Die Woche am Alsensund

„TicTac statt TikTok“

TicTac statt TikTok

TicTac statt TikTok

Sonderburg/Sønderborg
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Journalistin Sara Eskildsen hat über diese Woche am Alsensund nachgedacht. Foto: Karin Riggelsen

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Was hat ein Autoschlüssel mit der Sonderburger Klappbrücke gemeinsam? Beide werden schmerzhaft vermisst, wenn sie nicht mehr da sind. Warum vieles am Alsensund nicht so selbstverständlich ist, wie es aussieht, schreibt Sara Wasmund in ihrer neuen Kolumne.

In dieser Woche am Alsensund begann unser Wochenthema „Digitalisierung“ mit meinem Artikel über das Retro-Computer-Event an der Förde-Schule. Was macht die Digitalisierung mit unserem Leben? In einer Reihe von Artikeln haben wir uns mit dieser Frage beschäftigt.

In Dänemark geht ja fast niemand mehr „aufs Rathaus“, um Anträge und Dokumente abzugeben oder abzuholen. Ob Kindergeld oder Überweisung vom Arzt, Steuererklärung oder das „Ja, ich will“ im Scheidungsformular – alles kann per Klick im Netz ausgefüllt, unterschrieben und abgegeben werden.

Damals, als Kinder noch von Bäumen fielen

Ich gehöre zu jener letzten Generation, die noch ohne mobile Endgeräte aufgewachsen ist. Damals, als Kinder noch von Bäumen fielen statt aus dem Rahmen und das Technischste an unserem Alltag der verblichene Kaugummiautomat an der Dorfstraße war.

In meiner Kindheit gab es TicTac statt TikTok. Ballerspiele fanden nicht am Bildschirm statt, sondern beim Paint Ball im Wald, wo ich innerhalb von Minuten grellfarbig erschossen im Moos lag.

Mein Lieblingsmedium war die Wendy zum Umblättern und später der Gameboy meiner Kindheitsfreundin Doro. Was ein Computer war, lernte ich erst am Gymnasium im IT-Unterricht. Im Informatikraum, den unser Lehrer immer besonders gewissenhaft auf- und abschloss.

Word-Dokument öffnen und abspeichern oder eine Diskette richtig rum ins Fach schieben – die Herausforderungen stiegen im Laufe der Jahre und kulminierten im Erstellen einer Excel-Tabelle, die ich bis heute nicht verstehe. Die Formel 1 ist und bleibt für mich dem Motorensport vorbehalten.

Ein Touchscreen? Das war etwas, womit höchstens Messebesucher auf der Cebit in Hannover in Kontakt kamen. Meine Nichten und Neffen hingegen wischen auf meinem Handy die Fotos von links nach rechts, noch bevor sie laufen können. Ein neues Normal.

Man munkelt, dass auf dem Flensburger Campus noch heute Brieftauben eingesetzt werden, um die Kommunikation zwischen Studenten und Uni zu verbessern.

Sara Wasmund, Journalistin

Meinen ersten großen grauen Computer kaufte ich mir als Studentin in Flensburg – das Teil nahm gefühlt die gesamte linke Hälfte meiner Ein-Zimmer-Wohnung ein und ratterte und knarzte ganz fürchterlich, wenn ich mich über das Festnetztelefon mit Schnur am Hörer ins Internet einwählte.

Die Süddänische Universität hatte übrigens damals schon eine Online-Plattform für uns Studenten eingerichtet – im Gegensatz zur Flensburger Uni, wo Leistungsnachweise noch auf handgeschöpftem Papier und per Fax verbreitet wurden. Man munkelt, dass auf dem Flensburger Campus noch heute Brieftauben eingesetzt werden, um die Kommunikation zwischen Studenten und Uni zu verbessern.

