Geschichte

Die Kinder der Landesverräter

Paul Sehstedt
Nordschleswig
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Anne-Marie Christensen las im Haus Nordschleswig aus ihrem Buch und beantwortete Fragen. Foto: Paul Sehstedt

Anne-Marie Christensen sprach und diskutierte in der Zentralbücherei Apenrade über ihr Buch „Landsforrædernes Børn“. Das Publikum stellte Fragen und berichtete von eigenen Erlebnissen.

„Landsforrædernes Børn – 1940-45, Skam og Fortrængning“

Das Buch „Landsforrædernes Børn – 1940-45, Skam og Fortrængning“ ist im Verlag Etvonator mit der ISBN-13 Nummer 9788799825622
erschienen. Eine ausführliche Buchbesprechung von Siegfried Matlok wurde in dieser Zeitung am 5. Mai 2018 gedruckt und kann über www.nordschleswiger.dk/login abgerufen werden.

„Die Scham meiner Mutter, ein Kind eines Landesverräters zu sein, trieb mich dazu, das Schicksal der Verwandten und Nachfahren zu erforschen, die nach der Besatzungszeit verurteilt wurden“, erläuterte die Antropologin Anne-Marie Christensen das Zustandekommen ihres Buches „Landsforrædernes Børn, 1940-45, Skam og Fortrængning“ während eines Vortrages im Rahmen einer Gemeinschaftsveranstaltung der Zentralbücherei Apenrade und dem Nordschleswiger.

Im Zuge der fast zehnjährigen Forschungsarbeit entdeckte Christensen, dass rund 80 Prozent der potenziellen Gesprächspartner das Projekt nicht unterstützen und viele nur anonym beitragen wollten. „Meiner Schätzung nach liegt die Zahl der betroffenen Kinder zwischen 27.000 und 40.000, also eine wesentliche Gruppe, deren Schicksal völlig unbeachtet war“, erzählt die Verfasserin. „Während von 2002 bis 2015 rund 4.500 Titel zum Thema Zweiter Weltkrieg erschienen, wurde nichts, über die Landesverräterkinder geschrieben. In den Archiven fand ich auch nichts und so wurden die Vorbereitungen für das Buch mein größtes Projekt überhaupt.“

Nachdem das Buch am 4. Mai 2018 erschien, wurde sie massiv angegriffen, unter anderem von Historikern, die das Werk als irrelevant, Quatsch und unwissenschaftlich abtaten. Von Seiten der Betroffenen erhielt sie jedoch Dank für ihre Arbeit.

Wunschdenken

In Bezug auf die deutsche Minderheit stellte die Forscherin fest, dass das Schamgefühl weniger, falls überhaupt ausgeprägt war. Das veranlasste den Mitveranstalter Siegfried Matlok zur Frage, ob eine Amnestie mit rückwirkender Kraft für die Minderheit angebracht wäre. „Das wäre Wunschdenken“, antwortete Anne-Marie Christensen, die jedoch der Umsetzung des Gedanken keinerlei Chance gab, da die Situation um das Gedenken an der Kinder festgefahren sei.

Das Publikum stellte Fragen und berichtete von eigenen Erlebnissen. Jens Andresen, Vorsitzender des Grænseforeningen, erwähnte unter anderem von seiner Bekanntschaft mit Orla Jensen, einem ehemaligen Kommunisten, der im KZ-Neuengamme eingesperrt und trotzdem an den Gräueltaten beteiligt war. „Dies tat er, um zu überleben“, sagte Andresen, „aber seine Handlungen belasteten ihn später sehr.“

Aus dem Publikum wurde Kritik am Buchtitel laut, da ein eigentlicher Verrat im Grunde nicht vorlag, so wie die rechtliche Lage war während der Besatzungszeit. Erst durch die rückwirkenden Gesetzesänderungen wurden die später Verurteilten zu Straftätern. Anne-Marie Christensen erkannte den Konflikt zwischen Titel und Geschichte, meinte jedoch, dass er im allgemein verständlichen Sinne korrekt sei.

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