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Aus konventionellem Landwirt wurde Beerenproduzent

Aus konventionellem Landwirt wurde Beerenproduzent

Aus konventionellem Landwirt wurde Beerenproduzent

Ostergasse/Øster Gasse
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Anders Sørensen ist in der Beerenplantage in seinem Element. Foto: Elise Rahbek

Anders Sørensens zwei Kinder interessierten sich nicht für die Übernahme des Elternhofs in Ostergasse. Deswegen sattelte ihr Vater um. Heute baut er Beeren an und lässt in Zusammenarbeit mit seinem Bruder hochwertige Getränke herstellen.

Zu einem beruflichen Wendepunkt kam es für Landwirt Anders Sørensen aus Ostergasse, als er seine 160 Milchkühe verkaufte. Der Stall war nicht mehr zeitgemäß und hätte modernisiert werden sollen. Weder seine Tochter noch sein Sohn waren interessiert, später den Elternhof Vibegaard am Åbenråvej in Ostergasse bei Scherrebek (Skærbæk) zu übernehmen, den er von 1978 bis 1990 zusammen mit seinem Vater als Milchviehbetrieb geführt hatte. Daher wurde das Vieh 2007 verkauft.

Was tun, fragte sich der heute 65-Jährige. Mit seinem Bruder Bent, der Besitzer von „Skærbæk Maskinforretning“ ist, und dem schon etablierten Beerenproduzenten Niels Grovn aus Halk wurde eine neue Firma gegründet. Anstelle von Getreide und Rüben werden seit 2003 Stachelbeeren, Rote und Schwarze Johannisbeeren sowie Aronia (Apfelbeere) in großem Stil angebaut. Seit 2008 ist der Betrieb nch dem Ausscheiden von Grovn ein reines Familienunternehmen.

Plötzlich interessanter Gesprächspartner

„Wenn man früher auf Festen war und gefragt wurde, was man beruflich macht, wurde gleich die Nase gerümpft, wenn man sagte, man sei Landwirt. Dann seid es ihr, die die Umwelt mit Gülle verpesten. Wenn ich heute sage, dass ich Beerenproduzent bin, wird man plötzlich ein sehr gefragter Gesprächspartner“, lacht der 65-Jährige, der bestimmt nicht an mangelndem Selbstbewusstsein leidet.

Weniger Zucker, mehr Beere

Ziel des Unterfangens war es schon bei der ersten Ernte 2005, aus den Früchten hochwertigen Saft herzustellen mit weniger Zucker, ohne Konservierungs- und Farbstoffen und mit mehr Beeren in der Flasche. Heute ist die Produktpalette weitaus größer. Auch alkoholische Getränke werden produziert. Wein, Likör, Bier, Sirup, Gin und bald auch Eis und Würste mit Beeren befinden sich im Sortiment. Auch wenn seine Säfte etwas teurer sind als die herkömmlichen, ist sich Anders Sørensen nicht im Zweifel, dass die Qualität der Vibegaard-Produkte eine bessere ist.

Aus Beeren lässt sich nicht nur alkoholfreier Saft herstellen. Foto: Brigitta Lassen

Als Testpersonen diente zunächst die Familie. Als er seinen 50. Geburtstag feierte, tranken die Gäste den Saft und befanden ihn für gut. Es konnte also losgehen.

Wie wird ein konventioneller Landwirt zum Beerenproduzenten? „Zwei Tage Kursus, dann hätte ich es drauf, wurde mir gesagt, und ich machte das. So sollte ich für den Start vorbereitet sein. Es gibt nichts, was man nicht machen kann. Dazu gehört auch Mut, etwas Neues anzupacken und auch mal gegen den Strom zu schwimmen. Es sind nur die toten Fische, die mit dem Strom schwimmen“, erzählt der unterhaltsame und optimistische Unternehmer.

Auch bei der Wahl der Flaschen und Labels wird auf Qualität geachtet. Dass dies ein wichtiges Kriterium für ihn ist, davon zeugt das neue Wohnhaus des Hofs, das 2010 gebaut wurde und das Etikett der Produkte ziert.

