Thema der Woche: Zurück im Alltag

Bewegender Vortrag über Leben im Kinderheim

Bewegender Vortrag über Leben im Kinderheim

Bewegender Vortrag über Leben im Kinderheim

Hoyer/Højer
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Karen Thomsen ließ ihre Zuhörerinnen und Zuhörer Anteil nehmen an ihrer Lebensgeschichte als Kind eines Besatzungssoldaten, das in einem Kinderheim aufgewachsen ist. Foto: Volker Heesch

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Der lokalhistorische Verein Hoyer startet nach langen Corona-Einschränkungen ins neue Veranstaltungsprogramm. Karen Thomsen berichtete über ihren Aufenthalt im „Søskendehjemmet“ und den Umgang der dänischen Gesellschaft mit Kindern deutscher Besatzungssoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der lokalhistorische Verein in Hoyer, „Højeregnens Lokalhistoriske Forening“, hat wie viele andere Zusammenschlüsse gerade auch in ländlichen Bereich aufgrund der strengen Vorgaben zur Eindämmung der Corona-Pandemie in Dänemark monatelang Veranstaltungen absagen müssen. Im Juni konnte nach langer Zwangspause die fällige Generalversammlung durchgeführt werden.

Neustart nach Corona-Zwangspause

Dort wurde zur Erleichterung der Vorstand des Vereins vervollständigt, der unter anderem auch das lokalhistorische Archiv Hoyer im Müllerhaus neben dem Mühlenmuseum im Ort unterstützt. Am Dienstag, 24. August, herrschte gespannte Freude, als der lokalhistorische Verein erstmals wieder zu einem Vortragsabend ins Mitbürgerhaus von Hoyer, das frühere Bürgermeisteramt, eingeladen hatte. Es gabe strahlende Gesichter im Vorstand, denn es hatten sich rund 30 Interessierte für den Abend mit Karen Thomsen aus Hoyer als Referentin angemeldet.

Karen Thomsen hinterließ mit ihrem Vortrag tiefen Eindruck bei den Mitgliedern des lokalhistorischen Vereins in Hoyer. Foto: Volker Heesch

Das Kinderheim war 1939 errichtet worden

Sie berichtete über ihre Kindheit im Hoyeraner Kinderheim, dem 1939 auf Initiative des dänischen Gemeindepastors N. P. Nielsen errichteten „Søskendehjem“ am Strandweg, das bis 1976 existierte. Anschließend diente es als psychiatrisches Wohnheim und als Jugendclub. Seit einigen Jahren ist es im Privatbesetz. „Ich habe von 1948 bis 1961 im Heim in Hoyer gelebt. Geboren bin ich 1944 in Aarhus, wo viele Frauen ihre Kinder zur Welt brachten, die Kinder mit deutschen Soldaten bekamen“, so die frühere Erzieherin und Kindergartenleiterin, die seit 2001 wieder in Hoyer lebt. Dabei war die Mutter und deren Familie in Sonderburg beheimatet.

Schwere Zeiten für Frauen die sich mit Soldaten eingelassen hatte

Karen Thomsen berichtete in ihrem Vortrag von den Beschimpfungen, die junge Mädchen wie ihre damals 18-jährige Mutter in ihrer dänischen Umwelt erleiden mussten, die sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten. Karen Thomsen schilderte, dass sie als Erwachsene Einsicht in die Akten ihrer Familie nehmen konnte, denn sie habe gar nichts von den Umständen ihrer eigenen ersten Lebensjahre und der ihrer zwei jüngeren Schwestern gewusst. „Im November 1947 wurden wir auf behördliche Anordnung der Mutter weggenommen und aus der Wohnung in Broacker in öffentliche Obhut genommen“, so Karen Thomsen und berichtete, dass die Mutter damals nicht in der Lage gewesen war, die Kinder im Alter von zwei und einem Jahr sowie vier Monaten zu versorgen.

Mit Lichtbildern, die Fotios aus ihrer Kindheit wiedergaben, illustrierte Karen Thomsen ihren spannenden Vortrag. Foto: Volker Heesch

„Mit 21 hatte sie drei Kinder“, so die Referentin, die erklärte, dass sie und ihre Schwestern nach Unterbringung in anderen Heimen im März 1948 im „Søskendehjemmet“ in Hoyer untergekommen waren. „Es lebten dort 27 Kinder während meines Aufenthaltes“, so Karen Thomsen, die auch die Leiterin der Einrichtung, die Krankenschwester Johanne Karstoft vorstellte, die für die Kinder nur „Moster“ (Tante) genannt wurde. Im Stil der damaligen Zeit war Kontakt zur leiblichen Mutter der Kinder nicht vorgesehen. Dieser kam später allerdings doch zustande. Karen Thomsen gab Einblick in den Alltag im Heim, wie sie ihn als Kind erlebte hat. Wo sie sich mitunter unter einer Treppe versteckt hat, es morgens eine Art Brotsuppe oder Hafergrütze sowie Lebertran gab und einmal in der Woche in einer Zinkwanne gebadet wurde.

Im Jahre 1939 ist das Kinderheim in Hoyer errichtet worden. Foto: Lokalhistorisches Archiv Hoyer

Unterstützung durch Mitarbeiterinnen im Heim

„Die Mitarbeiterinnen gingen oft lange Spaziertouren mit uns. Oft auf den Bahnschienen zur Schleuse“, so Karen Thomsen, die sich dankbar an eine junge Betreuerin erinnert, die sie angespornt habe, die Mittelschule zu besuchen, um mit dem Realexamen, bestanden in Tondern, eine Ausbildung zur Kindergärtnerin absolvieren zu können.

