43 Jahre im Schulwesen

Ein Leben für die Schule

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Über Jahrzehnte leitete Claus Diedrichsen die Geschicke der deutschen Schulen in Nordschleswig. Foto: DN Archiv

Die Schulzeit ist für Claus Diedrichsen bald zu Ende. Aus dem Schüler von 1957 wurde der Schulrat. Am Donnerstag erhält er seinen Abschiedsempfang.

1957 klingelte es für Claus Diedrichsen zur ersten Stunde. Als Sechsjähriger betrat er die Klassenräume der Deutschen Schule Saxburg (heute Buhrkall), doch Ende des Jahres klingelt es für Claus Diedrichsen zum letzten Mal. Die Schulzeit ist vorbei, und der ehemalige Schüler aus Bülderup-Bau beendet seine Karriere im höchsten Amt des Deutschen Schul- und Sprachvereins für Nordschleswig als Schulrat.

Als Schüler bekam er von der Schule mehr mit als die meisten. Sein Vater war im Vorstand der kleinen Dorfschule, und zu Hause am Küchentisch wurde so manches Schulthema diskutiert. „Es hat mir später zu denken gegeben, dass wenn Eltern über Schule reden, dann sollten sie vorsichtig sein sollten, wenn Kinder zu nah dran sind und mithören. Natürlich soll man offen und ehrlich mit den Kindern umgehen, aber es gibt eben auch Erwachsenenkonflikte, und nicht alles ist für Kinderohren“, sagt Claus Diedrichsen.

Er ging den damals für viele junge Nordschleswiger „typischen“ Minderheitenweg: über das Realexamen an der nächstgelegenen größeren Schule, der Deutschen Schule Tingleff, zum Abitur am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig in Apenrade. So „wie es sich gehörte“. Danach wählte Diedrichsen zunächst das Jurastudium in Kopenhagen. Doch schon nach einem Jahr wechselte er mit der Überzeugung, dass Lehrer für ihn ein guter Beruf sein könnte, an die Pädagogische Hochschule Flensburg.

Foto: DN Archiv

Nach dem ersten Staatsexamen „drohte“ eine Referendarzeit an einer großen Realschule in Norderstedt, aber um niemanden vor den Kopf zu stoßen, wählte Claus Diedrichsen, seinen Wehrdienst in Tondern und Skrydstrup zu leisten. Als es danach wieder für ihn rein klingelte, hatte der damalige Schulrat Peter Jessen Sönnichsen eine Stelle für ihn und seine Frau Anneli im heutigen Kindercampus in Lunden bei Norburg gefunden.

Auf Nordalsen begann 1975 für Claus Diedrichsen, was am Ende 43 Jahre im Schuldienst des Deutschen Schul- und Sprachvereins für Nordschleswig werden sollten. Hier durfte er sich unter Schulleiter Fritz Müller auch in die Schulleitung einarbeiten, in Stundenpläne und Zahlen, was schon immer seine Stärke war. Hier reiften auch seine Ambitionen, selber eine Schule zu übernehmen. Sonderburg stand auf der Wunschliste. Dort stand ein Wechsel bevor, doch als Harald Kracht in Tingleff aufhörte, kam es anders.

Claus Diedrichsen hatte sich zu dem Zeitpunkt nicht nur in der Schulwelt einen Namen gemacht, sondern auch ehrenamtlich war er aktiv im BDN als Bezirksvorsitzender und hatte einen Sitz im Hauptvorstand. Daher kam der Anruf nicht vom DSSV, sondern vom Hauptvorsitzenden Gerhard Schmidt, „ob denn nicht die Stelle in Tingleff für ihn interessant“ sei.

Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, erinnert sich Claus Diedrichsen. „Es war schwierig. Ich hatte das Gefühl, man wollte mich nicht unbedingt. Am liebsten hätten sie einen aus den eigenen Reihen gehabt.“ Aber es klappte dann doch mit der Beziehung. Claus Diedrichsen war fast zwei Jahrzehnte in Tingleff, wo er sich wie zuvor auf Nordalsen über die schulische Arbeit hinaus im Ort einsetzte.

