Die Woche am Alsensund

„Auf der Suche nach dem Flensburger Pilz“

Auf der Suche nach dem Flensburger Pilz

Auf der Suche nach dem Flensburger Pilz

Sonderburg/Sønderborg
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Journalistin Sara Wasmund hat über diese Woche am Alsensund nachgedacht. Foto: Karin Riggelsen

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In dieser Woche am Alsensund schossen nicht nur die Pilze wie Pilze aus dem Boden, sondern auch die Pressetermine zu Einweihungen und Spatenstichen. Warum sie dabei schon mal an ihren Weihnachtsbaumschmuck denken musste, verrät Sara Wasmund in ihrer neuen Kolumne.

In dieser Woche am Alsensund wurde mir klar: Der Sommer ist vorbei. Die Sozialdienste gingen zum Pilzesammeln in die Quarser Heide, und ich sammelte anschließend die Informationen darüber ein.

Rainer Naujeck berichtete mir von Maronen-Funden sowie Butter- und Bitterpilzen und fügte abschließend hinzu, dass sie den Flensburger Pilz leider nicht gefunden hätten. Ich war kurz davor, „Flensburger Pilz“ bei Google einzugeben, da ich davon noch nie gehört hatte. Flensburger Pilz? Warum nicht, es gibt ja schließlich auch den Gravensteiner Apfel.

Doch kurz bevor es für mich noch peinlicher werden konnte, löste mein Gesprächspartner den Witz auf, den ich nicht begriffen hatte. „Sara, ich meine das Bier. Flensburger Pils.“ Montage sind, was sie sind.

Rote Bänder bis nach Korinth

Ansonsten schossen nicht nur die Pilze in der Quarser Heide wie die Pilze aus dem Boden, sondern auch die Einladungen zu weiteren Richtfesten und Einweihungen.

Da 2020 wegen Corona nicht gefeiert werden durfte, hat sich bei der Kommune offenbar eine lange Schlange an Um- und Anbauprojekten gestaut, die jetzt bitteschön alle auf einmal feierlich eröffnet werden wollen.

Würde man all die roten Bänder aneinander legen, die in den vergangenen Wochen in der Kommune Sonderburg durchtrennt wurden – es ergäbe sich vermutlich eine Strecke bis nach Korinth auf Fünen. Und zurück.

Rote Schnüre, wohin die Lokaljournalistin blickt. Foto: Sara Wasmund

Das Gravenstein Pflegeheim hat mich mit Blick auf das Noor und dem Wohnzimmer-Feeling in den Sitzecken restlos überzeugt. Wenn die bis 2071 noch einen Pferdestall anbauen, haben die mich als Pflegeheimbewohner sicher.

Sara Wasmund, Kolumnistin

Ich kenne jetzt diverse kommunale Pflegeheime von innen und außen und bin vorbereitet auf die Frage, in welchem ich mal sitzen möchte, wenn es denn mal sein muss. Das Gravenstein Pflegeheim hat mich mit Blick auf das Noor und dem Wohnzimmer-Feeling in den Sitzecken restlos überzeugt. Wenn die bis 2071 noch einen Pferdestall anbauen, haben die mich als Pflegeheimbewohner sicher.

In Sachen nachzuholende Termine sind die unsäglichen Spatenstiche nicht zu vergessen. Unzählig, ich meine natürlich unzählig. Die Königsklasse des Lokaljournalismus.

Da tauchen dann zu einem von der jeweiligen Presseabteilung verkündeten Termin rund 30 Menschen auf einem Acker auf, gucken möglichst optimistisch auf eine brachliegende Wiese und reden davon, was für ein unglaublich visionäres Bauprojekt hier jetzt angeschoben wird.

Effektivisierung ist das Zauberwort

Meine Kollegin Ilse war am Mittwoch beispielsweise beim Spatenstich für das neue Logistik- und Servicecenter. Die Kommune Sonderburg sammelt mehrere kommunale Abteilungen unter einem neuen Dach und investiert 130 Millionen Kronen, um langfristig Miet- und Verwaltungskosten zu sparen.

Effektivisierung ist das Zauberwort, und ein visionärer Geist muss wirklich vorhanden sein, um bei 130 Millionen Kronen Ausgaben an Einsparungen zu glauben.

Mittlerweile denke ich bei jedem Spaten- oder Baggerstich schon an die bevorstehende Einweihung und an all die Ferkel und Bratwürste, die bis dahin noch produziert werden müssen.

