Die Woche am Alsensund

„Mit dem Leben auf Tauchfühlung gehen “

Mit dem Leben auf Tauchfühlung gehen

Mit dem Leben auf Tauchfühlung gehen

Sonderburg/Sønderborg
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Journalistin Sara Eskildsen hat über diese Woche am Alsensund nachgedacht. Foto: Karin Riggelsen

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Es war die erste Woche nach den Sommerferien für Kolumnistin Sara Wasmund. Warum nicht immer alles schlecht ist, was ins Wasser fällt und wo der Weltfriede in Sonderburg die Blätter hängen lässt, erzählt sie in ihrer neuen Ausgabe „Die Woche am Alsensund“.

Diese Woche am Alsensund begann rasant und hielt das Tempo bis zuletzt. Nicht nur, weil mein Sommerurlaub nach 21 Tagen zu Ende ging. Die erste Woche nach den Ferien ist immer eine Herausforderung. Das Gehirn muss vom endlich erreichten Schlummermodus wieder in den Funktionsmodus umschalten, und Mails, Termine, Lokalpolitik und Pressemitteilungen im Schach halten. Sachinhalte statt Salzwasserbaden.

Plötzlich sitzt man wieder vor einem Bildschirm statt auf einem Plastikkrokodil in den Wellen der Nordsee und versucht krampfhaft, die verschollenen Passwörter für Mailbox, Redaktionssystem und Online-Banking aus dem Großhirn zu wringen.

Nur die Flucht auf einem Esel wäre noch peinlicher gewesen

Rasant begann die Woche aber vor allem wegen einer filmreifen Verfolgungsjagd, die sich die Polizei zwischen Augustenburg und Sonderburg mit einem Lieferwagenfahrer lieferte. Der Mann entkam am Ende – auf einem Mofa. Da musste ich beim ersten Polizeibericht der Woche doch kurz schmunzeln. Nur ein Esel wäre als Fluchttransportmittel noch peinlicher für die Polizei gewesen.

Auch der Redaktionshund ist von der ersten Arbeitswoche nach dem Sommerurlaub erschlagen … Foto: Sara Wasmund

Da kurz vor meinem Urlaub eine in Sonderburg platzierte Lack- und Farbenfabrik in Rauch und Flammen aufging und das kontaminierte Löschwasser im Anschluss eine mittelschwere Naturkatastrophe auslöste und meine ganze Aufmerksamkeit und Zeit forderte, konnte ich ein bereits geführtes Interview erst nach dem Urlaub schreiben.

Zu sehr war ich damit beschäftigt, die vielen toten Fische im Ulkebüller Auffangbecken zu fotografieren, die schon zwei Tage nach dem Löscheinsatz nach Tod und Verwesung rochen. Als Journalistin klopfe ich normalerweise gerne auf den Busch. In diesem Fall sah ich davon ab, da mir sonst die ein oder andere tote Ente vor die Füße gefallen wäre.

Wer ist eigentlich schuld?

Was nun aus dem mit Chemikalien vollgesogenen See wird, ist so offen wie die Frage, wer an dieser Naturkatastrophe eigentlich schuld ist. Die Fabrik? Die Feuerwehr? Die Kommune, die der Fabrik einst die Betriebsgenehmigung erteilt hat?

In dieser Sache werden wir in den kommenden Wochen noch nachhaken. Fest steht: Der Ulkebüller See ist aktuell so mausetot wie eines meiner Sussex-Hühner, das seit geraumer Zeit keine Eier mehr gelegt hat und kürzlich in meinem Suppentopf gelandet ist.

In drei Wochen kann also viel passieren, und so musste ich auch das bereits geführte Interview um ein weiteres Gespräch ergänzen. Ich sprach mit einem Stadtratskandidaten, der als Zwölfjähriger aus Kabul geflohen ist und seit 2001 in Augustenburg lebt.

Während ich am Strand von Blåvand mit einer mir unbekannten Robbe durch die Wellen schwamm und wie ein ordentlicher Tourist ein streuselndes Softeis nach dem anderen aß, brach in Kabul die Hölle aus.

Als wir bei Regen im Pool Tauchpinguine für die Kinder vom Beckenboden klaubten und uns mit einem schmerzhaften „Plopp“ die äußerst saugaffinen Kindertauchbrillen von den Augenliedern zogen, zogen die Taliban in Afghanistans Hauptstadt ein und verboten ein Arbeits- und Alltagsleben, von dem wir Urlaub brauchen. Ferien von der Arbeit – davon dürfen Frauen in Afghanistan nicht mal mehr offen träumen.

