Die Woche am Alsensund

„Wer lebt genauso, wie er leben möchte? “

Wer lebt genauso, wie er leben möchte?

Wer lebt genauso, wie er leben möchte?

Sonderburg/Sønderborg
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Journalistin Sara Eskildsen hat über diese Woche am Alsensund nachgedacht. Foto: Karin Riggelsen

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Das Jahr 2021 geht auch am Alsensund zu Ende. In ihrer letzten Kolumne des Jahres blickt Journalistin Sara Eskildsen auf die vergangenen zwölf Monate zurück. Und stellt fest, dass das Prinzip „Two-in-one“ nicht nur für Haarshampoos gilt.

Dieses Jahr am Alsensund war alles andere als normal. Nach einem vom Lockdown geprägten Jahresanfang schalteten alle direkt in den Turbo über. Von 0 auf 100 in allen Bereichen. Getrieben von inneren und äußeren Erwartungen, nun endlich alles nachholen zu können, was durch Corona unmöglich, abgesagt oder verschoben wurde.

Geburtstage mit mehr als drei Gästen, Grillabende mit Freunden aus Deutschland und endlich, endlich, der neue James Bond im Kino. Zwei Jahre und diverse verschobene Filmpremieren später leuchteten meine Augen an einem Sonnabend im November mit der Kinokarte auf dem Handy um die Wette. Nur um am Ende miterleben zu müssen, wie 007 auf einer einsamen Insel stirbt. Was habe ich in mein Popcorn geweint!

202021 belehrte mich eines Besseren

Im öffentlichen Leben ging es darum, Versäumtes und Verschobenes nachzuholen. 2021 wurde zum Kombijahr aus 2020 und 2021. Two-in-one – das Prinzip kannte ich bislang nur aus der Haarpflege. Oder von Nimm-Zwei als Fruchtbonbon. Doch 202021 belehrte mich eines Besseren.

Die 365 Tage füllten sich im Doppelpack, voller Jubiläumsfeiern und 2020 abgesagte Veranstaltungen. Während wir das eine Jahr lebten, galt es, das vergangene nachzuholen.

Der Royal Run, der um ein Jahr verspätete und um zwei Tage verkürzte Besuch der Königin auf den Düppeler Schanzen. Frank-Walter Steinmeier im Alsion und an Bord der Dannebrog im Sonderburger Hafen und nicht zuletzt eine Kommunalwahl, bei der am Ende eine historisch breite Koalition und der ein oder andere an Corona erkrankte Stadtratspolitiker herauskam – 2021 bleibt mir als volles Jahr und als Jahr der besonderen Ereignisse in Erinnerung.

Im Sommer 2021 dachten man beim Royal Run in Sonderburg, wir wären dem Corona-Virus davongelaufen. Foto: Sara Wasmund

Im Sommer kam noch mehr Bewegung in unseren Alltag. Ein unvergesslicher Moment, als Tausende Läuferinnen und Läufer beim Royal Run vor der Klappbrücke in Sonderburg Aufstellung nahmen. Ohne Mund-Nasen-Schutz, dafür mit dem Gefühl der Erleichterung, der Pandemie ein für alle Mal davongelaufen zu sein.

Ein Trugschluss, wie sich im Laufe des Herbstes zeigen sollte, als die „Mundbinden“ wieder hervorgekramt wurden und der Kaufmann in Blans wieder eine Kiste mit Zehner-Packungen blassblauer Masken neben die Kasse stellte.

Richtung Herbst galt es, noch einmal tief Luft zu holen. Neben der Kommunalwahl standen Dutzende Generalversammlungen und Veranstaltungen von BDN, Sozialdienst und Frauenbund auf dem Programm. Bei diversen Schulprojekten probierte ich versalzene Algen aus der Schulküche, und in der Redaktion galt es, sich durch den letzten Haushaltsentwurf des amtierenden Stadtrats zu lesen.

„Hast du dich schon boostern lassen?“

Pünktlich zum Advent wurde das öffentliche Leben wieder heruntergefahren. Es hagelte Absagen, die Schulen schickten ihre Kinder zum Lernen nach Hause, und an der Förde-Schule kamen Kinder und Lehrkräfte intern in den Genuss einer stattlichen Tombola, die kurz zuvor hatte abgesagt werden müssen.

Unsere Berichterstattung drehte sich wieder vermehrt um Test- und Impfmöglichkeiten, die Angst vor Corona hatte unseren Alltag erneut im Griff. „Hast du dich schon boostern lassen?“ – die Frage war im Advent 2021 mindestens ebenso allgegenwärtig wie der Wunsch nach weißen Weihnachten.

Wer frisch geboostert unterm Weihnachtsbaum saß, fühlte sich – ganz im Gegensatz zur Weihnachtsente – mehr oder weniger unsterblich.

Sara Eskildsen, Kolumnistin

Wer frisch geboostert unterm Weihnachtsbaum saß, fühlte sich – ganz im Gegensatz zur Weihnachtsente – mehr oder weniger unsterblich. So hätte selbst James Bond keine Zeit zum Sterben gefunden. Aber der Mann musste ja unbedingt die Welt retten und mit Viren um sich schmeißen.

Nun ist das Jahr am Alsensund so gut wie vorbei. Morgen noch ein Tag, dann beginnt 2022. Mit zwölf neuen Monaten, einem nahezu leeren Kalender, unvorhersehbaren Entwicklungen, einem neu gewählten Stadtrat und der Hoffnung, dass Corona nun ein für alle Mal die Biege macht und wir die „Mundbinden“ im Handschuhfach keines Griffes mehr würdigen müssen.

Für 2022 gilt: Das habe ich nicht kommen sehen

Gegen Ende des Jahres erinnern wir uns an besondere Erlebnisse, an Geschichten, die Eindruck gemacht haben. Und an Menschen, die gestorben sind. In zwölf Monaten werden wir das erneut tun – wenn wir nicht selbst gestorben sind. Die Woche zwischen den Jahren ist nicht nur mit Blick auf die Höhepunkte der Lokalredaktion eine gute Gelegenheit, Bilanz zu ziehen.

Ich werde mich am letzten Tag des Jahres 2021 jedenfalls mit einer Tasse Sekt hinsetzen und mir ein paar Fragen beantworten:

  • Wovon möchte ich im neuen Jahr mehr erleben?
  • Wofür möchte ich meine verbleibende Lebenszeit nutzen?
  • Wovon möchte ich im neuen Jahr weniger erleben?
  • Mit welchen Menschen möchte ich mich umgeben?
  • Welche Freundschaften möchte ich pflegen – und welche nicht mehr?
  • Lebe ich mein Leben genauso, wie ich leben möchte?
  • Wenn nicht, was muss sich ändern?

In diesem Sinne wünsche ich in dieser Woche am Alsensund einen guten Jahreswechsel. Das habe ich nicht kommen sehen – dieser Satz gilt für so ziemlich alles, was wir 2022 erleben werden.

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