Die Woche am Alsensund

„Leben nach der „Méthode champenoise““

Leben nach der „Méthode champenoise“

Leben nach der „Méthode champenoise“

Sonderburg/Sønderborg
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Die Kolumnistin wartet: auf den Frühling in Sonderburg. Foto: Karin Riggelsen

Champagner wird leider viel zu selten bei Presseterminen serviert, findet Kolumnistin Sara Wasmund in ihrer neuen Kolumne „Die Woche am Alsensund“.

Es liegt in der Natur von Presseterminen, einem besonderen Ereignis beizuwohnen. Schließlich lädt niemand die Presse ein, um über die Vorzüge von feinporigen Putzlappen oder die Spielregeln von Halma zu sprechen.

Doch nicht alle Termine sind gleich spannend. Wenn die Vorsitzende des Technischen Ausschusses in Sonderburg mal wieder in einen Bagger klettert, um einen maschinellen Spatenstich für ein neues Bauprojekt vorzunehmen, ist das meistens weder spektakulär noch einzigartig. Es sei denn, sie rammt den Bauleiter mit der Schaufel.

Auch eine Feierstunde zur Enthüllung eines Kunstwerkes raubt einem nicht immer den Atem. Es sei denn, es handelt sich um die Skulptur einer hubbeligen Meerjungfrau mit Schuppenflechte, wie ich es einmal am Tonderner Mühlenteich erlebt habe. Da war ich doch wirklich für einen Augenblick sprachlos, aber über Geschmack und Kunst lässt sich ja bekanntlich nicht so gut streiten.

Champagner und Schnittchen: Es geht doch

In dieser Woche gab es einen der interessanteren Pressetermine: einen Rundgang durch des alte Gravensteiner Gichthospital, das 1883 als Kurhotel errichtet worden war. Der neue Besitzer des Gebäudes hatte zur Ortsbesichtigung eingeladen.

Der Bauherr baute zu meiner großen Freude für uns Pressevertreter samt Bürgermeister einen Stehtisch mit süßen Schnittchen im Sonnenschein auf und entkorkte obendrein noch eine Flasche Möet-&-Chandon-Champagner. Dieser Standard bei Presseterminen ist bedauerlicherweise leider allzu selten vorzufinden.

Aus dem ehemaligen Behandlungszimmer im Gichthospital wird eine Mietwohnung. Foto: Sara Wasmund

Ein angebotenes Glas Champaner stößt man nicht von der Tischkante, und mit einem Glas in der weißen Hand konnte ich mir gleich viel besser vorstellen, wie einst die reichen Flensburger mit dem Förde-Dampfer nach Gravenstein schipperten, um im Kurhotel hinter mir das schöne Leben zu genießen. 1910 beispielsweise, als Nordschleswig noch zum Königreich Preußen gehörte und Gravenstein noch nicht (wieder) Gråsten hieß.

All die Einweihungen …

All die Pressetermine, die allein hier stattgefunden haben! Erst zur Eröffnung des Kurhotels 1883, 1956 dann die Eröffnung des Gichthospitals mit Königin Ingrid.

Ob die Einweihung des Schwimmbads, der 50. Jahrestag des Gichthospitals in Gravenstein oder nicht zuletzt der Beschluss, nach Sonderburg umzuziehen, wo das neue Gichthospital 2019 von Königin Margrethe eingeweiht wurde – allein dieses Gebäude und sein Innenleben haben in den vergangenen 183 Jahren für so einiges an Presseterminen und Berichterstattung gesorgt.

Die Gäste aus dem Kurhotel von damals sind mittlerweile tot, all die Gespräche im Speisesaal verstummt, der Förde-Dampfer von damals ist abgewrackt – und der Champagner von damals? Ausgesprudelt.

Sara Wasmund, Lokalredakteurin

Jedes Ereignis war ein Schritt nach vorne – und ist doch aus unserer Sicht heute längst in die Vergangenheit eingegangen.

Die Gäste aus dem Kurhotel von damals sind mittlerweile tot, all die Gespräche im Speisesaal verstummt, der Förde-Dampfer von damals ist abgewrackt – und der Champagner von damals? Ausgesprudelt.

Nun wurde also erneut die Zukunft des Gebäudes eingeläutet: Der Bau von rund 60 Mietwohnungen, die in rund einem Jahr einzugsbereit sind.

Flüchtige Momentaufnahmen

Fest steht: Ob die Begehung der Tour-de-France-Ziellinie 2022 auf dem Augustenburger Landevej oder eine schnöde Fahrradwegeröffnung: Die meisten Pressetermine sind ein Schritt nach vorne, stellen ein Projekt in Aussicht oder bilden den Abschluss eines Prozesses. Es sind aber immer nur Momentaufnahmen, ein flüchtiges Ereignis in der Geschichte, das ebenso schnell wieder verfliegt wie die Kohlensäure aus dem Chanpagner.

In diesem Sinne können Leben und Pressetermine durchaus mit der „Méthode champenoise“ verglichen werden: Nach Warten und einer gewissen Reifung ist der Augenblick dann überraschend flüchtig.

Wer wohl in 120 Jahren vor dem Gravensteiner Gebäude steht und Champagner trinkt?

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