Die Woche am Alsensund

„Schöner wohnen am Alsensund“

Schöner wohnen am Alsensund

Schöner wohnen am Alsensund

Sonderburg/Sønderborg
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Warten auf einen Gesprächspartner für ein Interview im Freien – diese Situation kommt dieser Journalistin derzeit sehr bekannt vor … Foto: Karin Riggelsen

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Dass es in Sonderburg ein „Ghetto“ geben soll, findet Kolumnistin Sara Wasmund nach wie vor merkwürdig. Was Eidechsen aus Stuttgart mit der Sozialpolitik der dänischen Regierung gemeinsam haben, verrät sie in ihrer neuen Kolumne.

Der Blick aus dem Fenster erinnert mich an Ikea: Der Dezember möchte bitte aus dem April abgeholt werden. Und zwar dalli, füge ich frierend hinzu.

Ich habe Freunde in der Großstadt, die ihren Nachwuchs zwecks Kinderbetreuung im Kinderland von Ikea abgegeben haben, um anderswo in der Stadt Besorgungen zu erledigen. Ich bin, seitdem ich das weiß, zwischen Bewunderung und Verurteilung hin- und hergerissen.

Plastikkugeln als Denkmal einer vergangenen Alltagswelt

Heute denke ich milde: Das waren noch Zeiten. Als Kinder bei Ikea im Bällebad verschwanden, wo sie sich gegenseitig anhusten durften. All die Bälle, die in den Kinderländern derzeit stillliegen.

Bunt gemischt, unberührt, sicherlich längst desinfiziert und von Rotznasenspuren befreit. Saubere Plastikkugeln als Denkmal einer vergangenen Alltagswelt. Blaue, grüne, rote Erinnerungen an eine Welt vor Corona.

Umsiedelungen kennt man als Begriff ja sonst eher aus China, wenn Peking Han-Chinesen nach Xinjiang verpflanzt, damit die ungeliebten Uiguren in ihrer Heimat zur Minderheit werden.

Sara Wasmund, Kolumnistin

In Nordschleswig gibt es kein Ikea, und doch war schöner Wohnen in dieser Woche am Alsensund durchaus ein Thema. In Sonderburg gibt es zwischen Nørager und Søstjernevej ein Wohngebiet, das von der Regierung seit fünf Jahren als „Ghetto“ klassifiziert wird. Das dänische Gesetz fordert daher, 60 Prozent des Wohngebiets abzureißen – und betroffene Anwohner umzusiedeln.

Auch Schlüpflinge in Stuttgart wurden umgesiedelt

Umsiedelungen kennt man als Begriff ja sonst eher aus China, wenn Peking Han-Chinesen nach Xinjiang verpflanzt, damit die ungeliebten Uiguren in ihrer Heimat zur Minderheit werden.

Oder aus Stuttgart, wo Zauneidechsen vor den Bauarbeiten zum Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 in Sicherheit gebracht wurden. Darunter Jungtiere – überwiegend Schlüpflinge – die unter anderem in Steinheim an der Murr auf 1,3 Hektar einen „Ersatzlebensraum“ fanden.

„Ersatzlebensraum“ muss nun auch für all die Menschen aus Sonderburgs „Ghetto“ gefunden werden, deren Wohnungen in den kommenden Jahren abgerissen werden. Kommune und Wohngenossenschaft arbeiten bereits an einem „Umzugs- und Einquartierungsplan“ und versuchen im Dialog mit den Menschen vor Ort, eine möglichst angenehme Lösung zu finden.

Es gibt schlimmere Ghettos auf dieser Welt … Foto: Karin Riggelsen

Über schöner wohnen lässt sich ja trefflich streiten. Beim Blick in aktuelle Wohnmagazine frage ich mich manchmal, seit wann hässlich in Mode ist. Warum um alles in der Welt sollte ich mir einen Betonboden frisch aufgießen, der aussieht, als sei darauf ein Elefant ausgerutscht?

Auch mit Blick auf unser Sonderburger „Ghetto“ bin ich immer wieder leicht verwirrt. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Süddeutschland, habe ich mir unter einem „Ghetto“ immer was ganz anderes vorgestellt. Brennende Ölfässer in der Bronx beispielsweise, an denen sich verlumpte Menschen wärmen und prügeln. Obdachlose in den Hauseingängen, Drogentote in Kellern, Pappkartons als Bett und Scheißhaufen im Hinterhof. Sowas in der Art.

Alles schier, aufgeräumt, gefegt und gemäht

Wenn ich durch das frisch begrünte und erblühende Sonderburger „Ghetto“ spaziere, wollen die Bilder meiner Vorstellung mit den tatsächlichen Bildern einfach nicht übereinstimmen.

Alles schier, aufgeräumt, gefegt und gemäht. Exkremente sind nur dann ausnahmsweise zu sehen, wenn ein Zweibeiner es gewagt haben sollte, den Haufen eines angeleinten Hündchens nicht aufzusammeln. Zwischen Nørager und Søstjernevej stößt man auf Schaukeln statt auf Scheißhaufen und ich würde mich zu jeder Tageszeit trauen, mit meinem alten Hündchen im Viertel spazieren zu gehen. Inklusive Hundetüte, versteht sich.

