Literatur

Roman entsprungen aus Fundstücken in einem Haus in Nordschleswig

Roman nach Fundstücken in einem Haus in Nordschleswig

Roman nach Fundstücken in einem Haus in Nordschleswig

Süderseiersleff/Sønder Sejerslev
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Ilja Wechselmann und seine Frau Lone haben ihr Haus 2017 in Süderseiersleff erworben und restauriert. Die vorherigen Besitzer hatten es nicht mehr instandhalten können. Foto: Volker Heesch

Der in Seiersleff und Sonderburg lebende Autor Ilja Wechselmann spürt in seinem Roman „Fængsler“ Lebenslinien von Menschen in Deutschland zwischen Zweitem Weltkrieg und jüngerer Vergangenheit nach. Der 1944 als Kind jüdischer Flüchtlinge in Stockholm geborene Autor zeigt in seinem Werk Schicksale erfolgreicher und gescheiterter Figuren.

„In meinem Roman nehme ich die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise durch die deutsche Geschichte“, beschreibt Ilja Wechselmann seinen im vergangenen Jahr erschienenen Roman mit dem dänischen Titel „Fængsler“, dessen Entstehung eng mit dem Erwerb eines Hauses in Süderseiersleff bei Hoyer (Højer) verknüpft ist.

Ilja Wechselmann hat in Fundstücken wie Familienalben Inspiration zu seinem Roman erhalten. Foto: Volker Heesch

„Meine Frau Lone und ich haben das Haus mit dem schönen Ausblick auf die Emmerleffer Kirche im Dezember 2017 erworben. Dabei stießen wir auf Fotoalben, Briefe und viele andere Dokumente aus der Hinterlassenschaft des deutsch-dänischen Ehepaares, das zuvor seit über 25 Jahren das Haus bewohnt und gestaltet hatte. Es gab bei den beiden keine Nachkommen, die in dem Haus hätten aufräumen können“, berichtet Ilja Wechselmann, der sich aufgrund seiner eigenen Familiengeschichte und durch längere Aufenthalte in Südwestdeutschland zufällig in dem Bereich der Pfalz auskennt, in dem die kurz vor ihrem dänischen Ehemann verstorbene Frau ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte. Das fand er bei Durchsicht der Papiere und Fotos heraus, die ihm im Durcheinander in den Räumen aufgefallen waren.

Fotos in aufgefundenen Familienalben haben Eingang in die Handlung des Romans gefunden, den Ilja Wechselmann unter dem Titel „Fængsler“ veröffentlicht hat. Foto: Volker Heesch

Die Begegnung mit den Dokumenten, die ihm Einblick in Familiengeschichte und Werdegang der früheren Hausbesitzerin, der er nie persönlich begegnet ist, sowie deren Eltern gegeben hat, war für ihn der Anstoß, einen Roman zu schreiben. In diesem zeichnet er anhand verschiedener Personen und deren Lebensläufen die deutsche Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg einschließlich Schicksalsschlägen, Karriereerfolgen und Stunden des Glücks der Akteurinnen und Akteure nach.

„Es ist ein Werk im Sinne von Dichtung und Wahrheit“, beschreibt Wechselmann den Roman, der Szenen aus dem Erleben von Krieg und Flucht einer ursprünglich in Ostpreußen beheimateten Familie enthält, die zunächst in Flensburg landet, bevor es sie in die Pfalz verschlägt.

Kriegs- und Nachkriegszeit

„Ich will in dem Roman zeigen, wie unterschiedlich Nachkriegskarrieren in Deutschland verlaufen sind“, berichtet der Autor. Ihm ist es in seinem Werk gelungen, beispielsweise einen Akteur lebendig werden zu lassen, der es geschafft hat, nach einer ersten Karriere als Sportler und Luftwaffensoldat im nationalsozialistischen Deutschland und einer beruflichen Bruchlandung in Flensburg in Südwestdeutschland als Sportfunktionär und „Mister Olympia“ in höchste Positionen zu gelangen.

Der Roman enthält Passagen mit Schauplätzen im Zweiten Weltkrieg und Szenen der Flucht vor der heranrückenden Roten Armee, die auf eingehende Kenntnisse Wechselmanns in Sachen jüngerer deutscher Geschichte hinweisen. Im Buch werden die Verhältnisse gegen Ende des Krieges in Südwestdeutschland, das Aufeinandertreffen einer jungen Kriegerwitwe und eines aus der Gefangenschaft heimgekehrten Soldaten, deren persönliche Nöte und Sehnsüchte beeindruckend beschrieben und in Dialogen lebendig.

Erschütterde Verliererlaufbahnen

Daneben liefert Wechselmann erschütternde Einblicke in die „Karriere“ von Verlierern der 1950er und 1960er Jahre in Deutschland, zu denen auch während der Phase des „Wirtschaftswunders“ Zöglinge in Kinderheimen zählten. Übrigens bis heute hochaktuell angesichts des Ringens um Entschädigung und Rehabilitierung einstiger „Schützlinge“ öffentlicher und kirchlicher Einrichtungen.

