Leitartikel

„Milliarden für fragwürdige Branche“

Milliarden für fragwürdige Branche

Milliarden für fragwürdige Branche

Apenrade/Aabenraa
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„Nordschleswiger“-Redakteur Volker Heesch nimmt die Vereinbarung über großzügige Entschädigungen für die dänische Pelztierzuchtbranche zum Anlass, an lange missachtete Tierschutz- und Umweltaspekte der vor dem Ende stehenden Form der Massentierhaltung zu erinnern.

Die sozialdemokratische Regierung hat sich mit Venstre, Radikaler Venstre, SF und Liberaler Allianz auf eine „finanzielle Kompensation“ für die dänische Pelztierzuchtbranche in Höhe von bis zu 18,8 Milliarden Kronen verständigt. Es ist nicht die Rede von Schadenersatz oder einem Rettungspaket, denn es gibt nur eine kleine Hintertür, die es den Züchtern der als Mink bezeichneten, ursprünglich in Nordamerika beheimateten Nerze, erlaubt, nach der Tötung der vielen Millionen, in Käfigen gehaltenen Raubsäuger, die Haltung dieser Art Haustiere wieder aufzunehmen.

Über die politische Vereinbarung zur Sicherung einer „vollständigen Entschädigung für Minkzüchter und daran geknüpfte Branchen“ war seit Anfang November 2020 verhandelt worden, als auf einer im Nachhinein fragwürdigen juristisch-gesetzlichen Grundlage die Tötung aller dänischen Zuchtnerze, laut „Danmarks Radio“ zwischen 2,7 und 4,1 Millionen Tiere, getötet wurden, weil sie als Überträger gefährlicher Corona-Viren geortet worden waren.

Neben Schadenersatz für die im Schnellverfahren getöteten Minks, deren Felle wegen Infektionsgefahr nicht verwertet werden konnten, gibt es auch Zahlungen für entgangene Erlöse, die die Pelztierzüchter im Zeitraum bis 2030 erwirtschaftet hätten. Auch gibt es Zuschüsse für die Umstellung der Branche auf andere Formen der Produktion.

Gegenüber der Zeitung „Berlingske“ erklärte Juraprofessor Frederik Waage, Verfassungsrechtler an der Süddänischen Universität, es handele sich um eine sehr gute Vereinbarung aus Sicht der Minkfarmer, dennoch wollten sich unter anderem die Konservativen und die Dänische Volkspartei dem politischen Kompromiss nicht anschließen.

Der Konservative Rasmus Jarlov kritisiert, dass man darauf abziele, in Dänemark die Pelztierzucht für immer zu den Akten zu legen. Angesichts der Vergleiche, die angepeilte Entschädigungssumme hätte für die Finanzierung einer halben Brücke über den Großen Belt oder drei neue Super-Krankenhäuser ausgereicht, liegen Gedanken nicht fern, dass es in diesem Fall auch maßlose Vorstellungen gibt, in welchem Umfang einer ganz gewiss hart getroffenen Branche und Gruppe Menschen Hilfe geleistet wird. Immerhin übersteigt der Betrag deutlich die bisher zur Verfügung gestellte Summe von 12,6 Milliarden Kronen, die an Lohnausgleich im bisherigen Verlauf der Corona-Krise in Dänemark bereitgestellt worden ist.

Die menschlichen Tragödien, die mit dem dramatischen Ende der dänischen „Minkproduktion“ verknüpft sind, hatten in den Medien während der vergangenen Monate großen Raum eingenommen. Doch es dürfen bei allem Mitgefühl auch andere Fakten nicht unter den Tisch fallen. So verschwinden von den auszuzahlenden Entschädigungen rund 8,6 Milliarden Kronen, um die Schulden der 800 Vollzeitpelztierzüchter, einiger Hundert Teilzeit-Produzenten und den mit diesen verknüpften Branchen zu decken. Zwar erklärte ein Forscher der Uni Kopenhagen, die Minkzucht sei die wettbewerbsfähigste dänische Branche, allerdings mit konjunkturellen Berg- und Talfahrten.

Damit wird allerdings vornehm umschrieben, dass die Pelztierzucht, bei den Minks genauer gesagt Massentierhaltung von eigentlich wildlebenden Raubtieren aus der Gruppe der Marder, in Europa seit Jahren auf der ethischen Abschussliste steht.

In fast allen europäischen Ländern, vor einigen Jahren auch in Deutschland, wurde die Haltung von amerikanischen Nerzen aus berechtigten Gründen des Tierschutzes verboten und eingestellt. Nur in Polen und Dänemark konnte sich diese Form der Tierhaltung mit einem Bestand von mehr als zehn Millionen Tieren halten. Vermutlich wegen der jahrelangen Milliardenerlöse während des jüngsten Nachfragebooms vor allem chinesischer Kundschaft.

In Dänemark kritisieren Tierschutzorganisationen zu Recht die Hintertür für ein mögliches Wiederaufleben der nicht mehr zeitgemäßen Käfighaltung von Minks, die seit Jahrzehnten auch als gebietsfremde Tierart großen Schaden in der Natur anrichten.

Der Naturschutzverband „Danmarks Naturfredningsforening“ erinnert auch daran, dass die traurige Massentierhaltung der Minkbranche angesichts der eingesetzten Futtermittel und freigesetzten Fäkalien mit Ammoniakausstoß als klima- und umweltschädigende Produktionsform keine Berechtigung mehr habe. Eine Zurückdrängung der Minkproduktion war in Dänemark längst überfällig. Es ist traurig, dass erst die Corona-Krise den Züchtern und deren Beschäftigten ein Ende mit Schrecken und mit Trostpflaster beschert hat. Ein Trostpflaster, das andere sicher auch gebrauchen könnten.

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