Würde ich auf eine Gruppe herumlungernder Jugendlicher treffen, wäre mein einziger Reflex vermutlich, ihnen die angesagten Hochwasserhosen über die Knöchel ziehen zu wollen, damit sie später keine Gicht im Fußknöchel kriegen.

Da wären die in Stuttgart vermutlich froh drüber gewesen. Immerhin mussten die rund 6.000 Eidechsen in mehrere Ersatzhabitate umsiedeln und aufzupassen, dass denen beim Einfangen nicht der Schwanz abfällt.

Sara Wasmund, Kolumnistin

Vor Kurzem spazierte der dänische Innenminister zusammen mit dem Bürgermeister durch das Sonderburger „Ghetto“, um sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen. Kurz danach kam der Bescheid aus Kopenhagen, dass Sonderburg nur 40 Prozent anstatt der eigentlich geforderten 60 Prozent der Baumasse abreißen muss.

Ich könnte darauf wetten, dass sich der Minister beim Gang durchs Viertel, vorbei an Schaukeln und Schildern, ebenfalls gedacht hat: Und wo war jetzt das Ghetto?

Ersatzhabitate für Menschen und Eidechsen

Aber sei es drum. Gesetz ist Gesetz und Sonderburg steht nun vor der Aufgabe, für einen Teil der knapp 1.300 Bürger im „Ghetto“ Ersatzlebensraum zu finden. Da wären die in Stuttgart vermutlich froh drüber gewesen. Immerhin mussten die rund 6.000 Eidechsen in mehrere Ersatzhabitate umsiedeln und aufzupassen, dass denen beim Einfangen nicht der Schwanz abfällt.

Hotel Alsik
Viele leere ZImmer derzeit im Hotel Alsik Foto: Karin Riggelsen

Schöner Wohnen kann man im Steigenberger Hotel Alsik am Sonderburger Stadthafen, das Hotel kommt als Ersatzhabitat für die Ghetto-Bewohner aber nicht infrage, soviel steht fest. Obwohl der Lebensraum beachtlich ist.

Der 18-stöckige Bau am Alsensund stand im vergangenen Jahr aber hauptsächlich leer, und zum Abschluss der Woche habe ich am Freitag Hotelchef Jesper Koch deswegen einen Besuch abgestattet.

190 Zimmer wären mir auf Dauer vielleicht doch zu viel

Was für Kleinkinder das Bällebad von Ikea, ist für mich die Lobby im Alsik: Ich würde am liebsten darin wohnen und nie mehr abgeholt werden. Aussicht aufs Wasser, geschmeidige Möbel und mehrere Meter bis zur Decke – das nenne ich schöner Wohnen. Obwohl – 190 Zimmer wären mir auf Dauer vielleicht doch zu viel.

Wo wir wieder bei der Geschmacksfrage wären: Manch Besucher stößt sich bei mir zu Hause auf dem Bauernhof an den niedrigen Deckenbalken, und für mich wiederum wäre jede Wohnung in der Stadt eine Höchststrafe. Deckenhöhe hin oder her. Für viele Bürger sind die Wohnung auf Nørager ihr Zuhause und Millionen Menschen auf dieser Welt wissen gar nicht, was das ist, eigene vier Wände, ein Zuhause zu haben.

Journalistin Sara Wasmund hat über diese Woche am Alsensund nachgedacht. Foto: Karin Riggelsen

Vergleicht man die Slums in Manila mit dem Ghetto in Sonderburg, sind die Wohnblocks am Alsensund eine reine Luxusanlage.

Sara Wasmund, Journalistin

Wer wie wo schöner wohnt, bleibt wohl auch in Zukunft eine Frage des Geschmacks – und der Sozialpolitik. Millionen Menschen leben weltweit in wirklichen Ghettos, ohne fließend Wasser und Abwassersystem, von Schaukeln auf grünen Rasenflächen ganz zu schweigen. Vergleicht man die Slums in Manila mit dem Ghetto in Sonderburg, sind die Wohnblocks am Alsensund eine reine Luxusanlage.

Mit einem Dach über dem Kopf, fließend Wasser und Einrichtungshäusern voller Krims Krams und Kerzenhaltern wohnen wir jedenfalls auf ganz schön hohem Niveau. Und wer möchte, kann sich am Wochenende zur Abwechslung einen neuen Boden gießen. Die Baumärkte, immerhin, haben geöffnet.

„Wohnst du noch oder lebst du schon woanders?“

Und während das Wasser weiter durch den Alsensund fließt und das Winterwetter über Nordschleswig fegt, während Jesper Koch in seiner Küche neue Gerichte kocht und auf seine Gäste wartet, während sich die Eidechsenpopulation an der Otto-Hirsch-Brücke in Stuttgart vermehrt, sich die Sozialpolitik der Regierung im Alltag der Bürger bemerkbar macht und die Bällebäder in den Ikeas dieser Welt stillliegen, bleibt die ewige Nachfrage Ikeas, ob wir schon leben oder noch wohnen, weiter unbeantwortet.

Und für so manch Bürger in Sonderburg wird es in absehbarer Zeit heißen: „Wohnst du noch oder lebst du schon woanders?“

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