Gedenkveranstaltung

„Ich wusste nicht, dass so viele Soldaten von hier in den Krieg ziehen mussten“

„Ich wusste nicht, dass so viele Soldaten von hier in den Krieg ziehen mussten“

Deutsche Schule erstmals bei Gedenkfeier dabei

Sonderburg/Sønderborg
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Die DSS-Schülerinnen Karoline, Marie-Louise und Frederikke vor dem Mahnmal auf dem Sonderburger Kirchplatz, das an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges erinnert. Foto: Sara Eskildsen

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Zur Gedenkfeier zum Waffenstillstand des Ersten Weltkrieges kamen am Freitag mehr Teilnehmende denn je aus der deutschen Minderheit. Auch eine Schulklasse der Deutschen Schule Sonderburg war dabei.

Zum ersten Mal nahm eine Schulklasse der Deutschen Schule Sonderburg an der Gedenkfeier zum Waffenstillstand des Ersten Weltkrieges teil, zu der alljährlich der Kontaktausschuss für Militärische Traditionen in der Kommune Sonderburg einlädt.

Auch die deutsche Minderheit war eingeladen – und so machte sich erstmals eine Klasse der DSS auf den Weg zum Mahnmal vor der Marienkirche.

Die 9. Klasse der DSS hatte sich zuvor im Unterricht mit dem Thema beschäftigt. Unter anderem lasen die Jugendlichen Briefe von Soldaten aus Nordschleswig.

Fachlehrerin Inke Hansen nahm mit ihrer 9. Klasse an der Kranzniederlegung am Mahnmal teil. Foto: Karin Riggelsen

„Ich wusste schon etwas darüber. Aber ich wusste nicht, dass so viele Soldaten von hier in den Krieg ziehen mussten“, so Schülerin Karoline Rudbeck Køhler.

„Mir war auch nicht klar, wie viele Soldaten umgekommen sind, insgesamt, aber auch an einem Tag“, erzählt Neuntklässlerin Frederikke Kate Jochimsen.

Hat die Menschheit aus dem Weltkrieg von damals gelernt, und ist Europa heute ein besserer Ort? „Ich denke schon, dass wir sicher vor einem weiteren Weltkrieg sind“, sagt Schülerin Marie-Louise Christiansen. „Putin könnte zwar schon auf die Idee kommen, einen dritten Weltkrieg zu starten, aber ich glaube, man ist insgesamt besser geworden, miteinander zu kommunizieren. Und darauf hoffen wir auch in Zukunft.“

Auch Bürgermeister Erik Lauritzen legte einen Kranz nieder. Foto: Karin Riggelsen

Der BDN Ortsverein Sonderburg hatte zur Teilnahme eingeladen – und Fachlehrerin Inke Hansen hatte sich mit ihrer Klasse auf die Gedenkstunde vorbereitet.

„Wir sind auch auf den BDN und auf die Bedeutung des Deutschseins damals und heute eingegangen. Was bedeutete es, dänisch gesinnt zu sein und für die deutsche Seite in den Krieg zu ziehen? Das war für sie sehr interessant. Und ich finde, es ist auch eine gute Art, als Minderheit und als Schule bei so einer Gedenkfeier mitzumachen, dabei zu sein.“

Deutsche Minderheit zum zweiten Mal dabei

Insgesamt war es erst das zweite Mal, dass Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Minderheit an der Gedenkfeier teilnahmen. Mit der Klasse der DSS war das Teilnehmerfeld um viele junge Menschen ergänzt. Gemeinsam mit den Vertreterinnen und Vertretern von Militär und Politik gedachten die jungen Menschen der vielen Toten des Ersten Weltkriegs.

Bei der Ansprache zum 104. Jahrestag zum Waffenstillstand des Ersten Weltkrieges: J. P. Rasmussen, Vorsitzender des Ausschusses „Kontaktudvalget For De Militære Traditioner I Sønderborgområdet“ Foto: Karin Riggelsen

104 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, der Menschen das Leben gekostet hat, standen auf dem Platz vor der Marienkirche Menschen aus der Mehrheitsbevölkerung neben Teilnehmenden aus der deutschen Minderheit friedlich vereint.

Welchen Preis der Krieg hat, war im kalten Novemberwind auf dem Denkmal hinter der Versammlung zu lesen: Dort stehen die Namen von 199 gefallenen Soldaten, die aus der Gemeinde Sonderburg in den Ersten Weltkrieg zogen.

Rund 30.000 zogen aus Nordschleswig in den Krieg

Überall auf den Kirchhöfen in Nordschleswig stehen Gedenksteine mit den Namen der toten Soldaten. Rund 30.000 Nordschleswiger zogen in den Krieg, etwa 6.000 starben.

Insgesamt kostete der Erste Weltkrieg 9 Millionen Soldaten und 6,5 Millionen Zivilisten das Leben.

Hinrich Jürgensen legte im Namen der deutschen Minderheit einen Kranz nieder. Foto: Karin Riggelsen

Eine gute, ausbalancierte Minderheitenpolitik ist Friedenspolitik.

Hinrich Jürgensen, BDN-Hauptvorsitzender

Als Hauptvorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger hielt Hinrich Jürgensen eine sehr persönliche Rede. „Mein Urgroßvater hatte zwei Söhne. Beide zogen in den Krieg. Der eine fiel in Russland, mein Großvater kehrte nach Hause zurück“, so Jürgensen. „Bei der Volksabstimmung 1920 stimmte mein Urgroßvater Dänisch, mein Großvater Deutsch. Das sorgte für eine Spaltung in der Familie, 70 Prozent meiner Familie ist Dänisch und heißt Jørgensen, nicht Jürgensen.“

„Wieder Menschen, die gegen ihren Willen in den Krieg ziehen“

Jeder Ort in Nordschleswig habe Tote zu beklagen gehabt, stellte Jürgensen fest. „Wenn wir hier stehen und an den Waffenstillstand vor 104 Jahren erinnern, ist das aktueller denn je. Erneut gibt es Krieg in Europa. Wir wissen nicht, wie sich das entwickelt. Wieder sind es Menschen, die gegen ihren Willen in den Krieg ziehen. Wieder sind es Tausende Menschen und Zivilisten, die sterben.“

Minderheitenpolitik sei daher wichtiger denn je. „Daher ist es so wichtig, dass wir uns erinnern. Dass wir nie vergessen, dass wir informieren. In der Ukraine begann der Konflikt mit einer Minderheiten-Frage. Die Wahrheit ist in einem Krieg oft das erste Opfer. Auch im Ukraine-Konflikt ist nicht alles schwarz oder weiß. Aber eine gute, ausbalancierte Minderheitenpolitik ist Friedenspolitik. Und darf nie, so wie es Putin getan hat, als Angriffspolitik genutzt werden. Was Minderheitenpolitik angeht, haben wir in unserem Grenzland viel zu bieten.“

Im Anschluss an die Kranzniederlegungen fand eine Andacht in der Marienkirche statt.

Hinrich Jürgensen: „In der Ukraine begann der Konflikt mit einer Minderheiten-Frage. Die Wahrheit ist in einem Krieg oft das erste Opfer.“ Foto: Karin Riggelsen
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