Kultur

„Wenn wir Platz schaffen könnten für die lebenden Juden. Nicht nur für die Toten“

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Apenrade/Berlin
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30, wütend und jüdisch – so wird Autor Max Czollek angekündigt. Foto: P.-A. Hassiepen

Der Berliner Max Czollek ist Schriftsteller, Lyriker, Jude und Gesellschaftskritiker – am Donnerstag kommt er im Rahmen der Literaturtage in die Zentralbücherei.

Er nennt sich Juden-Lyriker, wenn er provozieren, zum Nachdenken anregen und alte Denkmuster aufbrechen will und mit dem Begriff „jüdischer Schriftsteller“ kann er herzlich wenig anfangen. Denn er lehnt sie ab, die Zuweisung von Adjektiven, die eigentlich gar keine Rolle spielen und in Schubladen stecken.

Max Czollek ist Lyriker, Berliner, Wissenschaftler, Autor und Jude. „In wechselnder Reihenfolge. Dabei bleibt man immer vielstimmig“, sagt er im Interview mit dem Nordschleswiger. Am Donnerstag kommt er zusammen mit der Lyrikerin und Journalistin Adi Keissar, deren Texte er übersetzt hat, für eine Lesung in die Deutsche Zentralbücherei nach Apenrade. Das Literaturhaus Schleswig-Holstein veranstaltet die Literaturtage mit Schwerpunkt israelische Literatur. Wobei, wie Max Czollek sogleich anmerkt, was soll das sein, israelische oder gar jüdische Literatur? Da ist es wieder, ein Adjektiv. Er will mit seiner Lesung und seinem neuen Buch Antworten und neue Sichtweisen auf die Dinge anbieten.

Der 30-Jährige hat mit „Desintegriert euch!“ eine aktuelle Streitschrift geschrieben. Das Buch erscheint heute - und liefert im hitzigen Schmelztiegel der Themen rund um Nationalität und Nationalismus, Migration und Integration, Leitkultur und linksliberalem Denken und Gesellschaftsempfinden jede Menge Gesprächsstoff und Gedankenimpulse.

Max Czollek beleuchtet die Sicht der Deutschen auf die Juden – beziehungsweise auf das, was man sich in Deutschland unter „den“ Juden so vorstellt. Sein Text, verspricht Max Czollek, wird nicht die Geschichte seiner jüdischen Familie erzählen. Er unternehme den mal unterhaltsamen, mal bedrückenden Versuch, das deutsche Bild von den Juden zu analysieren. Und er fragt nach, was überhaupt die lebenden Juden und Jüdinnen mit diesem geschaffenen Bild zu tun haben.

Der Lyriker will „die Schneekugel des deutschen Selbstverständnisses kräftig durchschütteln“. Er ist der Meinung, dass die Deutschen ihre Verantwortung für die Vergangenheit gründlich missverstanden haben, „als sie sich jahrzehntelang eine neue Normalität herbeifantasierten“. „Allerspätestens mit der Wahl der AfD in den Bundestag ist das unübersehbar geworden. Ich denke, es lässt sich eine Linie vom schwarz-rot-goldenen Exzess der WM 2006 zur Bundestagswahl 2017 ziehen, was selbstredend nicht der vorherrschenden Deutung entspricht“, schreibt Czollek.

Im Gespräch mit dem Nordschleswiger erklärt Max Czollek, warum in Deutschland ganz bestimmte Judenfiguren im allgemeinen Denken vorherrschen und warum die gängige Darstellung der Juden der Vielfalt jüdischen Lebens und jüdischer Geschichte nicht gerecht wird.

„Desintegriert euch!“ erscheint am Montag im Hanser-Verlag. Foto: Hanser-Verlag

Was willst du mit „Desintegriert euch!“ zum Ausdruck bringen?
Ich möchte laut darüber nachdenken, wie weit wir mit dem Anspruch auf Integration gehen wollen. Wenn ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund aufweist, kann dieses Viertel gestalterisch eingreifen, und das tut es ja auch schon. Deutschland ist auch das Ergebnis ihrer Mitarbeit. Doch weiterhin gibt es die Forderung der deutschen autochthonen Mehrheit: Ihr müsst euch auf uns zubewegen. Ich halte das für respektlos.

