Die Woche am Alsensund

„Es ist nicht so, wie es aussieht“

Es ist nicht so, wie es aussieht

Es ist nicht so, wie es aussieht

Sonderburg/Sønderborg
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Journalistin Sara Eskildsen hat über diese Woche am Alsensund nachgedacht. Foto: Karin Riggelsen

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Jeder spielt in seinem Leben verschiedene Rollen, nicht nur die Schauspieler, die in dieser Woche am Alsensund in Nordschleswig für einen „ZDF“-Krimi gedreht haben. Warum sie ausnahmsweise Blumen im Haar statt einen Block in der Hand trug, verrät Sara Eskildsen in ihrer neuen Kolumne.

In dieser Woche am Alsensund war bei Weitem nicht alles so, wie es aussah. In den Schaufenstern der Sonderburger Innenstadt standen blutbespritzte Menschenkörper und „Hilfe“-Schilder mit roten Kinderhand-Abdrücken, und auf Sitzbänken saßen Monster ohne Kopf.

Spätestens beim übergroßen Skelett an der Kreuzung zur Jernbanegade dürfte dem letzten Passanten aufgefallen sein, dass der Sonderburger Handelsverein das Thema Halloween wirklich GANZ GROSSSCHREIBT und die Einkaufenden mit Tod und zermarterten Körpern bei Laune halten will.

Wer denkt beim Anblick einer abgesägten Hand nicht an einen neuen Pulli aus Schurwolle? Wer kriegt beim Anblick eines Totenkopfes im Kuchenregal des Bäckers nicht Appetit auf ein Stück Sahnetorte, und ja, wer freut sich nicht, einem verkleideten Monster mit schiefen Zähnen zu begegnen, während man durch die Drogerie schlendert?

Mal was anderes: Probeliegen im Sarg

Ich persönlich finde es ja gewagt, angesichts von echten Amokläufen in der Innenstadt ein Blutbad nachzuspielen, aber das ist wohl ebenso Geschmackssache wie das Angebot des Handelsvereins in der Herbstferienwoche, sich in einen echten Sarg zu legen. Diese Halloween-Aktion ergab wenigstens noch etwas Sinn, denn wenn wir später da mal drinliegen, kriegen wir vom Liegekomfort als solchem nichts mehr mit.

Auch über den Sinn des Lebens oder gar den von Halloween können wir dann auch nicht mehr nachdenken. Dann sind wir das, was der Handelsverein so erheiternd findet: tot.

Angesichts der stürmigen Böen aus Nord-West war ich einmal mehr froh, dass ich weder Schauspielerin noch Obdachlose geworden bin.

Sara Eskildsen, Journalistin

Auch die Polizei machte in dieser Woche am Alsensund darauf aufmerksam, dass nicht alles so ist, wie es aussieht. Anlass für diesen außergewöhnlichen Tweet waren Dreharbeiten für die „ZDF“-Krimiserie „Unter anderen Umständen“.

Die zuständige Filmgesellschaft aus Hamburg drehte in Gravenstein (Gråsten) und Ekensund (Egernsund), und Kriminalkommissarin Jana Winter alias Natalia Wörner ermittelte bei acht Grad und Regen in einem Obdachlosen-Lager, das unter der zugigen Ekensunder Brücke aufgebaut worden war. Angesichts der stürmigen Böen aus Nord-West war ich einmal mehr froh, dass ich weder Schauspielerin noch Obdachlose geworden bin.

„Wie ist es denn?“

Dass es am Gl. Færgevej unter der Brücke ein Obdachlosenlager geben könnte, war mit Blick auf die gepflegten Einfamilienhaus-Idylle der Umgebung geradezu albern, aber die Fernsehwirklichkeit ist nun mal, was sie ist: unwirklich.

„Es ist nicht so, wie es aussieht“ – wie oft ist dieser Satz nicht schon in Filmen und Soap-Opera-Serien gefallen. Meistens dann, wenn es genau so ist, wie es aussieht.

