Vortrag im Haus Quickborn

„Erinnerung ist oftmals Verdrängung und Vergessen“

„Erinnerung ist oftmals Verdrängung und Vergessen“

„Erinnerung ist oftmals Verdrängung und Vergessen“

Kollund
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Henrik Skov Kristensen (r.) sprach in Kollund. Foto: K. Riggelsen

Fårhus-Historiker Henrik Skov Kristensen referierte und diskutierte im Haus Quickborn zum Thema Erinnerungskultur der deutschen Nordschleswiger.

„Die kollektive Erinnerung ist nichts Statisches. Sie entwickelt sich ständig“, hat der Leiter des Museums Frøslevlager, Henrik Skov Kristensen, zum Abschluss seines Vortrags über seine Forschung zum Thema Fårhuslager, Minderheit und Rechtsabrechnung im Rahmen der Veranstaltungsreihe 100 Jahre deutsche Minderheit im Veranstaltungszentrum Haus Quickborn des Sozialdienstes Nordschleswig betont.

Der Historiker hatte im voll besetzten Vortragssaal zunächst auf die „konkurrierende Grunderzählung“ von dänischer Mehrheitsbevölkerung und deutscher Minderheit in Nordschleswig über den Erinnerungsort Fröslevlager hingewiesen. Sie sei sowohl mit der Verschleppung von 1.600 dänischen Internierten in deutsche KZ , von denen 225 starben, verknüpft, als auch mit der Internierung und Strafverbüßung von 3.500 Angehörigen der deutschen Minderheit in denselben Gebäuden in dem in Fårhuslager umbenannten Komplex.

„Für die deutschen Nordschleswiger wurde das Fårhuslager zum Symbol für die Behandlung als Geschlagene und Besiegte und eine ungerechte Behandlung“, so Skov Kristensen, der betonte, dass die „deutsche Minderheit seit 1940 ihre Loyalität bei der deutschen Besatzungsmacht in Dänemark deponiert hatte“. Zugleich hatte Nazi-Deutschland Dänemarks territoriale Integrität am 9. April 1940 zugesichert, weshalb es kein „Heim ins Reich“ für Nordschleswig gab.

Folgen der Inhaftierung

Eine Folge der Inhaftierungen im Fårhuslager, wo vor allem während der Wochen des Lagerbetriebs unter der Kontrolle der dänischen Widerstandsbewegung ein „hassvoller Ton und Rachegefühle“ vorherrschten, sei in der deutschen Minderheit nicht nur das Ausbleiben einer Abrechnung mit Verfehlungen während der NS-Herrschaft gewesen, sondern auch die Hinwendung zu einer Sicht, sich selbst als Opfer zu sehen. Verführt von Naziführern und zu Unrecht von Dänemark bestraft.

„Der Aufenthalt im Fårhuslager war lange Zeit eine Qualifikation für eine Spitzenstellung in der Minderheit“, so der Historiker, der während der Veranstaltung mit mehreren Zeitzeugen aus der Minderheit diskutierte. Von diesen erklärte der einstige Luftwaffen-Freiwillige Andreas Jochens, dass es ihm und den meisten Angehörigen der Minderheit ab 1940 vollständig am Bewusstsein gemangelt habe, sich auch die Sicht der dänischen Nachbarn vorzustellen. „Wir waren nur begeistert über den deutschen Einmarsch 1940“, so Jochens.

Skov Kristensen berichtete, er habe im Rahmen seiner Forschungen festgestellt, dass es Parallelen bei der Entwicklung der Erinnerungskultur in Deutschland und in der deutschen Minderheit in Dänemark gegeben habe. So spiegele die Vergangenheitsbewältigung der Minderheit mit Umbenennung des Ehrenhains auf dem Knivsberg in Gedenkstätte den Trend in Deutschland wider, dass man sich zwar zur Schuld der NS-Führung 1933 bis 1945 bekenne, aber in der eigenen Familie eher nach dem Motto „Opa war kein Nazi“ vorgehe. „Erinnerung ist oftmals Verdrängung und Vergessen“, so Skov Kristensen, der sich auf viele Quellen auch aus der Minderheit selbst stützt.

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