Leserbrief

„Eine haarige Geschichte“

Eine haarige Geschichte

Eine haarige Geschichte

Eggert Mumberg
Sonderburg/Sønderborg
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Die Frisöre im Land dürfen derzeit wegen der Ansteckungsgefahr nicht arbeiten. Foto: Jens Dresling/Ritzau Scanpix

Eggert Mumberg beschreibt in seiner Glosse, wie er die Zeit ohne geöffnete Frisöre in der Coronakrise erlebt – und fühlt sich erinnert an ein Erlebnis vor 75 Jahren …

Beim Wühlen in meinen Schubladen fand ich neulich ein Bildchen, so 7x7 Zentimeter. Zwischen einer Glasplatte und einem Stück weißem Karton war eine Haarsträhne eingeschlossen. Verschlossen war das Ganze mit braunem Papierklebestreifen. Eine Kindheitserinnerung klopfte an die Innenwand meines Schädels.

Der verbotene Griff zur Schere

Vor mehr als 75 Jahren war ich alleine zu Hause, meine Mutter war zum Einkaufen gefahren. Ich „fand“ eine Schere, ein verbotener Gegenstand, (Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht) und probierte sie an mir aus – an meinen Haaren.

Dann habe ich das Ganze wohl versteckt und dann vergessen. Es war in der Weihnachtszeit. An einem der nächsten Tage hatte der Weihnachtsmann mir das Bildchen statt Süßem in den Schuh gelegt. Seitdem habe ich zum Haareschneiden immer einen Frisör aufgesucht, der ja auch dazu ausgebildet ist.

75 Jahre später …

Nun sind 75 Jahre in die Länder gegangen. Corona. Alles zu. Frisör auch. Ich begann meinen Kollegen Carl und meinen Freund Dieter zu beneiden, die haben da kein Problem. Ich dagegen begann nun langsam – frisurmäßig – Donald Great Amarica und Boris Great Britain zu ähneln, was ich nicht gut fand. Erstens, weil ich die Kerle einfach nicht mag und zweitens, weil ich ihrer Länder wegen vor 75 Jahren zu oft in einem Luftschutzkeller sitzen musste.

Nun, ich war mit meiner Kritik an meiner Haarpracht nicht alleine. Meine bessere Hälfte meinte, ich müsste mal zum Frisör – ja schön, aber wie? Ich wurde mitten im Badezimmer auf einen Hocker gesetzt, musste meine Bart-Stutz-Maschine sowie Kamm und Schere abliefern und war dem Schicksal schutzlos ausgeliefert.

Es kratzt im Nacken

Ich kann meiner Frau ein gewisses künstlerisches, gestalterisches Talent nicht absprechen. Sie ist in der Lage, Möbel und Blumen ansprechend und harmonisch in der Wohnung zu verteilen. Das Erlernen des Frisörhandwerkes jedoch ist ihrer Aufmerksamkeit entgangen. Sie hat sich gestalterisch betätigt, das Ergebnis kann ich selbst nicht beurteilen, wird aber so aussehen wie meine selbstgestaltete Frisur von vor 75 Jahren. Es kratzt im Nacken vor lauter Haaren und meine Frisur muss sie selbst aushalten. Denn wegen Corona bewege ich mich nicht in der Öffentlichkeit.

Eggert Mumberg, Strandvej 1 B st.mf, 6400 Sønderborg

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