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Neben der schulischen Arbeit und dem ehrenamtlichen Einsatz (u. a. Jugendverband für den Sportverein Mittelschule Tingleff, dem Wahlausschuss für die Kommune Tingleff und ganz Nordschleswig) wollte sich Claus Diedrichsen auch sportlich betätigen. Bei der TS Sonderburg hatte er es in die 3. Division geschafft, und auch in Tingleff wollte er beim SV spielen. „Es kam aber nur zu einigen Spielen in der Sporthalle. Ich war temperamentvoll, und das konnte ich meinen Eltern nicht zumuten, mich so zu sehen“, räumt Claus Diedrichsen eine kleine Schwäche ein. Es wurden in Tingleff schließlich „über 18 gute Jahre“.

Als Claus Diedrichsen im Dezember 2002 Franz Christiansen (der als erste Amtshandlung den jungen Claus Diedrichsen als Schulleiter in Tingleff eingesetzt hatte) nun als Schulrat des Deutschen Schul- und Sprachvereins ablöste, stand ihm unterstützend Anna David als neue Lebenspartnerin zur Seite.

Wichtige Kontakte

„Sich um das Amt des Schulrates zu bewerben, hat sich für mich erst spät ergeben, aber als sich der Zeitpunkt der Stellenausschreibung näherte, machte ich mir schon Gedanken, weil man sich für die Stelle in beiden Ländern sprachlich, schulisch und rechtlich auskennen muss“, erklärt Diedrichsen.

Diese Voraussetzungen nahm Claus Diedrichsen mit, und dabei half ihm auch seine jahrelange Tätigkeit in der Gewerkschaft. Dort hatte er Organisationsluft schnuppern können und auch schon wichtige Kontakte unter anderem in Kopenhagen geknüpft.

„Die persönlichen Kontakte sind wichtig für uns. Auch wenn man manchmal zweifelt, ob es sich lohnt, für eine Stunde zu einem Treffen nach Kopenhagen zu fahren. Es zeigt sich immer wieder, dass es wichtig ist, Leute persönlich zu kennen.“

Kontakte pflegt der DSSV nicht nur nach Kopenhagen, sondern auch nach Schleswig-Holstein und Berlin und erlebt laut Diedrichsen, dass von allen Seiten geholfen wird, wenn Schwierigkeiten auftauchen.

„Die ersten acht Jahre waren durch die vertrauensvolle, erfolgreiche und qualifizierte Zusammenarbeit mit Rainer Iwersen geprägt. Wir ergänzten uns gut, und viele wichtige pädagogische Themen wurden angepackt“, so Diedrichsen.

Die Konsulentenstelle habe man nach Rainer Iwersen zwar zu lange offenstehen lassen, aber „es fehlten die Ressourcen dafür“. Zum Schuljahr 2017/18 wurde mit Käthe Nissen die Stelle erneut besetzt, und laut Diedrichsen wurden dadurch vernachlässigte pädagogische Themen qualifiziert in Angriff genommen. Diedrichsen weist unter anderem auf deutliche Akzente hin wie die Arbeit mit der positiven Psychologie, die von seiner Nachfolgerin Anke Tästensen in die Wege geleitet wurden, als sie noch Schulleiterin in Osterhoist war. „Ich merke es bei meiner Schulaufsicht – das sind rund 100 Schulstunden im Jahr –, dass sich die Schüler mit ihren positiven Eigenschaften beschäftigen.“

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Heute wird daher auch im Kindergartenbereich der Ruf nach einem pädagogischen Konsulenten laut. „Das ist auch nachvollziehbar, aber es fehlt noch das Geld für eine solche Stelle“, erklärt Diedrichsen.