Die Heimleiterin Johanne Karstoft leitete das „Søskendehjemmet" im Stil der Zeit nach mitunter strengen Regeln. Foto: Karen Thomsen

Sehr gern erinnere sie sich an die alljährlichen Aufenthalte in der Jugendherberge auf der Insel Röm, wo sie und die anderen Kindern schöne Tage in der Obhut der Jugendherbergseltern verlebten, dort waren auch Kinder aus Deutschland und es wurden dänische und deutsche Lieder gemeinsam gesungen. Sehr schön waren auch die Weihnachtsfeiern im Kinderheim.

Spät Kontakt zur Mutter

Ein Schock sei es für sie und die Geschwister gewesen, als nach vielen Jahren erstmals die Mutter wieder bei den inzwischen größeren Kindern auftauchte, nachdem sie offenbar jahrelang rastlos von einem Ort in den anderen gezogen war. Es gab Besuche bei der Mutter, die sich auf dem Sundewitt (Sundeved) niedergelassen hatte. „Es war ein Erlebnis, dort ein Haus mit Plumsklo kennenzulernen, und sehr einfache Verhältnisse“, so die Referentin, die auch erwähnte, dass eine ihrer Schwestern viel mehr als sie selbst darunter gelitten habe, Heimkind zu sein. Die Schwester sei einmal fortgelaufen, weil sie geärgert worden war. Unter dramatischen Umständen, denn ihre Tasche wurde an der Schleuse gefunden. Später entdeckte sie ein Busfahrer. Die Schwester sei dann ein Jahr vor der Konfirmation zur Mutter gezogen.

Nach der Heirat des Hoyeraners Helmuth Thomsen hat Karen Thomsen lange in Pattburg (Padborg) gelebt, wo ihr 2019 verstorbener Mann eine Firma betrieben hat. Auf seinen Wunsch hin ist das Ehepaar, das selbst zwei Söhne bekam, an die Westküste gezogen. Schon vor dem Umzug nach Hoyer hatte Karen Thomsen, die nur bruchstückhaft von der 2001 verstorbenen Mutter über ihren biologischen Vater Auskunft erhalten hatte, eigene Nachforschungen angestellt. Sie war dem Verein „Danske Krigsbørns Forening“ beigetreten, da sie erfahren hatte, dass ihr Vater im Krieg gefallen sei. Mithilfe des Vereins habe sie die lange unter Verschluss gehaltenen Dokumente über ihre Familie einsehen können, gegen 127 Kronen Gebühr.

Überraschungen bei Nachforschungen

„Die sollten eigentlich 80 bis 100 Jahre unter Verschluss bleiben“, so Karen Thomsen, die sehr überrascht war, als sie erfuhr, dass ihre Mutter mit 18 einen gleichaltrigen deutschen Soldaten auf Fanø kennengelernt hatte. Die Mutter sei nach Wien gegangen, nachdem sie bemerkt hatte, dass sie schwanger war. Karen Thomsen zeigte einen Brief des Vaters an die Mutter, einen Liebesbrief mit Ermahnungen und Gedichten. Aus der versprochenen Heirat wurde nichts. Die Mutter hatte berichtet, einen Brief vom Vorgesetzten des jungen deutschen Soldaten bekommen zu haben, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass er „im Osten“ gefallen sei. Aus Wien zurückgekehrt nach Dänemark war der Vater Karen Thomsens nach Aufrufen in der „Statstidende“ für tot erklärt worden.

Verein der Kriegskinder hilfreich

Eine ganz andere Wendung nahm die Familiengeschichte, nachdem Karen Thomsen mithilfe eines Fachmanns des Vereins „Danske Krigsbørns Forening“ neue Nachforschungen in Deutschland angestellt hatte. Es stellte sich heraus, dass ihr Vater aus dem heute polnischen Schlesien stammt. Den Heimatort der Familie des Vaters haben Helmuth und Karen Thomsen sogar besucht. Ganz groß war die Überraschung, als Karen Thomsen dann herausfand, dass ihr Vater den Krieg überlebt hatte und nach Franken ins Bundesland Bayern gezogen war. Er war vor gar nicht langer Zeit verstorben. Und sie lernte dann sieben Halbgeschwister kennen, denn der Vater hatte in seiner neuen Heimat eine Familie gegründet und sich offenbar nie wieder bei seiner dänischen Freundin gemeldet, der er 1944 noch die Heirat versprochen hatte.

Freundschaft mit Halbgeschwistern

Karen Thomsen hat sich mit ihren Halbgeschwistern angefreundet, es werden familiäre Kontakte gepflegt und zusammen gefeiert. „Aber vielen Kriegskindern ist es sehr schlecht ergangen“, mahnt Karen Thomsen und fügt hinzu: „Mehr als 75 Jahre nach dem Ende des Krieges darf das nicht vergessen werden.“ Und sie berichtet, dass viele Kinder nichts von ihren Familien wissen. „Viele sind zur Adoption freigegeben worden, viele sind von den Großeltern ausgezogen worden, viele Kinder sind von ihrer Umwelt schlecht behandelt worden, weil sie Kinder deutscher Soldaten waren“, so die Referentin am Ende ihres Vortrags, an den sich noch viele Fragen aus der Zuhörerschaft anschlossen. Und Karen Thomsen berichtet auch davon, dass viele Kinder aus Kinderheimen ihre eigene Kindheit versucht haben zu verleugnen.

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