Porträt

Für Kristian Vodder Svensson ist die Kunst sein Tagebuch

Für Kristian Vodder Svensson ist die Kunst sein Tagebuchh

Für Kristian Vodder Svensson ist die Kunst sein Tagebuch

Sonderburg/Sønderborg
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Kristian Vodder Svensson bei einem Wochenendlehrgang in der Sønderjyllands Kunstskole in Sonderburg Foto: Karin Riggelsen

Der gebürtige Tonderaner Kristian Vodder Svensson ist ein hoch angesehener Künstler. Drogen, eine Flucht und ein Dasein auf der anderen Seite der Erde haben ihm viele Erfahrungen beschert. Er ist stolz auf seine Arbeiten, aber wichtig war für ihn nie das große Geld.

Ein Himmel voller vor Vitalität und natürlicher Schönheit strotzenden grüner Baumkronen. In der Mitte dringt die Sonne durch das pralle Grün, und unten stehen schwarze Silhouetten von zwei kleinen Personen. Das Mädchen schießt ein Foto mit ihrem Handy und über den beiden schwebt ein großer stolzer schwarzer Vogel. Wer Kristian Vodder Svenssons Kunst länger betrachtet, wird noch andere Details finden – zum Beispiel Vögel, Fische, Eisbären, Biber, schwebende Inseln – oder seine Großeltern. Kristian Vodder Svenssons Kunst fordert den Betrachter heraus, lässt einen stutzen und lächeln.

Wer so betäubend schön und eindrucksvoll malt, der kann doch nur eines sein: stolz auf sich selbst.

Ein Rebell geworden

Aber so empfindet es der 43-jährige Künstler Kristian Vodder Svensson überhaupt nicht. Ja, er ist ein begnadeter Künstler. Aber für ihn gab es in seinem Leben schier unüberwindbare Barrieren, die er auf seine ganz eigene Art überwinden musste, bevor er das bekam, was er am meisten brauchte: ein wohlverdientes Lob.

Für Kristian Vodder Svensson kam die Tragödie, als er zwölf Jahre alt war. Seine Eltern ließen sich scheiden, und das machte dem Jungen schwer zu schaffen. Er zog mit seinen zwei Geschwistern nach Lügumkloster (Løgumkloster) zur Mutter. „Und ich wurde ein Rebell. Das konnte ich wirklich gut. Ich wollte einfach nur weg“, meint er heute noch.

Malerei war für ihn die Rettung

Er weiß, dass er provozierte, sich vielleicht auch unmöglich benahm. Aber schon dort hatte er einen Lebensretter. Die Malerei. „Ich konnte mich im Unterricht nur schwer konzentrieren. Als sich die Eltern scheiden ließen, haben die Lehrer sich eigentlich überhaupt nicht darum gekümmert. Keiner fragte, ob es mir gutging“, meint er.

In einer Werkstatt ist Kristian Vodder Svensson am richtigen Ort. Foto: Karin Riggelsen

Er saß also und zeichnete in der Schule. Hatte er Probleme, war es für ihn ein Art Gespräch. Über viele Dinge konnte er nicht sprechen. „Das Malen war schon immer mein Tagebuch. Ich habe dann im Unterricht nicht gestört, und ich machte etwas.“

Er zeichnete das, was ihn interessierte, und dafür wurde er gelobt. Dabei war Lob war für ihn damals ein Fremdwort. Er war als Junge immer nur der störende Faktor, der permanent zu spät in die Schule kam.

Plötzlich saß er in der Tinte

Er verkrachte sich nicht nur mit seinen Eltern. Er kam in schlechte Gesellschaft und fand zusammen mit Menschen, die, populär ausgedrückt, nicht zu „den besten Kindern“ gehören, wie er gerne zugibt. „Aber es ist wohl nur ein Teil des großen Puzzles“, wie er heute erklärt. Er brauchte damals einen Ort, wo er nicht andauernd mit seinen vielen Problemen konfrontiert wurde.

Ich will gern etwas für andere tun. An dem Tag, wo wir einmal von hier wegmüssen, wollen wir es so gut wie möglich gemacht haben. Ich will für andere einen Unterschied machen.