Das Gewächshaus am Gebäude in Süderseiersleff ist ein Hinweis auf die Tätigkeit einer Romanfigur als Gärtnerin und Floristin. Foto: Volker Heesch

Ilja Wechselmann ist durch seine Frau, die als Lehrerin an einem Gymnasium in Sonderburg (Sønderborg) tätig gewesen ist, nach Sonderburg und damit ins deutsch-dänische Grenzland gekommen, nachdem er zuvor 60 Jahre in Kopenhagen gelebt hat, unterbrochen von Lehrtätigkeiten in Kanada und Flensburg.

Ilja Wechselmann wurde 1944 in Stockholm geboren, wohin seine jüdischen Eltern im Rahmen der Rettungsaktion im Herbst 1943 vor der drohenden Verschleppung und Ermordung durch das NS-Besatzungsregime in Dänemark hatten fliehen können. Nach der Rückkehr der Familie nach Kopenhagen war Ilja Wechselmanns Kindheit und Jugend geprägt von der Zugehörigkeit seiner Eltern zur Kommunistischen Partei Dänemarks, DKP.

„Ich habe deutsche und ukrainische Wurzeln“, berichtet Wechselmann und verweist auf den Vater als Sohn eines aus Deutschland stammenden Paares, das um die Jahrhundertwende nach Kopenhagen gekommen ist, während sich die Mutter nach der Flucht aus dem russischen Heimatort in der Nähe von Czernowitz in der heutigen Ukraine in den Wirren nach der russischen Revolution über Rumänien bis nach Kanada durchschlagen konnte.

Begegnung mit der DDR

„Beide sind sich Ende der 1920er Jahre in Montreal begegnet, wo mein Vater sich beruflich versuchte. Mit seinen letzten Ersparnissen sind Vater und Mutter angesichts der Weltwirtschaftskrise nach Kopenhagen gekommen“, berichtet er.

Durch das kommunistische Elternhaus, der Vater wurde als Korrespondent wegen seines politischen Engagements öfters gefeuert, lernte Ilja Wechselmann den real existierenden Sozialismus bei sommerlichen Arbeitseinsätzen in der DDR kennen. „Ich lernte dort auch das alte deutsche autoritäre Wesen kennen“, berichtet er.

Als Übersetzer bei „Arbeiterkonferenzen“ bekam er tieferen Einblick in das autoritäre Regime im Osten Deutschlands. „Mein jugendliches Aufbegehren war zugleich eine Auflehnung gegen meinen Vater, der bis zu deren Untergang der DDR die Treue gehalten hatte“, fügt er hinzu.

Studienzeit mit 68er-Generation

Während der Studienzeit in Kopenhagen – er studierte Geschichte und das ganz neue Fach Gesellschaftskunde an der Universität Kopenhagen – schloss er sich der neuen Linken der dänischen Studentenbewegung an.

„Meine Abschlussarbeit handelte von der Bürokratisierung der Gewerkschaften in Dänemark“, berichtet er, und selbstverständlich setzte sich der Werdegang für den marxistisch angehauchten „68er“ an der roten neuen Universität, dem „Roskilde Universitetscenter“ (RUC), fort. Ilja Wechselmann war viele Jahre wissenschaftlich und in der Lehre in Roskilde tätig.

Faszination Grenzland

Nachdem er seine jetzige Frau mit Arbeitsort in Sonderburg kennengelernt hatte, arbeitete er fünf Jahre bis zu seiner Pensionierung am Gymnasium Duborgskolen in Flensburg, was ihm unter anderem zu Einblicken in die deutsch-dänische Grenzlandgeschichte verhalf. „Die besondere Welt von Mehrheiten und Minderheiten hatte ich bereits in Kanada kennengelernt, wo ich im frankofonen Teil des Landes erfahren habe, dass sich Menschen gerne benachteiligt fühlen, selbst dort, wo sie dominieren“, berichtet er.

Auch während eines längeren Aufenthaltes im französischen Teil Kataloniens und in der Pfalz an der deutsch-französischen Grenze in Nachbarschaft zum Elsass hat ihn die besondere Grenzlandatmosphäre beeindruckt. In seinen Roman hat Wechselmann Szenen aus der Pfalz der Nachkriegszeit, die bedrückende Welt der Kinderheime ebenso wie die Auflehnung gegen deren strenges Regiment im Fahrwasser des 1968er-Aufruhrs in Deutschland eingebaut.

Buchtitel „Fængsler" Foto: Byens Forlag

Spannend an dem Roman ist, wie sich zwischen dem Nachkriegsgeschehen ein Handlungsfaden bis ins deutsch-dänische Grenzland spinnt, in dem eine der weiblichen Hauptfiguren ihren dänischen Partner findet, mit dem sie sich schließlich im westlichen Nordschleswig niederlässt. Eine zentrale Romanfigur, die unter dramatischen Umständen noch einmal einer weiblichen Person im Buch zu Leibe rückt, findet ein trauriges Ende im deutsch-dänischen Grenzland.

Die Handlungsstränge verbinden sich gegen Ende des 324 Seiten umfassenden Buches und lösen viele spannende Geheimnisse auf. Das Buch ist im Verlag Byens Forlag erschienen. Es kostet 299 Kronen und ist im Buchhandel erhältlich.

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