Per Mobile Pay Kuchen kaufen und spenden

Doch zurück von der analogen Flensburger Förde zum digitalisierten Alsensund. Wo das Sonderburger Frauenhaus in dieser Woche Spenden über 25.000 Kronen entgegennehmen durfte, die per Bezahl-App an das Frauenkomitee überwiesen worden waren.

Auch in den deutschen Kindergärten in Sonderburg konnten Eltern und Großeltern bei einer Wohltätigkeitsaktion per MobilePay Kuchen kaufen und per Online-Überweisung auf dem Handy das Kindertelefon der dänischen Kinderhilfe unterstützen. Die Kinderriegel-Muffins waren verwegen dick mit Riegeln belegt, und ich bekam den Impuls gerade noch unter Kontrolle, dem kleinen Jonas seinen Muffin wegzuessen.

Am Kuchenbüfett im Kindergarten Foto: Sara Wasmund

Wobei mir beim Schreiben des Artikels mal wieder auffiel, wie wichtig einzelne Buchstaben sind. „Kuchenessen im Ringeiterweg“ ist irgendwie unappetitlich, und es fehlt eindeutig ein r.

Etwas fehlt erst, wenn es nicht mehr da ist

Dass etwas fehlt, merkt man ja meist erst dann, wenn es nicht mehr da ist. Stichwort Geldbeutel. Völlig unbeachtet im Normalfall, kann man an nichts anderes mehr denken, sobald er weg ist. Dann beginnt eine fieberhafte Suche, die mit jeder Minute hektischer wird. Ich habe mal eine furchtbare Stunde nach meinem Autoschlüssel gesucht, um am Ende festzustellen, dass er im Zündschloss übernachtet hatte.

Und dann gibt es die selbstverständlichen Menschen, die plötzlich nicht mehr da sind. Die man ein letztes Mal gesehen hat, ohne zu wissen, dass es ein letztes Mal war. Mit denen der Abschied kein Abschied war, weil man mit einem Wiedersehen gerechnet hat.

Sara Wasmund, Journalistin

In Sonderburg werden Passanten und Autofahrer in Woche 42 einen ganz besonderen Alltagsgegenstand plötzlich schmerzlich vermissen: die Klappbrücke. Für Wartungsarbeiten werden die Brückenflügel eine Woche lang senkrecht gestellt, und wenn man nicht gerade James Bond ist, wird das Überqueren der Brücke dann eher schwierig.

Die Kommune wird Shuttlebusse und eine Fähre über den Alsensund einsetzen, doch den Sonderburgern wird in der Herbstferienwoche vielleicht zum ersten Mal bewusst werden, wie wichtig so eine Brücke doch ist.

So viele Selbstverständlichkeiten sind systemrelevant. Tanken beispielsweise, das erleben die Briten derzeit. „Ich tank mal kurz voll“ – diesen Satz wird man derzeit rund um London wohl eher nicht hören. Fließend Wasser vermisst man auch erst, wenn man morgens unter die Dusche kriecht und trotz Drehbewegung an der verkalkten Armatur nichts aus dem Duschkopf kommt.

Selbstverständlichkeiten sind Momentaufnahmen

Und dann gibt es die selbstverständlichen Menschen, die plötzlich nicht mehr da sind. Die man ein letztes Mal gesehen hat, ohne zu wissen, dass es ein letztes Mal war. Mit denen der Abschied kein Abschied war, weil man mit einem Wiedersehen gerechnet hat.

Selbstverständlichkeiten sind immer Momentaufnahmen. Eine Kindheit ganz ohne digitales Gedöns ist längst Retro, Doro werde ich wohl nie wiedersehen und ich bezahle Kaffee und Kuchen zum Mitnehmen längst über den Touchscreen meines Mobiltelefons.

Um es mit ein wenig Lokalkolorit im Slang der Cree zu sagen: „Erst wenn die Flügel der Klappbrücke senkrecht stehen, der letzte Tank verfahren und die letzte Begegnung vorüber ist, werdet ihr merken, dass vieles nicht selbstverständlich ist.“

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