Kristian Vodder Svensson, Künstler

Mit den Drogen begann es für ihn wie ein kleines Spiel. Zuerst war es der Alkohol, bald auch Zigaretten, dann fuhr er zu Schulfesten, und dann ging es los mit dem Haschisch. „Ich wollte anerkannt werden. Wir waren füreinander da und passten aufeinander auf. Viele rauchen Haschisch und halten es am Wochenende auf dem sogenannten Hygge’-Niveau. Plötzlich braucht man das aber jeden Tag – und plötzlich sitzt man in der Tinte. Und das in Tondern. Da kannst du dich nicht verstecken. Alles wissen, was passiert“, meint Kristian Vodder Svensson.

Er musste weg

Er hatte sich mit verschiedenen Jobs über Wasser gehalten – unter anderem bei Brdr. Hartmann, Norsk Hydro oder auf einem Hof. Gab es Ärger, dann packte er seine Sachen und suchte sich etwas anderes.

Seine Eltern und er hatten nichts mehr miteinander zu tun. Nur bei den Großeltern fühlte er sich geborgen.

Als Svensson knapp 18 Jahre alt war, wusste er: Er musste weg.

Er wollte nach Israel in einen Kibbuz. Davon hatte ihm ein Kollege bei Hartmanns erzählt. Er hatte sich einen Flug in Kastrup gebucht, hatte sich beim Transport nach Kopenhagen aber ziemlich verrechnet. Er kam mehrere Stunden zu spät im Flughafen Kastrup an. Für ihn ging es zurück nach Tondern.

Aber er wollte los. Ein paar Tage später hatte er keine andere Chance. Er wurde kriminell: „Ich hatte ja nichts. Ich hatte meine Wohnung gekündigt, all meine Sachen an die Freunde verschenkt. Aber ich brauchte Geld, um reisen zu können.“

Jahrelang hinaus in die Welt

Für ihn begann mit seiner ersten Reise ein ganz anderes Leben in fernen Ländern. Kristian Vodder Svensson fühlte sich als junger Mann unüberwindbar. Er rauchte LSD und Skunk und hielt sich mit kleineren Jobs über Wasser. Svensson war nach einigen Jahren wieder in Dänemark, als seine Schwester konfirmiert wurde. Er blieb nur drei Tage.

Bei seinen Kumpels hatte sich nichts verändert. Nur die Lautsprecher waren etwas größer geworden, und es gab Playstation II. „Man sprach über Drogen, und das war’s. Für mich war das nichts. Ich kam nach Hause und war nur deprimiert. Ich hatte so viel erlebt – ich musste einfach wieder weg“, stellt er fest. Er reiste wieder los: nach Europa, China, Laos, Vietnam, Indien, Nepal und Burma. Geld verdiente er auf verschiedenste Weise: als Spüler in Hotels, als Gehilfe auf Bauplätzen oder auch in Schulen als Englischlehrer. Manchmal lebte er auf der Straße. Er kam ab und zu kurz nach Hause, musste aber sofort wieder los.

Der Wendepunkt wurde für ihn der Anruf eines Bekannten auf Fünen. Kristian Vodder Svensson zog zu dem Freund, der südlich von Odense bei seinen Eltern wohnte. Sie wurden Kristian Vodder Svenssons Reserve-Eltern. Er verliebte sich, fand eine Freundin.

Kristian Vodder Svensson an der Wand vor dem Multikulturhaus, die sich seit der Aufnahme sehr verändert hat Foto: Karin Riggelsen

Als Einziger auf die Akademie

Er war 25 Jahre alt, als er im damaligen Seminar für Kunst und Handwerk in Kerteminde begann. Zu viel Unterricht, fand Kristian Vodder Svensson, der sich bei der Kunstakademie auf Fünen bewarb. Den wird die Kunstakademie nicht nehmen, weil er nicht zuhören konnte, meinten alle. Aber Svensson ließ sich nicht entmutigen. Er malte in einer Fabrik auf einigen Holzplatten. Er war der Einzige der Runde, der aufgenommen wurde.

Die Kunstkakademie war für ihn eine Wohltat. Er konnte sich voll und ganz seiner Kunst widmen. Dort machte er das, wofür er vorher schon gelobt worden war. Er konnte seiner Kreativität in seinem eigenen hektischen Tempo freien Lauf lassen. Svensson wusste außerdem, dass er handwerklich was draufhatte. Er konnte den anderen Mitschülern helfen und erhielt schnell Aufgaben.

