Grenzland

Inga und Karsten: Die ganze Welt liebt ihre Geschichte

Inga und Karsten: Die ganze Welt liebt ihre Geschichte

Inga und Karsten: Die ganze Welt liebt ihre Geschichte

Mühlenhaus/Møllehus
Zuletzt aktualisiert um:
Karsten Tüchsen Hansen, Inga Rasmussen
Inga Rasmussen aus Gallehuus und Karsten Tüchsen Hansen aus Süderlügum haben es weltweit in die Medien geschafft. Foto: Cornelius von Tiedemann

Grenzüberschreitende Liebe: Was ist eigentlich aus Inga Rasmussen und Karsten Tüchsen Hansen geworden? Die beiden sehen sich noch immer jeden Tag. Und das Fernsehen war auch schon wieder da.

Neuer Sendetermin!

Am Dienstagabend (statt Freitagabend) zeigt das „NDR“-Fernsehen in „DAS!“ (der Sendung mit dem roten Sofa) einen kurzen Beitrag über Paare, bei denen Partner beiderseits der Grenze leben, und die Probleme, die die Corona-Restriktionen und die Grenzkontrollen für diese Beziehungen verursachen. Mit dabei ist neben Inga Rasmussen und Karsten Tüchsen Hansen auch die in Tondern lebende Übersetzerin Marieke Heimburger.

Sendetermin: „NDR Fernsehen“, Dienstag, 23. Februar, 18.45 Uhr.

Grenzenlos glücklich: Vor fast einem Jahr haben Inga Rasmussen und Karsten Tüchsen Hansen weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Heute sehen sie sich noch immer jeden Tag – in Deutschland und in Dänemark.

Ein Foto der beiden, aufgenommen von Tornderns Bürgermeister, machte den Anfang, ein Bericht im „Nordschleswiger“ folgte. Danach machte die Geschichte der 85-jährigen Dänin und ihres 89 Jahre alten deutschen Freundes die Runde.

„Danmarks Radio“, die „Deutsche Welle“, „Euronews“, „RTL Frankreich“, die britische „BBC“, die „New York Times“, kurzum: Medien aus aller Welt bis nach Japan berichteten über das Paar, dessen Liebe, so der Tenor, keine Grenzen kenne. Sogar Thomas Gottschalk interviewte die beiden für seinen Jahresrückblick 2020.

Karsten Tüchsen Hansen, Inga Rasmussen
Dreh beim Grenzübergang: Inga Rasmussen und Karsten Tüchsen Hansen stehen dem „NDR“ Rede und Antwort. Foto: Cornelius von Tiedemann

Hintergrund des Ganzen: Im Zuge der ersten Covid-19-Welle hatte die dänische Regierung veranlasst, dass die Landesgrenzen geschlossen werden.

An den kleinen, sonst zumeist nur an den Schildern zu erkennenden Grenzübergängen zwischen Nord- und Ostsee standen plötzlich Betonblöcke, Zaunelemente und improvisierte Schlagbäume. Kurz: Es gab kein Durchkommen mehr.




„Das Kuriose: Das war ja der 14. März“

Auch nicht für die noch junge, damals erst zwei Jahre währende romantische Freundschaft zwischen der ehemaligen Schlachtersfrau aus Nord- und dem ehemaligen Landwirt aus Südschleswig.

Kurzum beschlossen die beiden, sich an der plötzlich sichtbaren Grenze zu treffen.

„Hier haben wir acht Wochen gestanden“, erinnert sich Inga Rasmussen heute, bald ein Jahr danach, an dem Ort, an dem mit einem Pressetermin im März 2020 ihre internationale Berühmtheit begann: Am beschaulichen Grenzübergang Mühlenhaus/Møllehus-Aventoft. Damals schien die Märzsonne, heute stehen wir im Schneematsch.

„Der Nordschleswiger“ ist da – und ein „NDR“-Team aus Hamburg ist gekommen, um einen Beitrag über die Schwierigkeiten grenzüberschreitender Liebe in Corona-Zeiten zu drehen.

„Die hatten hier Betonklötze rübergesetzt“, erzählt Karsten Tüchsen Hansen und deutet auf die unscheinbare Straße gen Süden. „Und das Kuriose: Das war ja der 14. März“, sagt er.

Auf den Tag genau 100 Jahre war es da her, dass eine Volksabstimmung in Mittelschleswig abgehalten wurde. Ihr Ergebnis führte letztlich zur heutigen Grenzlinie.

Karsten Tüchsen Hansen, Inga Rasmussen
Inga Rasmussen fährt jeden Tag nach Deutschland – und Karsten Tüchsen Hansen jeden Tag nach Dänemark. Foto: Cornelius von Tiedemann

Kaum Interesse für die Geschichte des Grenzlandes

„Genau nach 100 Jahren, am 14. März 2020, sitze ich in Deutschland und kann nicht nach Dänemark rein. Meine Eltern konnten nicht rüber 100 Jahre vorher – und genau auf den Tag sitzen wir hier!“, sagt der 89-Jährige durch die hellblaue Atemschutzmaske.

