Infrastruktur

Im Eurotunnel wurde Bahnwiedereröffnung ausgeheckt

Im Eurotunnel wurde Bahnwiedereröffnung ausgeheckt

Im Eurotunnel wurde Bahnwiedereröffnung ausgeheckt

Tondern/Tønder
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Die Bahnverbindung zwischen Niebüll und Tondern wurde im Jahr 2000 wieder aufgenommen. Foto: Brigitta Lassen

Seit 20 Jahren fahren wieder Züge auf der Strecke Tondern-Niebüll. Das grenzüberschreitende Angebot findet immer größeres Interesse. Doch die Betreiber möchten schneller fahren. So könnte die Anzahl Reisender auf über 120.000 steigen.

Was zwei heutige „Bahn-Oldies“ von der Deutschen Bahn (DB) und den Dänischen Staatsbahnen (DSB) im Eurotunnel ausheckten, wurde im Jahr 2000 Wirklichkeit. Seit ihrer Kontaktaufnahme fahren nach mehr als 30 Jahren Stillstand wieder Züge zwischen Tondern und Niebüll. Am Donnerstag wurde das Jubiläum auf dem Bahnhof in Tondern im kleinen Rahmen gefeiert.

Die Väter der Wiederaufnahme der Bahnverbindung sind Arne Kaalund (DSB) und Ingulf Leuschel (DB). Die beiden waren im Eurotunnel zu einem Vortrag über Hochgeschwindigkeitszügen unterwegs, bei dem am Rande auch über die Wiedereröffnung von Kleinbahnen gesprochen wurde. Dabei kam auch die Bahnverbindung Tondern-Niebüll ins Gespräch.

Das gemeinsame Projekt Tondern-Niebüll machte aus Ingulf Leuschel (l.) und Arne Kaalund Freunde. Foto: Brigitta Lassen

Im Bahnhof geschlafen

„Alles ging ganz problemlos über die Bühne“, erklärte der 72-jährige Leuschel, der heute in Berlin wohnt. Als Kind hätte er mit seinen Eltern stets die Ferien in Husum verbracht. Auf dem Fahrrad erkundete er Nordfriesland. Die in den 1970er Jahren stillgelegte Bahnverbindung sei ihm immer ein Dorn im Auge gewesen. „Da muss doch was gehen“, hatte er damals gedacht. „Meine Hobbys sind seit jeher: Bahn und Schiffe. Ich habe sogar 1967 einmal dienstlich eine Nacht im Bahnhof beim Bahnwärter verbracht“, erzählt der gutgelaunte Leuschel.

Zur kleinen Jubiläumsfeier waren die beiden Bahn-Pensionäre eingeladen und waren stolz, dass sich das Projekt machen ließ, das zunächst als Probeversuch auf Initiative der damaligen NVAG gestartet wurde, die in späteren Jahren in Konkurs ging.

10.000 Fahrgäste im ersten Jahr

Heute bedienen die Norddeutsche Eisenbahn Niebüll GmbH (NEG) und die dänische Privatbahn Arriva die Strecke. Während der ersten Jahre wurde die Verbindung lediglich in den Sommermonaten angeboten. Etwa 10.000 Fahrgäste nutzten die Strecke im ersten Jahr. Im Folgesommer 2001 verdoppelte sich das Fahrgastaufkommen auf 20.000 und stieg kontinuierlich an. Aufgrund des großen Zuspruchs wurde der Verkehr ab 2003 auf einen Ganzjahresbetrieb erweitert.

Seit 2010 wurde er schrittweise auf einen durchgehenden Verkehr von Niebüll über Tondern bis nach Esbjerg umgestellt. „Nun sind es fast 90.000 Reisende, rund vier Prozent Wachstum pro Jahr. Und wir rechnen für die Zukunft mit noch mehr Passagieren“, freut sich NEG-Direktor Ingo Dewald.