Wer diesen Satz hört, sollte auf jeden Fall nicht weglaufen. Sondern innehalten, genau hinschauen und nachfragen. „Wie ist es denn?“ Diese Frage zu stellen ist eine weitaus klügere Reaktion, als aus dem Raum zu stürmen, wie es die Schauspielerinnen in Filmen gerne machen, während der Film-Gatte von der Liebhaberin rollt, sich die Haare rauft und seine Unterhose sucht.

Wir sind Arbeitskollegen, Vorstandsmitglieder, Kunden, Gastgeber, Teil einer Familie, Einkaufende, Initiatoren oder Vereinsmitglieder. Auch wenn die meisten von uns keine Schauspieler sind, spielen wir alle unsere vielen Rollen.

Sara Eskildsen, Journalistin

Während die Film-Crew inklusive der Schauspieler eine Drehwoche in Nordschleswig in ihrem Kalender hatten, während die Gischt aus der Rinkeniser Bucht in Richtung Nübeler Noor flog und während Natalia Wörner ihren Text lernte, war es für uns hier in Nordschleswig eine ganz normale Arbeitswoche nach den Herbstferien. Mit Terminen, zur Arbeit fahren, Zahnarztterminen, Staubsaugen, einkaufen, Zähneputzen und Schlafengehen.

Wir sind Arbeitskollegen, Vorstandsmitglieder, Kunden, Gastgeber, Teil einer Familie, Einkaufende, Initiatoren oder Vereinsmitglieder. Auch wenn die meisten von uns keine Schauspieler sind, spielen wir alle unsere vielen Rollen. Ob als Stadtratskandidat, Lehrerin, Chef, Kunstschaffender oder Vater.

Ein jeder ist unterwegs in seiner eigenen kleinen Wirklichkeit, die aus Haupt- und Nebenrollen besteht. Wir spielen Rollen, um eine Rolle zu spielen.

Meine Wirklichkeit fiel aus dem Alltags-Rahmen

Meine Wirklichkeit fiel am Freitag in den Herbstferien ein wenig aus dem Alltags-Rahmen, als ich in einem weißen Kleid und Blumen in den Haaren in der Gravensteiner Schlosskirche meinem Ehemann und einer Zukunft als Frau Eskildsen entgegenging.

Zwei Wochen zuvor hatte ich Freitagmittag noch vor dem Schloss geparkt, um eine Reportage über das Saisonende im Königlichen Küchengarten zu schreiben. Nun hatte ich ausnahmsweise Blumen im Haar statt einen Block in der Hand und statt mit dem Gärtner sprach ich mit den Gästen und „der armen Sau“ von Ehemann, wie es der Kollege Dominik Keksdose so schön formulierte.

An diesem Freitag in den Herbstferien hatte ich die Rolle der Braut inne und trug Blumen statt Block. Foto: Dominique Stoll

Im echten Leben feierte ich an diesem Freitag eine kleine Hochzeit im Alten Krug in Gravenstein, mit Sønderjysk Kaffebord, Brottorte satt und deutsch-dänischen Reden, eine Woche später machte das „ZDF“ die Krug-Stube zur Fischer-Kneipe, in der Schauspielerin Natalia Wörner ihre Rolle spielte. Ob Schauspielerin, Gastwirtin, Schlossgärtner oder Lokaljournalistin: Solange wir in unserem eigenen Leben gerne die Hauptrolle spielen, ist doch alles gut.

Neue Handlungsstränge, neue Drehorte

Und wenn nicht, ist es vielleicht Zeit, eine neue Rolle anzunehmen. Im Leben können Handlungsstränge umgeschrieben, Hauptpersonen ausgetauscht und neue Drehorte gefunden werden. Bis wir in einem Sarg Platz nehmen, hat das Drehbuch ein Open End. Es sei denn, es handelt sich um eine Shopping-Aktion von „Vores Sønderborg“. Dann geht das Leben auch danach weiter.

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