Die Woche am Alsensund

„Die Qual der Wahl“

Die Qual der Wahl

Die Qual der Wahl

Sonderburg/Sønderborg
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Journalistin Sara Eskildsen hat über diese Woche am Alsensund nachgedacht. Foto: Karin Riggelsen

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Zwei Wochen mit Laternelaufen und Wahlthemen liegen hinter Kolumnistin Sara Eskildsen. Eine Zeit, die nicht spurlos an ihr vorbeigegangen ist.

Meine vergangenen zwei Wochen am Alsensund bestanden gefühlt aus Laternelaufen und Wahlkampfterminen. Uns allen gingen in diesen Wochen jede Menge Lichter auf – mir in Interviews zu lokalpolitischen Themen und den Laternenumzüglern beim Gang durchs Dorf. Ganze Horden von Eltern wurden mit Würstchen angelockt und singend hinters Licht geführt.

Beim Geräuschpegel auf dem Schulhof der Deutschen Schule Sonderburg war ich wieder mal sehr beeindruckt von der Resilienz von Lehrkräften und Pädagogen – ich hätte mir am liebsten ein Würstchen in der Mitte durchgebrochen und beide Hälften in die müden Ohren gesteckt, nur um dem Lärm zu entkommen.

Viele lichte Momente in Nordschleswig

Aber so hätte ich den kleinen lärmenden Menschen die Show gestohlen, und das wollte ich nun wirklich nicht. Zu viel Arbeit und Mühe steckten in all den selbst gebastelten Laternen, die anschließend durch Sonderburg, Gravenstein und Broacker getragen wurden.

Wie summende und leuchtende Glühwürmchen zogen die Umzüge durch die Städte und verbreiteten Freude und deutsches Liedgut, nicht nur in den besuchten Pflegeheimen. Keiner kann behaupten, es fehle uns in Nordschleswig an lichten Momenten.

„Du bastelst dir eine Eule und setzt ein Licht rein“

Dass Laternelaufen deutsches Kulturgut ist, bemerkt man eigentlich erst dann, wenn man einem Dänen versucht, den Vorgang zu erklären. „Du bastelst dir eine Eule und setzt ein Licht rein, hängst das Ganze an einen Stock und läuftst damit durch den Ort.“ Auf die Frage des Warums kann man dem laternenmäßig unterbelichteten Gegenüber dann ein müdes Lächeln schenken und sagen: weil man das in Deutschland eben so macht.

Mir tun die Kinder von heute mit ihren LED-Kerzen und Fahrradlichtern fast leid. Abgesichert gegen Laternenbrand entgeht ihnen die eigentliche Herausforderung des Laternenumzugs: Wer wackelt, fackelt.

Sara Eskildsen, Journalistin

Als ich einst Kind war und mit meinem lächelnden Mond aus blau-gelbem Faltpapier durch die Straßen lief, gab es immerhin noch echte Kerzen in der Laterne. Mindestens eine Leuchte ging pro Umzug unter großem Hallo der Meute und den Tränen eines einzelnen Kindes in Flammen auf.

Die eigene Laterne leuchtete nach solchen Infernos umso schöner, und der Ehrgeiz, den eigenen Mond möglichst unbeschadet in die heimische Garage zurückzuschaukeln, stieg ins Unermessliche. Mir tun die Kinder von heute mit ihren LED-Kerzen und Fahrradlichtern fast leid. Abgesichert gegen Laternenbrand entgeht ihnen die eigentliche Herausforderung des Laternenumzugs: Wer wackelt, fackelt.

Wenn ich nicht gerade mit Artikeln über das Laternelaufen dem Pulitzer-Preis verdächtig nahe kam, standen Interviews und Berichterstattungen zur Kommunalwahl auf meinem Programm. Kandidaten-Interviews, Wahl-Duelle und Wahlanalysen – mir käme das Wort Kommunalwahl zu den Ohren raus, wenn dort nicht zwei imaginäre Würstchen steckten.

Ich bin gespannt wie eine Bratwurst

Aber Spaß beiseite – ich bin gespannt wie eine Bratwurst, wie die Parteien in Sonderburg abschneiden werden, wer das Rennen um den Bürgermeisterposten gewinnt und ob Ellen Trane Nørby in der Kommune Sonderburg mehr als 500 Stimmen holen kann.

Am Dienstag werde ich mir beim Wahlabend in Sonderburg die Nacht um die Ohren schlagen und alle Entwicklungen der Wahlnacht live aus der Sønderskov-Schule berichten – erstmals ohne Zeitungsdeadline im Nacken und mit einem Laptop vor der Nase. Falls Stephan Kleinschmidt um 3.28 Uhr zum Bürgermeister erklärt wird, schmeiße ich das um 3.29 Uhr online. Falls ich bis dahin nicht eingenickt bin.

Ich hoffe, die Kommune sorgt für eine angemessene Verpflegung der versammelten Weltpresse und schlage Würstchen im Schlafrock vor. Und dann ist er endlich zu Ende, dieser Kommunalwahlkampf 2021. Dann können wir alle wieder zu den wichtigen Dingen des Alltags zurückkehren. Zu Adventsfeiern, Weihnachtsvorbereitungen und der Frage aller Fragen: „Und, was machst du an Silvester?“

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei, das hat in den 1980ern schon Barde Stephan Remmler gewusst. Und am Dienstag ist es endlich so weit: Dann setzen wir unsere Kreuze in den Wahlbogen und bestimmen, wer in den kommenden vier Jahren unsere Kommunal- und Regionalparlamente regiert. Dann hat die Qual der Wahl ein Ende und wir berichten im Anschluss über neue, alte und scheidende Stadtratskandidaten.

Eine Wahl zu haben, ist ein hohes Gut

Dass wir eine Wahl haben, ist ein hohes Gut. Vieles könne wir nicht bestimmen und selbst wählen. Unsere Körper- und Schuhgröße, Augenfarbe und Talente beispielsweise werden uns in die Wiege gelegt. Wir können nicht wählen, in welche Familie wir hineingeboren werden, wie das Wetter wird und in welchen Jahr wir sterben.

Aber wir können am Dienstag alle unsere kleine aber feine Mitbestimmung geltend machen und entscheiden, wer über unsere Gesundheitspolitik, die Qualität in Schulen und Heimpflege sowie die Biodiversität längs des Alsensunds bestimmt.

Ganz am Ende ist der Wahlkampf noch nicht. Am Wochenende werden die Kandidatinnen und Kandidaten noch mal alles geben und versuchen, die letzten Wählerstimmen für sich zu gewinnen. Wer müde Ohren hat, der höre. Allen anderen rate ich zum Bratwürstchen.

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