Haderslebener Fallschirmjäger

15 Jahre in der Fremdenlegion

Jon Thulstrup
Jon Thulstrup Online-Redaktion
Hadersleben/Haderslev
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Brian Lange im Einsatz in Somalia 1992. Foto: Privat

Der aus Hadersleben stammende Brian Lange war vor allem als Fallschirmjäger in Afrika. Neben psychischem Stress erlebte er „eine einzigartige Gemeinschaft“.

„Du bist doch blöd, wenn du fünf Jahre deines Lebens für die Fremdenlegion opferst.“ So lautete die Antwort eines Pariser Polizisten, als der zum damaligen Zeitpunkt 22-jährige Brian Lange ihn nach dem Weg zur Kaserne der Fremdenlegion fragte.

Zwei Tage zuvor hatte Lange sich spontan dazu entschieden, sich bei dem von Mythen umgebenen Regiment der französischen Armee zu bewerben. Anschließend schrieb er zwei Abschiedsbriefe. Einen an seine Mutter und Schwester und einen für ein Mädchen, das er damals regelmäßig traf.

„Ich war sechs Monate als dänischer Blauhelm-Soldat auf Zypern stationiert. Doch ich wollte eigentlich kein Soldat in Dänemark sein und bat meinen Vorgesetzten, mich wenigstens in meine Heimat nach Hadersleben zu versetzen. Doch das wollte er nicht, und ich sagte ihm dann, dass ich abhauen würde“, so Lange und ergänzt: „Gesagt, getan. Nach dem freitäglichen Gespräch mit meinem Vorgesetzten war ich Montag bereits auf dem Weg nach Paris, um mich zur Fremdenlegion zu melden. Das war im Januar 1988“, so Lange, der dort den bereits erwähnten Polizisten traf.

„Er gab mir dann ein Stück Papier, wo die Adresse der Kaserne draufstand. Das sollte ich einfach einem Taxi-Fahrer geben“, erklärt er. Dieser fuhr Lange dann außerhalb der Stadt zur Meldestelle der Fremdenlegion. „Geld für die Fahrt wollte er nicht. Ich könne es später sicherlich noch gebrauchen“, sagt Lange.

Brian Lange
Brian Lange Foto: Jon Thulstrup

Dort, vor den Toren des Regiments, wo laut Mythos kriminelle Schwerverbrecher aus aller Herren Länder eine zweite Chance bekommen können, vorausgesetzt, sie schaffen die Aufnahmeprüfung, stand Lange dann. „Da hatte man schon ein mulmiges Gefühl“, erinnert er sich. „Plötzlich kam ein junger Kerl auf mich zugerannt und fragte, ob wir uns nicht gemeinsam melden sollten. Er kam aus Nepal. Ich stimmte zu, und wir gingen zusammen zur Meldestelle“.

Das Erste, was die Fremdenlegion dann von einem verlangt, ist der Pass. „Sie überprüfen die einzelnen Anwärter im Heimatland. Der Mythos, dass Gewalttäter in der Fremdenlegion Dienst leisten dürfen, stimmt nicht. Lediglich nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele frühere Soldaten aus Hitlers Waffen-SS in der Fremdenlegion. Einige davon waren noch meine Vorgesetzten. Vielleicht stammt der Mythos aus dieser Zeit“, so Lange.

Danach mussten sie duschen, bekamen einen Trainingsanzug ausgehändigt und ein üppiges Abendessen. „Zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass das physisch alles gar nicht so hart sein kann – doch ich änderte meine Meinung später noch“, schmunzelt Lange.

