Gastronomie

Der Chef ist das Mädchen für Alles

Der Chef ist das Mädchen für Alles

Der Chef ist das Mädchen für Alles

Ruttebüll/Rudbøl
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Zwei Wendicke-Generationen: Paul und sein Sohn Nico. Ehefrau und Mutter Dorte Wendicke hatte beim Fototermin einen freien Tag. Foto: Jane Rahbek Ohlsen

Vor 25 Jahren übernahmen Dorte und Paul Wendicke den Grenzkrug in Ruttebüll. Die ganze Familie arbeitet im Gastronomiegewerbe.

Das Telefon klingelt unentwegt. Gleichzeitig bestellen Gäste Kaffee, Cappuccino oder Frokost. Jedes Mal springt Gastwirt Paul Wendicke vom Stuhl und bedient die Kundschaft in seinem Grenzkrug in Ruttebüll. Als eigene Stellenbeschreibung würde er sich „Mädchen für Alles“ auf die Visitenkarte schreiben. Währenddessen händigt er an der Rezeption Zimmerschlüssel aus, nimmt Buchungen entgegen oder kassiert für den Aufenthalt auf dem familieneigenen Campingplatz.

Paul Wendicke hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt. Als Kellner wurde er im Hotel Dagmar in Ripen ausgebildet. Seine Frau Dorte und er übernahmen Anfang der 80er Jahre das frühere Missionshotel an der Tonderner Westerstraße. Ein Betrieb mit 40 Zimmern, aber ohne eigenes Bad und Toilette. „Hätten wir uns für den Umbau entschieden, wäre es teuer geworden und wir hätten nur noch 25 Zimmer gehabt. Zu klein fanden wir und entschieden uns für den Grenzkrug meiner Eltern. Dorte arbeitet dort als gelernte Köchin in der Küche und ich serviere auch immer noch“, lacht der Krugbesitzer, der mit seiner Frau am 16. Juli vor 25 Jahren den Betrieb übernahm.

Im Grenzkrug mit dem Ruttebüller See direkt vor der Haustür kehren viele Stammgäste ein. Auch die Wochenendaufenthalte erfreuen sich großer Popularität. Doch es kommen auch Kurzurlauber. Der Krug öffnet seine Türen auch zu Weihnachten (23.-26. Dezember) und zu Neujahr (30. Dezember-1. Januar). Grund zum Klagen habe er nicht, versichert der 62-Jährige. Das Projekt Tønder-marsk Initiativet und der Titel als Weltnaturerbe würde die Gegend bekannter machen und bringe vielleicht auch weitere Gäste und Touristen. Ob auch etwas für seinen Krug „abfallen“ wird, werde sich zeigen.

Sort Sol bringt viele Gäste

„Zu uns kommen auch Menschen, die an der Natur und an Vögeln interessiert sind. Viele Ornithologen, hauptsächlich aus Dänemark, zählen zu den Gästen. Die Sort-Sol-Begeisterung füllt gut im Gästebuch, erzählt er. Vom Wildschweinzaun am Ruttebüller See ist er nicht begeistert. „Wir wollen nichts, was negativ ins Auge fällt. Der Zaun wird auch dicht an unseren 15 Ferienhäusern vorbeiführen. Viel Geld ist für diesen Zaun bewilligt worden und nun muss er Knall oder Fall gebaut werden.“

Der Krug, der früher eine Landwirtschaft mit Ausschank war und bis ins Jahr 1711 zurückdatiert werden kann, wurde mehrfach vergrößert. 1984 kam der Anbau mit 30 Zimmern dazu, 1999 erfolgte der Bau des großen Saals. Wer hier baut, hat wegen des feuchten und schwankenden Untergrunds hohe Ausgaben. Schwer verlief der siebenjährige Prozess mit den Behörden, als der Campingplatz mit 120 Plätzen gebaut werden sollte.

„In der Konkurrenz mit anderen Restaurants haben wir den Vorteil der Übernachtungsmöglichkeiten“, erzählt Paul Wendicke, der 15 fest angestellte Mitarbeiter beschäftigt. In der Hochsaison und bei großen Gesellschaften kommen Hilfskräfte dazu.

Anfang des Jahres macht der Krug für etwa zwei Wochen Ferien. Für Paul Wendicke bedeutet es, dass er weit weg muss, um ganz abschalten zu können. Das Ferienhaus in Ekensund reichte nicht. Daher wird der Urlaub jetzt im Ferienhaus in Thailand verbracht. Sein Arbeitstag beginnt bereits um 6 Uhr, da er für die übernachtenden Gäste das Frühstück zubereitet. Erst gegen 21 Uhr endet sein Dienst an normalen Tagen. „Meine Arbeit gefällt mir trotzdem immer noch. Über den Ruhestand habe ich noch gar nicht nachgedacht.“

Die ganze Familie will Gäste verwöhnen

Es lag nicht in den Karten, dass Paul Wendicke in die Gastronomie gehen würde. Der Großvater väterlicherseits war Barbier in Hoyer und auf Alsen, Vater Hans Peter war eigentlich Kaufmann und wirkte als solcher am Grenzübergang Ruttebüll/Rosenkranz in umgekehrten Grenzhandel, als Deutsche zum Einkaufen nach Dänemark kamen. 1963 kaufte der Seniorchef den Krug im Grenzort, den er ein Jahr später mit seiner Frau Helga eröffnete. Sie, die vorher auf größeren Höfen gedient hatte, wurde als Autodidaktin Küchenchefin, Hans Peter war wie sein Sohn heute Chef und Mädchen für Alles.

Wie für ihn war der Krug auch für die eigenen vier Kinder ein zweites Zuhause. So ging der Nachwuchs auch in die Branche und lernte entweder Kellner oder Koch. Und alle sind im Gastronomiegewerbe geblieben. Der jüngste Nico arbeitet mit seiner Mutter Dorte als Küchenchef im Familienbetrieb. Der 25-Jährige könnte die dritte Wendicke-Generation im Grenzkrug werden. Tochter Stephanie ist Restaurantchefin in Kopenhagen, Marco hat gerade einen Job als Verkaufschef in einem neuen Luxushotel mit 400 Zimmern in der Hauptstadt bekommen, das erst 2020 eröffnet wird. Und Marcel führt in Tondern das Hotel Tønderhus und Marcels Brasseri).

„Wir haben sie nicht in diese Branche gezwungen, denn mit Zwang geht gar nichts. Sie haben es selbst für sich so entschieden. Ich habe die Übernahme des Familienbetriebs auch als ganz natürliche Sache gesehen und habe nichts bereut“, meint Paul Wendicke.

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