Bestimmt ein Schulrat alles im DSSV? Nein, ganz gewiss nicht. „Die örtlichen Schulen mit ihren Vorständen und Schulleitungen sind in vielen Bereichen in der Verantwortung“, so Diedrichsen. Das sei zum Teil auch gesetzlich geregelt. „Auf der anderen Seite haben die deutschen Schulen auch die Rahmen, des DSSV einzuhalten, Rahmen die sie selbst in den DSSV-Ausschüssen festlegen.“

„Wir geben und haben sehr weite Rahmen für die selbstständige Schulentwicklung“, erklärt der Schulrat. Was auch notwendig ist, weil die Schulen unterschiedlich sind, von Ostküste zu Westküste, von Stadt zu Land, in ihrer Erwartungshaltung bei den Eltern und in der Nähe der Elternschaft zur Minderheit. „Ich habe sehr großen Respekt vor der erfolgreichen Arbeit unserer Leiterinnen und Leiter in unseren Institutionen und Schulen.“

Was hat sich an der Schule in deiner Zeit verändert?

„Die Schüler waren selbstverständlich 1975 anders – die Gesellschaft war anders, es war eine kaum mit heute vergleichbare Zeit. Ich denke, dass Lehrkräfte eine höhere Anerkennung in der Gesellschaft hatten und ihre Position in der Klasse und in der Zusammenarbeit gestärkter war. Während meiner vielen Unterrichtsbesuche im Rahmen der Schulaufsicht erlebe ich die heutige Problematik in den Klassenräumen als sehr herausfordernd für die Durchführung von Unterricht. Auf die Spitze getrieben, hat jede Schülerin und jeder Schüler seinen eigenen „Lernplan“.
Große und sehr qualifizierte Unterstützung erhalten Schulleitungen und Lehrkräfte dabei durch den Schulpsychologischen Dienst – „eine unverzichtbare Säule in unserer Arbeit“, ergänzt Diedrichsen.

Dabei würden die freien und privaten Schulen oft von der Politik angegriffen, sie würden ihrer sozialen Verpflichtung nicht nachkommen und Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf ablehnen. „Der DSSV weiß hier um seine Verpflichtung und arbeitet zusammen mit dem Schulpsychologischen Dienst in diesem Bereich erfolgreich mit den Eltern zum Wohle dieser Kinder zusammen“, unterstreicht Diedrichsen.

Was waren für dich die Höhepunkte in deiner Schulzeit?

„Ganz übergeordnet, dass die Schulen und Kindergärten des DSSV überall angenommen werden. Obwohl die Konkurrenz in den letzten Jahren durch immer mehr Privatschulen, die auch Deutsch in ihr Profil aufnehmen, größer geworden ist, haben unsere Angebote immer noch Bestand“, sagt der Schulrat.

„Die Anerkennung unserer Schulen als „die öffentlichen Schulen der deutschen Minderheit“ und die damit verbundene ökonomische Gleichstellung mit der dänischen Folkeskole und die Bereitstellung von dänischen Investitionsmittel im Haushalt des Staates gehören sicherlich auch zu den Höhepunkten meiner Amtszeit“, sagt Diedrichsen.

„Und schließlich die Einrichtung des Instituts für Minderheitenpädagogik mit dem University College Syd und Dansk Skoleforening for Sydslesvig, das unsere Arbeit eine wissenschaftliche Verankerung ermöglicht hat, darf hier nicht unerwähnt bleiben.“

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Herausforderungen gab es sicherlich auch genügend?

„In den vergangenen Jahren wurde der DSSV auch durch den Tarifstreit in 2013 und die Schulreform der öffentlichen Schule herausgefordert. Dem DSSV gelang ein gutes Konfliktmanagement und wenn auch nicht gleich, wurde das zerrüttete Vertrauen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurückgewonnen“, meint Claus Diedrichsen.

Schwieriges Jahr

Das letzte Jahr als Schulrat war laut Diedrichsen besonders schwierig. Der Neubau und Bau-Stopp im Kindergarten Broacker, der Neubau der Deutschen Privatschule Apenrade und der Ausbau mit Platz für eine Kinderkrippe im Kindergarten Jürgensgaard sind „eine große Belastung für alle und vor allem für die Haushaltsabteilung im DSSV gewesen“.