Ich habe es so gut hier im „hyggeligen" Dänemark. Was für ein Glück, hier leben und arbeiten zu können. Aber was für eine Ungerechtigkeit. Und ich kann noch nicht mal was dafür. Zufällig in Europa geboren, wie ich es nun mal bin.

Sara Wasmund, Kolumnistin

Es ist eine Mischung aus Erleichterung, schlechtem Gewissen und schmerzhaftem Mitgefühl, mit der ich mein Leben mit dem der Menschen in Afghanistan unwillkürlich vergleiche. Ich habe es so gut hier im „hyggeligen" Dänemark. Was für ein Glück, hier leben und arbeiten zu können.

Aber was für eine Ungerechtigkeit. Und ich kann noch nicht mal was dafür. Zufällig in Europa geboren, wie ich es nun mal bin. Dass ein ehemals zwölfjähriger Flüchtling aus Kabul 20 Jahre später für den Sonderburger Stadtrat kandidiert, war in meinen Augen auf jeden Fall eine Geschichte, die erzählt werden wollte.

Bei weitem nicht alle fühlen sich in Sonderburg so wohl wie ich. Die dänische Buche vor dem deutschen Museum beispielsweise tut sich mit dem Ankommen äußerst schwer.

Zur Erinnerung: Königin Margrethe und Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier hatten beim Staatsbesuch Mitte Juni eine dänische Buche und eine deutsche Eiche vor dem Museum in Sonderburg gepflanzt.

Unser Freund Baum ist tot?

Nun sieht es so aus, als sei das Buchenbäumchen lebensmüde. Zu lange schon lässt es die Blättlein hängen. Besser gesagt, das Laub. Denn in meinen Augen ist der Baum nicht nur kränklich, sondern bereits mausetot wie die afghanische Demokratie, die Fische im Ulkebüller Teich und mein Sussex-Huhn.

Doch Museumsleiter Hauke Grella glaubt noch an ein Wunder, und so muss ich mir die Überschrift „Unser Freund Baum ist tot“ für später aufheben.

Dabei sollte die kleine fast tote rote Buche vor Leben strotzen und bitteschön die deutsch dänische Freundschaft symbolisieren. Sogar ein Kinderbuch hätte man daraus machen können. Mögliche Titel springen einem ja geradezu entgegen: „Die kleine rote Buche lernt Deutsch“ oder „Warum bist du so rot, kleine Buche?“

Ach es gab so viel Hoffnungen, die in diesem Bäumchen ruhten. Völkerverständigung. Weltfrieden.

Dass sich nun ausgerechnet die dänische Buche vor dem deutschen Museum schwertut mit dem Wurzeln schlagen, ist an pflanzlicher Satire kaum zu überbieten. Wenn schon nicht Wurzeln, so schlägt dieser Baum sicher noch mit verhohlenem Spott zu Buche.

Der Hund friert, das Frauchen auch: dänischer Sommer in Blåvand. Foto: Privat

Die erste Arbeitswoche endet für mich übrigens im deutschen Museum, wo der BDN Ortsverein Sonderburg heute Abend seine Generalversammlung abhält. Weniger rasant und vielmehr gesellig.

Nach den vergangenen Wochen, in denen es zu unvermittelten Bränden, Wasserrohrbrüchen und Polizeieinsätzen kam – am Donnerstag saß ich beim Haftprüfungstermin im Gericht hinter Eltern, die ihre siebenmonatige Tochter schwer Gewalt angetan haben sollen – hoffe ich auf keine weiteren Überraschungen. Davon gibt es nämlich im Laufe eines Lebens mindestens so viele wie Sand am Meer von Blåvand.

Ziemlich vieles im Leben fällt ins Wasser

Fabriken brennen und Demokratien brechen zusammen. Wasserrohre brechen und setzen ein neu gebautes Multikulturhaus unter Wasser. Eltern posten auf Instagram, wie sehr sie ihre Kinder lieben und werden kurz darauf wegen Kindesmisshandlung angezeigt. Ein Virus bricht aus und legt die ganze Welt lahm. Zum Beispiel.

Ziemlich vieles im Leben fällt ins Wasser. Die Momente, in denen es sich um Tauchpinguine in einem beheizten Pool handelt, sollte man daher ganz besonders genießen.

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