Bürgermeister Henrik Frandsen und der NEG-Direktor Ingo Dewald (l.) mit den dicken Ordnern, die den Antrag auf Planfeststellung beinhalten. Foto: Brigitta Lassen

Im Kontext des dänischen Signalprogramms haben Banedanmark und NEG die Ausrüstung mit dem europäischen System ETCS vereinbart. Besprochen war auch die Beschleunigung im Zuge des dänischen Programms zur Beschleunigung einzelner Strecken. Hierfür sollte die Geschwindigkeit zwischen Esbjerg und Niebüll durchgehend auf 120 km/h erhöht werden. Heute sind es 80, teilweise 60, 75 und 100 km/h. Der langsamste Abschnitt ist der vom Tonderner Bahnhof bis zur Grenze mit nur 60 km/h.

Der NEG geht es zu langsam

Die frühere bürgerliche Regierung hatte entschieden, dass die Geschwindigkeitserhöhung nicht für die Bahnstrecke Tondern-Niebüll gelten soll. Der jetzige Verkehrsminister Benny Engelbrecht hat sich trotz mehrfacher Schreiben noch nicht geäußert. Deswegen wäre es wünschenswert, wenn die dänischen Bürgermeister entlang der Strecke ein wenig Druck auf den Minister ausüben würden“, so NEG-Direktor Ingo Dewald, der dabei den anwesenden Bürgermeister Henrik Frandsen, vielsagend anschaute.

Im Rahmen der vierjährigen Vorbereitung für den Planfeststellungsantrag hatte die NEG viele Voruntersuchungen für die schleswig-holsteinische Seite betrieben. „Wir haben Tiere gezählt, Bürgerversammlungen und Schallmessungen durchgeführt. Dass einige Nachbarn kritisch sind, kann man ja verstehen“, meinte Dewald. Genau zum 20. Jahrestag sei der Antrag versandbereit an das Kieler Amt für Planfeststellung Verkehr gegangen.

Jede Art von Verbesserung der Infrastruktur bedeutet etwas für eine Region.

Henrik Frandsen, Bürgermeister der Kommune Tondern

Kürzere Reisezeiten seien ganz im Interesse der Kommune. Je schneller, desto besser für Tondern. Er sei selbst die Strecke bis nach Niebüll gefahren, in einem sehr gemächlichen Tempo. Und die Weiterfahrt bis Hamburg dürfe auch gerne etwas schneller sein. Aber ab dort habe man freien Zugang zum gesamten europäischen Bahnnetz. „Jede Art von Verbesserung der Infrastruktur bedeutet etwas für eine Region“, unterstrich Frandsen.

Verkürzung der Fahrzeit

Wenn die Strecke Niebüll-Esbjerg durchgehend auf 120 km/h trassiert und ausgerüstet wäre, könnten die Fahrgäste ab Niebüll 25 Minuten einsparen (85 Minuten anstatt 110 min Fahrzeit), ab Tondern 15 Minuten auf dann eine Stunde Fahrzeit. Auch von Vorteil ist, dass Dänemark dann ein Fahrzeug einsparen könnte. Technisch sei alles kein Problem, denn schon heute sei in den Zügen die modernste Signaltechnik Europas eingebaut, erklärt die NEG.

Steigerung von mehr als 30 Prozent möglich

Die NEG geht davon aus, dass mit zwei bis vier Fahrtenpaaren mehr – vor allem in den Früh- und Spätlagen – und der Fahrzeitverkürzung die Anzahl der Reisenden auf über 120.000 steigen kann: noch einmal eine Steigerung von mehr als 30 Prozent. Dennoch ist die Strecke gegenwärtig diejenige in Schleswig-Holstein mit der geringsten bestellten Verkehrsfrequenz – trotz der Erfolgsgeschichte.

Nur zwei Passagiere wegen Corona

Von der Corona-Zeit und den geschlossenen Grenzen war auch die Bahnverbindung betroffen. Während die Grenzen noch zu waren, pendelten die Züge dennoch zwischen den beiden Städten. „Wir hatten einen Berufspendler, der nach Deutschland fuhr, und einen, der in die andere Richtung musste“, erklärte Thorsten Schaefer, Leiter der NEG-Infrastrukturabteilung. Wir arbeiten im Auftrag des Landes und müssen die Strecken bedienen. Erst bei einem Nein aus Kiel, wäre der Verkehr eingestellt worden“, so Schaefer.

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