Für die historische Dimension des Ganzen interessierten sich die meisten Medien aber gar nicht, erzählt Tüchsen Hansen. Sie kommen wegen der Geschichte mit dem Kaffeetischchen an der Grenzbarrikade und der rührenden grenzüberschreitenden Freundschaft. Aber auch davon erzählt er immer wieder gerne, und mittlerweile schon ziemlich routiniert: „So, nun frag mal, was willst du wissen?“

Mit 85 und 89 Jahren jeden Tag über die Grenze

Welche Sprache die beiden miteinander sprechen? „Also in Deutschland sprechen wir Deutsch, und in Dänemark sprechen wir Dänisch. Das passiert ganz automatisch“, sagt Tüchsen Hansen.

Inzwischen treffen sich die beiden nur noch zu Presseterminen an der Grenze, die sie berühmt machte. Was nicht heißt, dass sie einander nicht täglich sehen würden.

Karsten Tüchsen Hansen, Inga Rasmussen
Unzertrennlich: Inga Rasmussen und Karsten Tüchsen Hansen Foto: Cornelius von Tiedemann

„Warum willst du dich immer interviewen lassen?“

Die Grenzbarrikaden sind schon lange abgebaut. Nur gelegentlich lassen sich noch dänische Polizisten blicken und kontrollieren am kleinen Grenzübergang am Mühlenhaus. Eine Überwachungskamera filmt rund um die Uhr.

Auch wenn die Einreisebeschränkungen strikt sind und erst kürzlich wieder verschärft wurden: Die beiden dürfen einander besuchen. Die entsprechenden Bescheinigungen hat sich das Paar besorgt.

„Ich darf immer rüberfahren, wenn ich einen dänischen Pass dabeihabe. Ich muss ihn aber immer zeigen“, sagt Inga Rasmussen, deren dänische Familie ihren späten Ruhm nicht nur begrüßt, wie sie erzählt. „Warum willst du dich immer interviewen lassen?“, heiße es dann, sagt sie. Dass ihr Karsten ein Deutscher ist, komme erschwerend hinzu.

Essen auf Rädern – über die Grenze geliefert

Dem Glück der beiden tut das keinen Abbruch. „Sie kommt jeden Tag zwischen zwei und vier zu mir. Dann kriegen wir eine Tasse Kakao, und dann kriegt sie Abendbrot bei mir“, erzählt Karsten Tüchsen Hansen. „Jeden Tag!“

Am Morgen steht er dann als erster von beiden auf und macht Kaffee, „dann sitzen wir noch fünf Minuten“. Und seit dem 1. Februar sehen sie sich schon ziemlich bald wieder, in Gallehus in Dänemark, ergänzt er. „Dann bringe ich jeden Tag zu ihr Essen rüber.“

Er bekommt nämlich Essen auf Rädern geliefert. Zwei Portionen.

Karsten Tüchsen Hansen, Inga Rasmussen
„Wir haben so viele Fremde kennengelernt“, sagt Karsten Tüchsen Hansen. Foto: Cornelius von Tiedemann

„Im Grunde war das herrlich“

„Ich bin da oben geboren, in Aventoft“, zeigt Tüchsen Hansen, der Anfang März 90 wird, über die Grenze hinweg gen Süden.

„Es gab für uns nie eine Grenze“, wird er philosophisch. „Die Liebe war stärker. Wir haben da acht Wochen gesessen, jeden Tag, bei Regen, bei Sturm sind wir da gewesen. Von um halb drei bis um fünf, sechs.“

Das ist ihre Geschichte. Doch warum sie immer wieder erzählen? Oder „warum willst du dich immer interviewen lassen“?

Die Aufmerksamkeit macht den beiden Spaß, das ist zu spüren. Vor allem Karsten Tüchsen Hansen sprudelt vor Erzählfreude. Doch da ist mehr als das.

„Da kamen ja so viele Neugierige“, sagt er. „Wir haben so viele Fremde kennengelernt. Von dänischer Seite und von deutscher Seite. Manche hatten auch Kuchen mit. Im Grunde war das herrlich!“

„Dann fahre ich an einer anderen Stelle rüber“

Auch heute, wo die physischen Barrikaden wieder abgebaut sind, kann nichts und niemand ihn daran hindern, seine Freundin Inga jeden Tag zu besuchen, um ihr das Essen zu bringen.

„Ich habe eine Bescheinigung von der dänischen Polizei, dass ich rüberkann. Aber der eine Polizist weiß ja nicht, was der andere sagt. Mitunter bin ich auch abgewiesen worden, wenn sie sagen, das reicht nicht.“

Und dann?

„Dann fahre ich an einer anderen Stelle rüber.“

Mehr lesen