Seine viermonatige Ausbildung begann in der Kaserne Castell Naudary in den Pyrenäen dicht an der spanischen Grenze. „Die Tage fingen klassisch militärisch um 5 Uhr mit Saubermachen und Rasieren an. Danach stand das übliche Training auf dem Programm – dazu gehörten natürlich auch die militärischen Fähigkeiten“, erklärt Lange. Zweimal am Tag wurde auch Müll in und um der Kaserne herum gesammelt – „das galt auch für fertig ausgebildete Legionäre. Alle mussten mithelfen.“ Auch die Gärten der Fremdenlegion wurden gepflegt. „Das waren unsere eigenen ’Häftlinge’, Legionäre, die bei einer Gesetzeswidrigkeit wie Drogenbesitz erwischt wurden, die eine Zeit lang als Gärtner umfunktioniert wurden und damit einen Denkzettel verpasst bekamen“, erklärt Lange.

Zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass das physisch alles gar nicht so hart sein kann – doch ich änderte meine Meinung später noch.

Brian Lange

Seine Ausbildungszeit wurde dann, dachte er zumindest, mit dem „Le marche kepiblanc“ abgeschlossen. Ein Marsch mit voller Montur über eine vorher unbekannte Strecke. „Der Vorgesetzte bestimmt die Länge und Dauer“, so Lange. Sein Marsch war 120 Kilometer lang. Danach bekamen sie die berühmte und ersehnte weiße Mütze „kepiblanc“. Doch sie waren noch keine Legionäre.

„Uns standen dann doch mehrere Monate mit intensivem Militärtraining, Nahkampf, Waffengebrauch und Sprachkursen beim Regiment in Calvi auf Korsika bevor“, so Lange, der nach wie vor fließend Französisch spricht. Erst danach verdiente er sich den Titel Fremdenlegionär und war bereit, für Frankreich Dienste zu leisten. Er gehörte nun zu den Fallschirmjägern der Legion, die auf Korsika stationiert waren.

Konfiszierte Waffen von Rebellen in Mongadischu, Somalia. Foto: Privat

Kurz darauf kamen dann auch die ersten Einsätze. Insgesamt war er 14-mal in Afrika im Dienst. Darunter Kongo, Djibouti, Tschad, Somalia, Ruanda, Kamerun und die Zentralafrikanische Republik. Einige davon sind ihm in besonderer Erinnerung geblieben. „Aufgrund von aufkommenden Unruhen in den 1990ern befanden wir uns in Brazzaville im Kongo und mussten europäische Staatsbürger evakuieren. Wir hatten keinen guten Geleitschutz und waren lediglich mit Lkw unterwegs. Plötzlich kamen wir unter Beschuss“, erinnert sich Lange. Bei den Kämpfen kamen sieben seiner Kameraden ums Leben, und zwei wurden schwer verletzt. „Die Legion lässt keinen Mann zurück, und deshalb haben wir den einen davon erst 19 Stunden später retten können“, so Lange über den Ehrenkodex der Legion.

Auch der Jugoslawienkrieg ist ihm in Erinnerung geblieben. Die Fremdenlegion stellte erstmalig auch Soldaten für die UN in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo zur Verfügung. „Doch ein UN-Einsatz ist ein Einsatz zur Erhaltung des Friedens. Hier war jedoch noch kein Frieden, sondern es herrschte Krieg“, so Lange. Ihm zufolge darf man als Blauhelm-Soldat erst schießen, wenn sichergestellt worden ist, dass auf einen geschossen wird. „Das waren Einsatzbedingungen, die wir so nicht kannten und auch Probleme hatten zu bewältigen“, erklärt er.

Insbesondere in der von Heckenschützen beliebten „Sniper-Alley“ getauften Straße in Sarajevo war es für die Psyche hart zu wissen, dass du dich bei den täglichen Patrouillen erst verteidigen darfst, wenn auf dich geschossen wird, so der pensionierte Legionär. „Nach dem Einsatz wurden mehrere meiner Kollegen mit Posttraumatischem Stress krankgeschrieben“, erzählt er.