Sara Wasmund, Kolumnistin

Um Abwechslung ins Spiel zu bringen, kommt beim Spatenstich manchmal kein Spaten zum Einsatz, sondern eine Baggerschaufel. Ich habe unsere Ausschussvorsitzende Aase Nyegaard schon mehrfach in einen Bagger klettern sehen, wo ihr dann ein Bauleiter die Hebel erklärt, damit die Stadtratspolitikerin medienwirksam ein halbschiefes Loch graben kann.

Das war übrigens auch zu Baubeginn des Fahrradweges zwischen Elstrup und Fünenshaff der Fall, wo Aase mit der Baggerschaufel fast ein vorbeikommendes Auto an der Windschutzscheibe erwischt hätte.

Am Montag wird genau dieser Fahrradweg feierlich mit Würstchen und großem Hallo eingeweiht – und so schließt sich der Kreis. Mittlerweile denke ich bei jedem Spaten- oder Baggerstich schon an die bevorstehende Einweihung und an all die Ferkel und Bratwürste, die bis dahin noch produziert werden müssen.

Der Baumschmuck ruht, das Leben nicht

Das ist ein bisschen wie mit dem Weihnachtsbaumschmuck. Jedes Jahr, wenn ich die wachsbeklecksten Kugeln vom Baum gezupft und die eingetrockneten Tannennadeln im gesamten Wohnzimmer verteilt habe, lege ich die Anhänger und Kugeln, Kerzenhalter und Holzelche zurück in die Kiste und frage mich, was wohl alles in meinem Leben passiert sein wird, wenn ich diese Kugeln und Glasengel in einem Jahr wieder in der Hand halte.

Dann schließe ich die Box und stelle sie andächtig in eine hintere Schrankecke, wo sie dann bis zum nächsten Advent steht, während das Leben weitergeht.

Spinnennetze und fein gepflügte Felder am Alsensund – der Herbst ist da. Foto: Sara Wasmund

Im Gegensatz zu den Baumkugeln im Schrank steht uns Menschen mit der bevorstehenden Kommunalwahl ein überaus lebhafter Herbst bevor. Wenn wir den Weihnachtsschmuck dann hervorholen und in den Händen halten, wissen wir auch, wie viele Mandate die Schleswigsche Partei in den Stadträten holen konnte.

Morgen in drei Monaten ist übrigens Heiligabend, nur mal so fürs Protokoll. Vorerst aber klammere ich mich an die allerletzten Sommerstunden wie ein Kerzenhalter an den Weihnachtsbaum. Mit Blick auf die fein gepflügten Felder rund um Blans muss aber auch ich einsehen, dass der Sommer 2021 vorbei ist.

Die Sonne gibt derweil noch mal alles und verabschiedet sich mit spektakulären, aber erschreckend frühen Sonnenuntergängen über dem Alsensund in die Winterpause.

„Wood Wide Web“ – das natürliche Internet des Waldbodens

Ja, der Herbst ist gekommen, um zu bleiben. Die Pilze in der Quarser Heide stehen mit ihren Hüten im Regen rum und kommunizieren über ihr Pilzfäden mit den umherliegenden Bäumen. Was für uns Facebook und Instagram, das ist den Pilzen und Bäumen ihr Fadennetz.

Ein „Wood Wide Web“, das natürliche Internet des Waldbodens. Darüber können beispielsweise starke Bäume schwachen Bäumen helfen, Kohlenstoff durch das Mycelnetz schicken und die Pilze mit Zucker versorgen.

„Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, warum Sie niemand mag?“

Die Welt der Pilzfädenkommunikation bleibt der Lokaljournalistin unzugänglich. Auch wenn ich mir ein Interview mit einem Bitterpilz durchaus zutrauen würde. „Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, warum Sie niemand mag?“, wäre meine erste Frage. Ein Satz, den man sonst ja nur in Gedanken, niemals aber im Interview laut ausspricht.

Bis auf Weiteres müssen wir also mit oberirdischen Gesprächen und dem uns bekannten Kommunikationsnetz vorliebnehmen, und ich verspreche, dass ich auf www.nordschleswiger.dk exklusiv darüber berichten werde, sobald der Flensburger Pilz in der Quarser Heide entdeckt und in die Pilzfachbücher dieser Welt aufgenommen wird.

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