„Das Schulamt ist für den Normalbetrieb gestrickt, und ein Jahr wie das letzte belastet alle“, sagt Claus Diedrichsen. „Ich hoffe für meine Mitarbeiter in der Geschäftsstelle und meine Nachfolgerin, dass bald wieder ruhiges Fahrwasser erreicht werden wird. Denn es stehen wichtige Aufgaben bevor.“

Lehrplanarbeit, Fachgruppenarbeit und Weiterbildung seien dabei Eckpunkte. „Ich hoffe nur, dass die Grundlagen bleiben – und das sind in erster Linie die Kinder.“
Selbst schwebte dem Schulrat die Schülerzahl von 1.300 vor, wenn er in den Ruhestand geht. Am Ende waren es dann 1.293 – aber weiterhin mit steigender Tendenz – und das bei fallenden Jahrgängen.

Auch finanziell gab es immer wieder die eine oder andere dunkle Wolke am Himmel. „Doch wenn es brenzlig wurde, haben wir den Dialog in Kopenhagen, Berlin oder Kiel gesucht, und dann ist uns immer wieder geholfen worden – auch in Sachen, wo sie es nicht unbedingt mussten. Ich glaube, wir sind durch solche Gespräche gut gefahren und sind weitergekommen, statt großen Medienlärm zu machen“, sagt Claus Diedrichsen. „Wir dürfen nicht vergessen, dass es uns in der deutschen Minderheit gut geht. Wir haben in dieser Zeit viel politische Aufmerksamkeit und müssen sorgsam damit umgehen – und wissen, wie weit wir gehen wollen, damit wir den Bogen nicht überspannen. Es gibt hier und dort nämlich umgekehrt auch andere, die neidvoll auf uns schauen.“

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Vorteil Schulwesen

Die deutsche Minderheit hat laut dem Schulrat mit den Kindergärten und Schulen im Vergleich zu vielen Minderheiten einen enormen Vorteil. Mit den Kinderkrippen in allen Institutionen habe der DSSV heute sogar noch mehr Zeit für die sprachliche Vorbereitung auf die Schulzeit. „Und es gibt mehr Zeit, das Vertrauen der Eltern für eine Schulzeit im DSSV zu gewinnen. Die erfolgreiche Arbeit in den Institutionen ist die Grundlage für die Arbeit in den Schulen“, sagt Diedrichsen, der auch die „hervorragende und erfolgreiche Arbeit des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig“ erwähnt.

„Wir haben in der deutschen Minderheit ein sehr gut aufgestelltes und erfolgreiches Bildungswesen, und in den vergangenen Jahren wächst und festigt sich die Zusammenarbeit zwischen den Verbänden“, sagt Diedrichsen, der dabei besonders auf die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Jugendverband und dem Knivsberg aufmerksam macht: „Das Knivsbergfest ist als Fest der deutschen Minderheit zurück, und der DSSV ist ein sichtbares Element.“

Nach der Schule

Schule ist sein Leben, doch Ende des Jahres klingelt es endgültig zum letzten Mal. Am Donnerstag, 29. November, um 15 Uhr hat der DSSV zum Abschiedsempfang von Claus Diedrichsen eingeladen. Danach will er eine Ehrenamtspause einlegen, mehr Zeit auf seinem Hof bei Baistrup verbringen, lesen, reisen und vor allem mehr angeln. „Ich liebe es, in der Natur zu sein, aber ich habe wenig Zeit gehabt zu angeln. Ich denke aber nicht, dass ich jetzt alle Fische aus den Auen und Meeren raushole“, sagt Claus Diedrichsen. „Ich muss auch lernen, länger zu schlafen und zur Ruhe zu kommen. Das wird eine große Umstellung sein von den langen Arbeitstagen.“

Claus Diedrichsen blickt auf eine schöne „Schulzeit“ zurück. „Der DSSV und die Minderheit überhaupt waren ein guter Arbeitgeber. Es ist es wert, dafür im Haupt-, aber auch im Ehrenamt zu arbeiten.“

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