Nach einigen Jahren mit vielen Einsätzen gönnte sich Lange eine kleine Auszeit von den militärischen Operationen und ließ sich auf die französische Hochseeinsel Mayotte bei Madagaskar versetzen. Dort blieb er zwei Jahre lang und wurde zum Hundeführer bei der Fremdenlegion ausgebildet. „Das war schon eine schöne Zeit. Dort begann auch meine Zeit als passionierter Taucher“, sagt Lange. Die Einsätze dort bestanden hauptsächlich aus humanitärer Hilfe, wie, der Impfung der Bevölkerung beizustehen, oder nach den immer wiederkehrenden Zyklonen Aufbauhilfe zu leisten.

Brian Lange
Brian Lange vor der Kaserne der Fremdenlegion in Danjou. Foto: Privat

Lange ist jedoch kein Mensch, der lange stillsitzen kann, und kehrte wieder zurück zu seinen Fallschirmkollegen. „Mein letzter Einsatz war an der Elfenbeinküste. Das Land hatte durch den Kaffee- und Kakaoanbau eine gute Wirtschaft, doch eine Rebellion im Norden des Landes sorgte für Unruhen. Diese mussten wir bekämpfen“, so Lange. Nach dem viermonatigen Einsatz, bei dem er zudem auch noch verwundet wurde, war er dermaßen frustriert, dass er sich pensionieren lassen wollte. „Wir machten immer das Gleiche. Evakuierungen oder irgendwelche Unruhestifter bekämpfen. Zudem waren wir in der Lokalbevölkerung nie gern gesehene Menschen. Immer wenn wir dann wieder abgezogen waren, kamen die Unruhestifter wieder – ein nicht endender Kreislauf. Ich fragte mich, wofür ich das eigentlich mache und kam zu dem Schluss, nach Hause nach Dänemark zurückzukehren“, betont Lange. Das war im Jahre 2003.

Zurück in Dänemark und mit einer lebenslangen Rente aus Frankreich in der Tasche, musste sich Lange dann um einen neuen Job bemühen. „Vor meiner Zeit in der Fremdenlegion war ich gelernter Metzger und wollte mich dann, als ich wieder in Dänemark war, zum Lebensmittelkontrolleur der Nahrungsmittelbehörde weiterbilden.“. Doch das militärische Leben ließ ihn nicht vollständig los, und 2007 bewarb er sich dann in der Haderslebener Kaserne als Feldwebel. Dort ist er nun mit der Ausbildung Wehrpflichtiger beschäftigt. Auf die Frage, ob er sich dann als pensionierter Legionär outet, antwortet er mit einem Schmunzeln: „Nein, aber das werden sie dann später schon merken.“

Ob er weiterhin den Kontakt zur Fremdenlegion und seinen ehemaligen Kollegen pflegt? „Na klar, die Fremdenlegion ist eine einzigartige Gemeinschaft, und wir haben uns jüngst Ende April in der Regimentskaserne auf Korsika getroffen. Dort steht auch noch mein Wikingerhelm in der Offiziersmesse, den ich damals gespendet habe“, lacht er. Es war das erste Mal, dass Lange seit seiner Pensionierung nach Korsika zurückkehrte. Auf die Frage, was eigentlich aus dem Nepalesen, mit dem er sich zur Fremdenlegion gemeldet hatte, geworden ist, erklärt Lange: „Der kam auch durch. Wir hatten viele gemeinsame Einsätze und sind auch heute noch befreundet. Er hat erst vor vier Jahren seine Karriere im Regiment an den Nagel gehängt.“

Lange schaut gerne auf seine Zeit in der Fremdenlegion zurück. „Man wird schon ein wenig nostalgisch“, erklärt er. Zudem reist er von Vortrag zu Vortrag und erzählt Interessierten von seinen Erlebnissen. „Das macht mir nach wie vor Spaß“, so Lange. Einige mögen es als „blöd“ bezeichnen, so viele Jahre der Fremdenlegion zu dienen, doch Lange kehrte mit guten Erinnerungen und tiefen Freundschaften zurück und quittiert mit dem Sprichwort der Legionäre: En peut quitter la legion, mais la legion nous quitte jamais – Man kann die Legion verlassen, doch die Legion verlässt einen nicht.

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