Gentechnologie

Genetiker: Ethik „wichtiger als Wissenschaft“

Genetiker: Ethik „wichtiger als Wissenschaft“

Genetiker: Ethik „wichtiger als Wissenschaft“

Laure Saint-Alme
Apenrade/Aabenraa
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Das potenzielle Comeback des Mammuts wird umstritten. Foto: Mammuts – Illustration: auntspray

Ausgestorbene Tierarten wieder zum Leben erwecken – das ist heute durch eine neue Gentechnologie machbar, berichtet „Danmarks Radio“ (DR). Wie wird dieser wissenschaftliche Fortschritt in Nord- und Südschleswig angesehen? „Der Nordschleswiger“ ist dieser Frage nachgegangen.

„CRISPR-Cas“ – neun Buchstaben, auf die Genetiker viel Hoffnungen setzen.

Dr. Frank Kempken vom Botanischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Trine Sørensen – Leiterin der Naturschule Apenrade/Naturskole Aabenraa – helfen dem „Nordschleswiger“, dieses Geheimnis zu enthüllen. Was hat es auf sich mit dieser Buchstabenkombination und der Gentechnik?

Immerhin versprechen manche Wissenschaftler, darunter der Chefforscher der Organisation „Revive & Restore“, Ben Novak, bereits, das Mammut aus der Eiszeit wiederherstellen zu können.

Wie ist das möglich? Dr. Frank Kempken antwortet dem „Nordschleswiger“.

Was ist „CRISPR-Cas“?

„CRISPR-Cas“ ist eine spezielle neuartige Methode der Genbehandlung, deren Oberbegriff „Mutagenese“ ist.

Sie kann zielgerichtet Gene beeinflussen und sogar ausgestorbene Tierarten rekonstruieren, sofern deren genetisches Material zugänglich ist.

Kein fremdes Material wird hinzugefügt.

Quelle: Dänisches Umwelt- und Ernährungsministerium (Miljø- og Fødevareministeriet)

Das „Mammut“ des 21. Jahrhunderts „wird nie ein echtes Mammut“ werden, präzisiert Professor Eske Willerslev von der Kopenhagener Universität in einem Interview mit „DR.

Heißt das, dass die „CRISPR-Cas“-Methode eine genetische Veränderung ist? Das gilt nicht in allen Ländern.

Am 25. Juli 2018 klärte der Europäische Gerichtshof die Situation in einer Pressemitteilung: „Durch Mutagenese gewonnene Organismen sind genetisch veränderte Organismen (GVO) und unterliegen grundsätzlich den in der GVO-Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen.“

Allerdings ist die Situation ganz anders in den Vereinigten Staaten, wo die entsprechenden Pflanzen als GVO-frei beworben werden dürfen, so Kempken.

Dürfen Menschen also mit allen Tieren versuchen, was mit Pflanzen schon gemacht wurde? Nun kommt die Ethik ins Spiel.

Für die Organisation „Revive & Restore“ ist es gerechtfertigt, ausgestorbene Tierarten zu neuem Leben zu erwecken. Die Zeit sei gekommen, seine Verantwortung zu tragen, heißt es auf der Webseite der Organisation:

„Der Mensch muss die geschwächten Ökosysteme wiederherstellen und seine eigenen Fehler bereinigen.“

Kein Katastrophenszenario

Ben Novak, Chefforscher der Organisation, sieht kein ethisches Problem in dieser Gentechnologie.

„Wir machen moderne Hybride. Wir Menschen sind doch selbst Hybride, mit einigen Prozenten von Neandertaler-Genen in uns“, sagt er „DR“.

Trotzdem ist die Antwort nicht so einfach, erkennt Kempken:

„Hinsichtlich ausgestorbener Tiere stellt sich die Frage, inwieweit die Umsetzung ethisch vertretbar ist (Stichwort Qualzucht).“

Ausgestorbene Tiere zum Leben erwecken – und danach?

Wo werden die durch Mutagenese gewonnenen Tierarten wachsen? Wie wird es ihnen ergehen?

Kommen sie in den Zoo?

Kempken trifft den Kern des Problems.

Der Mensch ist ein Tier. Foto: Andy Ilmberger

Als „Der Nordschleswiger“ das Thema dieser neuen Gentechnologie anschneidet, wundert sich die Leiterin der Naturschule Apenrade, Trine Sørensen:

„Ausgestorbene Tierarten am Leben? Wie in ,Jurassic Park‘?“

Sie bezieht sich auf den Science-Fiction Film, in dem Wissenschaftler Dinosaurier wieder zum Leben erwecken: Die Tiere treten aus dem Dinosaurier Themenpark, und die Situation erzieht sich ihrer Kontrolle.

In Wirklichkeit ist Gentechnologie beschränkter als in Hollywood. Neue Dinosaurier zu erschaffen ist laut Professor Willerslev noch nicht möglich:

„Dafür müssten wir Biomoleküle von Dinosauriern haben, und die haben wir nicht“, sagt er „DR“.

Ablaufdatum der DNA

DNA kann nicht länger als ungefähr ein Million Jahre überleben.

Im Fall des Mammuts hat die Kälte Wunder gewirkt: DNA wurde in Resten von eingefrorenem Mammut gefunden.

Das ermöglicht theoretisch, durch die „CRISPR-Cas“-Methode neue Mammute zu erschaffen.

„Es wäre sehr interessant zu sehen, wie die durch Mutagenese gewonnenen Tierarten einen Platz im Ökosystem finden“, sagt Sørensen dem „Nordschleswiger“.

In einem Ökosystem hingen immerhin alle voneinander ab. Deshalb könnten die Konsequenzen – positiv oder negativ – nicht immer vorgesehen werden. Und wo sollten heutzutage die Mammuts leben?

Die „neuen“ Arten könnten im schlimmsten Fall andere verdrängen und sie in Gefahr bringen.

„Die Frage ist, ob sie fortbestehen werden.“

Der Grund dafür, warum manche Arten verschwunden sind, unter anderem die Dinosaurier, ist noch nicht bekannt.

„Die Wissenschaftler müssen deshalb darauf achten, den durch Mutagenese gewonnenen Arten gute Bedingungen zu bieten, beispielsweise angepasste Nahrung“, so Sørensen.

Darüber hinaus fragt sich „DR“, ob die Mammute trotz der Klimaerwärmung noch in Sibirien leben könnten.

Der Neandertaler kommt nicht wieder

Nicht nur das Mammut könnte von den Toten auferstehen. In Schleswig-Holstein sind sowohl die Riesenfledermaus und das Große Mausohr als auch 70 Wildbienenarten verschwunden, erinnert Kempken.

„Es gibt in manchen Situationen Dinge, die wichtiger als Wissenschaft sind“, sagt Willerslev.

Da der Mensch ein Tier ist, könnten die Fachleute ausgestorbene Verwandte des modernen Menschen zum Leben erwecken, wenn sie noch Reste ihrer DNA finden.

Dr. Kempken geht trotzdem keine Kompromisse ein:

„Ethisch ist für mich der Einsatz an menschlichen Embryonen eine Tabugrenze, die ich bei dem jetzigen Kenntnisstand nicht überschreiten würde, da die Langzeitfolgen nicht sicher bestimmt werden können“.

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