Inwieweit sprichst du da als ein Bürger mit jüdischem Hintergrund?
Die jüdische Minderheit ist ja eine ganz besondere im Land. Eine, die gerade nicht aufgefordert wird, sich zu integrieren. Weil Juden und Deutsche ja nichts (mehr) trennen darf. Denn solange es den Juden gutgeht, sind die Deutschen geläutert und dürfen auch wieder positive Patrioten sein. Für diese Funktionalisierung der Juden und Jüdinnen für die Normalisierung des deutschen Nationalismus stehe ich nicht zur Verfügung

Wie betrachtest du die deutsche Gesellschaft?
Das deutsche Selbstbild ist: Wir sind eine offene Gesellschaft. Für die Erfolge der Alternative für Deutschland und Pegida werden alle möglichen Erklärungen bemüht, von den abgehängten, unverstandenen Menschen und so weiter. Alles darf sein, nur nicht, dass es weiterhin Nazi-Denken in Deutschland gibt. Ich halte es für offensichtlich, dass es das alte nationalistisch-völkische Denken als sogenannter positiver Nationalismus und neuerdings als Heimatliebe in Politik und Öffentlichkeit zurückgekehrt ist. Der Dammbruch fand 2006 bei der WM in Deutschland statt. Offensichtlich war damals ein großer Teil der Bevölkerung erleichtert, dieses Gefühl wieder zulassen zu können, die Fahnen wieder zu schwenken. Da fühlten Menschen etwas, was ich nicht fühlte. Und ich frage mich: Wo kommt dieser Genuss am Nationalen her? Warum müssen Menschen sich plötzlich rechtfertigen, wenn sie die Hymne nicht mitsingen wollen. Deutschland ist doch auch in den Jahrzehnten zuvor nicht auseinandergefallen, nur weil die Flaggen nicht so präsent waren.
Max Czollek schreibt in seinem neuen Buch: „Einerseits ist die gesellschaftliche Realität eine der sexuellen, politischen, weltanschaulichen und körperlichen Vielfalt, andererseits gebe ich gerne zu, dass ich die gesellschaftliche Vision ethnischer und kultureller Homogenität ablehne und dieses politische Ziel nicht teile.“

Was stört dich an der Bezeichnung, an den Betrachtungen zu „den“ Juden?
Es ist ja nun mal nicht so, dass alle Juden von der Shoah (Holocaust) betroffen waren oder sind. Es gibt genauso andere jüdische Gruppen, die ganz anders betroffen sind von einer Unterdrückung, Verfolgung, Ausgrenzung. Auch hier wünsche ich mir eine Mehrstimmigkeit, einen Impuls.

Wenn die Besucher des Abends in Apenrade am 23. August nach Hause gehen – was wünschst du dir, ihnen von israelischer Literatur, Lebensgefühl und Erkenntnissen über Israel und Juden und Jüdinnen mit auf den Weg gegeben zu haben?
Ich wäre froh, wenn wir mehr Platz schaffen könnten für die lebenden Juden und nicht nur für die Toten. Nicht jeder lebende Jude ist ein Nachhall der Toten. Als Jude hast du für die deutsche Öffentlichkeit drei Themen: Shoah, Antisemitismus und Israel. Schon klar, warum das für die Nachfolgegesellschaft des Nationalsozialismus interessant ist. Uns interessieren aber auch andere Dinge. Davon werden Adi Keissar und ich erzählen.

Dennoch schreibst du in deinen Gedichten auch über jüdische Themen, beispielsweise über die Novemberpogrome 1938. Du thematisierst es doch selbst.
Das ist ein ziemlich gutes Beispiel für die Zuordnung von Adjektiven: Warum ist das ein jüdisches Thema? Müssten die Novemberpogrome nicht viel eher als ein deutsches Thema gelten? Zugleich heißt Desintegration ja nicht, die klassischen Themen auszulassen, sondern sich die Beschäftigung damit jüdischerseits anzueignen – anstatt immer nur auf die gleichen Fragen zu reagieren.

Hast du für dich einen Weg gefunden, mit deinem Jüdisch-Sein weder unsichtbar zu sein, noch die gesellschaftliche Sicht, die du kritisierst, zu bedienen?
Die Frage ist: Kann ich mich dem entziehen? Ich fürchte, nicht. Darum mache ich es mittlerweile so: Wenn jemand dieses Jude-und-Deutsche-Spiel spielen will, spiele ich dieses Spiel. Werde ich in einer Gesprächsrunde beispielsweise gefragt: Und was ist die Shoah-Geschichte deiner Familie? Stelle ich die Frage statt einer Antwort ebenfalls: Was ist denn die Shoah-Geschichte DEINER Familie? Meistens wird es dann sehr ruhig.

Max Czollek schreibt: „Dies ist das Buch von einem, der auszog, kein Jude zu werden. Sondern ein Politikwissenschaftler, ein Schriftsteller und Intellektueller. Und von einem, der schließlich auch Jude wurde. Der am Zentrum für Antisemitismusforschung promovierte. Der Allianzen schmiedete, um der ihm zugewiesenen Rolle als Judendichter etwas entgegenzusetzen.“

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
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