Es gibt nichts, was man nicht machen kann. Dazu gehört auch Mut, etwas Neues anzupacken und gegen den Strom zu schwimmen. Es sind nur die toten Fische, die mit dem Strom schwimmen.

Anders Sørensen, Beerenproduzent
Der Vibegaard ist der Elternhof von Anders und Bent Sørensen. Foto: Elise Rahbek

Die Vibegaard-Produkte werden in Fachgeschäften, Restaurants/Cafés und anderen Hofläden, meist in Jütland (Jylland) verkauft. Sie wüssten die Qualität zu schätzen und dass Qualität auch einen höheren Preis hat, sagt Sørensen. Vereinzelt gibt es Abnehmer auch auf Fünen (Fyn), dafür aber überhaupt keine auf Seeland (Sjælland). Auf die ganz großen Supermarkt-Ketten verzichtet er aufgrund schlechter Erfahrungen mit deren Einkäufern.

„Mir gefällt es viel besser, durch die Plantage zu gehen und die Natur zu beobachten, als im Auto viel Zeit auf den Landstraßen zu verbringen, um unsere Waren anzubieten. In unserer Plantage gibt es viel Wild, denn zwischen den Strauchreihen lassen wir Unkraut und Gras wachsen. Mir passt es auch besser, meine Kunden persönlich zu kennen“, erzählt der umtriebige Unternehmer.

Alkoholisches und Getränke ohne Prozente werden aus den Beeren aus Ostergasse hergestellt. Foto: Elise Rahbek

„Wir müssen gerne jedes Jahr mindestens ein neues Produkt auf den Markt bringen. In diesem Jahr werden es unter anderem das Eis und Rhabarbersaft sein oder ein rosafarbener Gin für die junge Dame oder ein graugrüner für den Vatertag. Man muss neugierig sein, den Verbrauchern zuhören und mit der Zeit gehen“, erklärt Sørensen seine Geschäftsdevise.

Würste mit Beeren

In diesem Jahr soll ein ganz neuer Weg beschritten werden. Bei der Schlachterei in Kisbek (Kisbæk) sollen Würste mit Fleisch und Stachelbeeren produziert werden. „Probe gegessen wurden sie schon und vom Schlachter gutgeheißen“, erzählt Sørensen stolz.

Diese Würste und Käse unter anderem von der Ökomeierei Naturmælk in Brauderup (Broderup) sollen auf dem Vibegaard bei Tapas-Abenden in einem neuen, hofeigenen Café serviert werden. Zu trinken gibt es natürlich Vibegaard-Getränke. „Und als Dessert passt dann unser hausgemachtes Eis sehr gut. Wir werden bis zu 65 Gäste bedienen können“, erzählt Anders Sørensen vom neuesten Projekt.

Eine Köstlichkeit zum Eis: Stachelbeersirup Foto: Elise Rahbek

Die Handwerker sind bereits mit der Einrichtung des neuen Gastronomiebetriebs beschäftigt. Im Gebäude wird auch eine Küche, der Hofladen und ein Lager eingerichtet. Vor dem Café sollen die Gäste auf neu gepflanzte Blaubeer-, Himbeer- und Honigbeeren-Sträucher schauen, die vielleicht zu einem neuen Rohprodukt des Unternehmens werden könnten.

Hier entsteht das neue Vibegaard-Café. Foto: Elise Rahbek

„Unser Eis kann eigentlich nicht lokaler werden. Die Milch beziehe ich von Ökolandwirt Niels Stamp, der nur fünf Kilometer vom Vibegaard wohnt. Das Eis wird bei Rømø Bolsjeri & Iscafé in Lakolk auf Röm hergestellt. Als Zutat gibt es unsere Stachelbeeren“, so Sørensen.

Beim Verkosten der Vibegaard-Getränke und dem Eis fällt sofort auf, dass angenehm wenig Zucker verwendet wird. „Das stimmt, wir haben es nicht so mit dem Zucker. Den müssen die Früchte bringen. Wir nehmen nur ein Minimum an Zucker, denn der säuerliche Geschmack der Beeren muss erhalten bleiben“, erzählt Sørensen. Gedüngt werde ausschließlich mit Gülle, die von unten an die Sträucher gelangt.