Kunst entwickelte sich rasant

Seine Kunst entwickelte sich damals rasant: „Wir gaben damals einfach Gas“, wie er mit einem glücklichen Lächeln zugibt. 2006 konnte er nach fünf Jahren seinen Aufenthalt in der Kunstakademie abhaken.

In Kristian Vodder Svenssons Pferd passiert einiges. Foto: Karin Riggelsen

Aber was sollte nun passieren? Svensson hatte bei der Art Week in Apenrade einen Männer-Raum, ein Wartezimmer, gebaut, wo die Männer auf ihre durch Føtex cruisenden Frauen warten konnten. Mit diesem Projekt reiste er später auch nach Peking. Ihm wurde außerdem ein toller Job in Boston angeboten. Dieses Angebot konnte er nicht annehmen. Seine Freundin aus Kopenhagen war schwanger.

Im Leben geht es auf und ab

Für den experimentierfreudigen Künstler ging es in seinem Leben immer auf und ab. Auch bei seinem Drogenkonsum. Zu einer regelrechten Behandlung in einer Klinik kam er aber erst nach einer massiven Medikation wegen seiner starken Rückenschmerzen.

Kristian Vodder Svensson erhält viele Aufträge und ist bei diversen Ausstellungen im In- und Ausland dabei. Die Kombination aus seiner wunderschönen Märchenwelt, der er eine Prise von Realismus zufügt, fasziniert Kunstliebhaber in der ganzen Welt.

Kristian Vodder Svensson Foto: Karin Riggelsen

Er wird nie ein überheblicher Snob

Der 43-Jährige hat Erfolg, wird deshalb aber nie ein überheblicher Snob werden. Er hat nie einen Führerschein gemacht und fährt immer noch auf seinem Mofa durch halb Dänemark. Im Hafen von Møn liegt sein Motorboot, das er sich vor einigen Monaten zulegte und seither renoviert hat.

Er sieht alles von seiner ganz eigenen, sehr bodenständigen Warte aus: „Meine Technik ist an sich nicht einzigartig. Es ist eher die Art und Weise, wie ich alles zusammenbaue. Es gibt nichts, was man nicht wiedererkennen kann. Nur wer sich Zeit nimmt, bekommt mehr. Viele fressen die Kunst ja in Rekordzeit“, stellt er fest.

Die Leinwand ist seine Denkblase

Bei ihm machen die kleinen Dinge den großen Unterschied. „Das große Feld, bei mir die Leinwand, ist meine Denkblase. Wie in Comics. Ideen, Gefühle oder Wow-Erlebnisse sind die kleinen Zeichnungen und Silhouetten in den Gemälden“, verrät er lächelnd. In seinen Werken verkörpern die Tiere etwas Menschliches. Der Bär ist das Wichtige und Große, die fliegenden Vögel sind ein Zeugnis der Freiheit. Sie können einfach davonfliegen. „Idylle und Chaos. Das sind wir ja auch als Menschen“, stellt er fest.

Was freut einen Künstler wie Svensson am meisten? Ist es seine Kunst, die Ausstellungen im In- und Ausland, oder ist es seine stets zuvorkommende Art, anderen Talenten unter die Arme zu greifen und weiterzuhelfen. So ist Svensson regelmäßig auch bei der Kunstschule in Sonderburg regelmäßig zu Gast.

Er will für andere etwas tun

„Ich will gern etwas für andere tun. An dem Tag, wo wir einmal von hier wegmüssen, dann wollen wir es so gut wie möglich gemacht haben. Ich will für andere einen Unterschied machen“, so der Künstler.

Kristian Vodder Svensson in der Sonderburger Kunstschule Foto: Karin Riggelsen

Heute lebt Kristian Vodder Svensson in Stege auf Møn. Sein zwölfjähriger Sohn Lauge wohnt mit seiner Mutter wieder in Kopenhagen. Kristian Vodder Svensson genießt die Tage mit seinem Sohn.

Für ihn ist Reichtum und viel Geld nicht das, was ihn glücklich macht. Er will einfach nur genug verdienen, damit er das tun kann, was er schon immer am besten konnte.

Kunst.

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