mit ihrem Mann zum Studium nach Kopenhagen kam und im Anschluss bei der Behörde begann. „Die Leute hier sind offener, herzlicher und auch neugieriger. Vielleicht manchmal zu neugierig, aber auf eine liebevolle Weise.“

Von den 20 Mitarbeitern ihrer damaligen Abteilung sind fünf mitgezogen, als der Arbeitsplatz ins Augustenburger Schloss verlegt wurde. Noch wird das Schloss zum Behördensitz umgebaut. Solange arbeiten die Angestellten in der alten Psychiatrie nebenan und in den zu Büros umgebauten ehemaligen Stalltrakten.

Ob ihr das Großstadtleben fehlt? „Als Geografin bin ich hier schon genau richtig, wir können Mountainbiken und Wandern und so unsere Umgebung erforschen. Und wenn wir Kultur erleben möchten - hier in Sonderburg gibt es ja jede Menge Konzerte und Kino, wenn man möchte.“

Über den Flughafen nah dran an der Welt

Ihr Mann hat nach dem Umzug eine Anstellung beim Unternehmen Danfoss gefunden, ist aber langfristig auf der Suche nach einem Arbeitsplatz als Geoinformatiker. „Der kommunale Service für Zuzügler ist bei der Vernetzung mit Arbeitgebern eine große Hilfe. Ich war eigentlich überrascht, dass man so viel für uns macht.“

Für Andreea Tibuleac ist am nächsten Tag der letzte Arbeitstag vor ihren Sommerferien. „Wir fliegen auf die Faröer. Über Sonderburg geht es nach Kopenhagen und von dort auf die Inseln. So weit weg ist man hier ja doch nicht von der Welt, wenn man mal raus möchte“, lacht die 31-Jährige. Doch bevor es soweit ist, wird sie noch einmal nach Augustenburg fahren und ihren Dienst antreten. An ihrem ausgelagerten Arbeitsplatz in Augustenburg am Alsensund.

Janick Vorre vor seinem bisherigen Standort, der Behörde in Kopenhagen. Foto: Privat

„Warum nicht“– Mit dem Umzug folgte die Teamleitung

Dem Kopenhagener Janick Vorre steht der Umzug an den Alsensund noch bevor. 20 Arbeitsplätze der staatlichen IT-Behörde werden im September 2018 in die Kommune Sonderburg verlegt. Auch sie sollen nach Fertigstellung des Gebäudes im Augustenburger Schloss liegen.

Janick Vorre wird Teamleiter der Serviceabteilung. Diese Beförderung hat dem 30-Jährigen die Versetzung schmackhaft gemacht. „Als klar wurde, dass unser bisheriger Teamleiter nicht mitzieht, habe ich angeboten, mitzukommen, wenn ich den Posten bekomme. Ich fand, das war für mich eine gute Möglichkeit, beruflich einen Sprung zu machen. Und so ziehe ich im Sommer nach Sonderburg.

Er sei „jung, ungebunden und offen für Neues“ – und über den Flughafen Sonderburg schnell in der Hauptstadt, falls Freunde und Familie rufen. „Ich habe in Kopenhagen bislang noch nicht so tiefe Wurzeln geschlagen. Also probiere ich das Leben in Süddänemark aus. Warum nicht.“

Fürs Erste wird Janick Vorre in Sonderburg zur Miete wohnen. Als Mitarbeiter der Behörde wurde er auf den Wartelisten der Wohnungsgesellschaften bevorzugt behandelt. Ab September wird er die neue staatliche Arbeitsstelle mit aufbauen, zum 1. November soll die Auslagerung der IT-Abteilung vollzogen sein. Ergibt die Dezentralisierung in seinen Augen fachlich Sinn? „Natürlich ist es auch von Vorteil, alle klugen Köpfe eines Fachbereiches an einem Standort zu bündeln. Aber in der Praxis ist es auch weiter weg voneinander technisch umsetzbar. Es besteht kein Zweifel, dass es eine Stadt wie Sonderburg enorm bereichert, wenn junge Familien und Fachkräfte in die Gegend ziehen."

Leo, Signe, Kim, Oskar und Karla freuen sich auf Süddänemark. Foto: Privat

Familienzuwachs und ein Haus

Dem Partner zuliebe in einen anderen Landesteil ziehen? Für Signe Welleius Plange Mouritsen stellte sich diese Frage im Januar 2018, als ihr Mann Kim Plange Mouritsen, Seniorprojektleiter und Programmleiter der staatlichen IT-Kundenabteilung, erfuhr, dass seine Abteilung nach Augustenburg verlegt wird. Bis dato lebte die Familie in Hvidovre bei Kopenhagen.

„Das Angebot, nach Süddänemark versetzt zu werden, kam für unser Leben zum genau richtigen Zeitpunkt. Zwei Monate früher oder später – vermutlich hätten wir dann nein gesagt. Ich hatte gerade erfahren, dass ich zum zweiten mal schwanger bin. Da unser Haus für den Familienzuwachs damit zu klein wurde, hätten wir ohnehin umziehen müssen. Warum also nicht nach Süddänemark? Also haben wir uns mit dem Gedanken beschäftigt – und am Ende Ja gesagt“, erzählt die 42-Jährige.

„Ich hatte gerade einen Job als Koordinatorin für Programme and Relationship beim International Dalit Solidarity Network begonnen. Als ich schwanger wurde war klar, dass mein Vertrag nicht verlängert wird.“ So kam eins zum anderen – und der Umzug nahm Gestalt an.

Viele von Kim Plange Mouritsens Kollegen haben sich dagegen entschieden. „Aus meiner Abteilung ziehen von 20 Angestellten 2 mit“, erzählt er. Den bevorstehenden Umzug der Familie übernimmt der Staat, vom Einpacken in Hvidovre bis hin zum Auspacken in Augustenburg, wo sich die Familie eine Stadtvilla mit Garten gekauft hat.
In den Osterferien war die Familie zum ersten Mal vor Ort, um zu sehen, wo man leben wird. Der Familienvater kennt Sonderburg von seiner Ausbildung zum Offizier.

Mit Sohn Oskar und dem werdenden Geschwisterchen zieht die Familie zum 1. September nach Augustenburg. Die beiden Kinder aus Kims erster Ehe, Karla und Leo, haben den Umzug des Vaters „überraschend positiv gesehen“, erzählt er. „Sie leben bei ihrer Mutter in Kopenhagen und haben sich eigentlich gefreut, dass sie mich zukünftig in Süddänemark besuchen könnnen. Leo fährt Skateboard und hat herausgefunden, dass es hier in der Kommune ein gutes Skateangebot gibt, und Karla möchte gerne in eine der Reitschulen gehen.“ Die Natur sei definitiv ein Bonus. „Und mit dem Flughafen vor der Haustür sind lange Wochenenden in Kopenhagen schnell und einfach durchzuführen.“

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