Einzelkämpfer in der Plantage

Wer glaubt, dass er nur mit Mitarbeitern die 75 Hektar große Beerenplantage betreiben kann, täuscht sich. Er ist der Chef und der einzige festangestellte Mitarbeiter des Familienunternehmens. „Wenn die Beeren im Sommer maschinell geerntet werden – die Lese dauert ungefähr drei Wochen – kommen mein Sohn und meine Tochter nach Hause. Und auch meine Nichten haben sich als Fahrerinnen der Erntemaschine etwas dazuverdienen können.“

Einige Wochen bleiben noch bis zur Ernte. Foto: Elise Rahbek

Ein 76-jähriger Nachbar schwingt sich auch auf das Fahrzeug und will als Lohn nur Beeren für den Eigenbedarf haben. „Und durch seinen kleinen Nebenjob bei uns kann er heute ohne Rollator gehen und hat das Sprechen wieder erlernt“, freut sich Anders Sørensen. „Man kann während des Erntens ein ganz fauler Hund sein. Man muss ganz langsam fahren. Sonst werden die Beeren zerdrückt, und man muss nie von der Erntemaschine absteigen“, lacht er schallend.

Heute will man sich auch etwas Gutes gönnen und dafür auch etwas mehr bezahlen.

Anders Sørensen, Beerenproduzent

Und wo wird der Saft von Vibegaard hergestellt? Die geernteten Früchte werden in der Mosterei in Ørbæk (heute Ørskov Foods) auf Fünen verarbeitet. Dort liegen große Fässer, aus denen Vibegaard je nach Bedarf bestimmte Mengen zapfen kann.

Während früher über lokal produzierte Lebensmittel geschmunzelt wurde, lägen sie heute ganz groß im Trend. Vielleicht auch wegen der Corona-Krise, die eine Zäsur im Verhalten der Verbraucher gebracht hat. „Heute will man sich auch etwas Gutes gönnen und dafür auch etwas mehr bezahlen“, glaubt Anders Sørensen.

Johannisbeersaft direkt zum Trinken oder zum Selbermischen. Mit diesem Saft fing alles an. Foto: Elise Rahbek

Mit den Produkten habe er eigentlich immer der Geschmack der Kunden getroffen. Bis auf eine Ausnahme. „Wir versuchten wie im Krieg, als Tomaten nicht aufgetrieben werden konnten, Ketchup aus Stachelbeeren herzustellen. Das kam nicht so gut an. Es wurde eher als Chutney aufgefasst, das mit leckerem Käse bestimmt gut geschmeckt hätte.“

EU-Aufnahme von Polen ließ die Preise purzeln

Seinen Anfang als Beerenzüchter machte er mit Schwarzen Johannisbeeren. 58 Hektar wurden angebaut. Doch die Fläche musste später kräftig auf zehn Hektar verkleinert werden. Der Grund war der Eintritt Polens in die EU 2014.

„Sie sollten auch etwas vom Kuchen abhaben. Die EU zahlte 50 Prozent und das Land weitere 25 Prozent der Ausgaben, mit dem Resultat, dass die Preise in den Keller gingen. Sie haben sich seitdem nicht wesentlich erholt.“ Es sei eine turbulente Zeit mit vielen Aufs und Abs gewesen. Als damaliger Vorsitzender von „Dansk Bærdyrkerforening“ ging Sørensen mit den Politikern wegen der ungerechten Konkurrenzbedingungen zwischen dänischen und polnischen Produzenten in den Clinch.

Kampf gegen Strommasten

Zurzeit muss er sich auf einem ganz anderen Gebiet zur Wehr setzen. In unmittelbarer Nähe des Wohnhauses sollen riesige Hochspannungsmasten der neuen Stromautobahn entlang der Westküste errichtet werden. Im jüngsten Vorschlag von Energinet ist der Standort etwa 25 Meter auf die andere Seite des Hofes verlegt worden. Doch auch diesen Kampf nimmt er auf.

In einer solchen Situation ist nicht gut Kirschen essen mit Anders Sørensen. Schließlich ist er nicht Besitzer eines Saftladens.

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