Fotoausstellung

Portraits aus zwei Kulturen

Portraits aus zwei Kulturen

Portraits aus zwei Kulturen

Karina Dreyer
Hattstedt/Südschleswig
Zuletzt aktualisiert um:
Christian Marquardsen aus Lügumkloster beim Kaffeetrinken. Foto: Martin Ziemer

Die Ausstellung „Ansigter-2020-Gesichter“ ist bis Mitte August im Mikkelberg in Südschleswig zu sehen. Vier Fotografen haben Minderheitenbewohner im Grenzland fotografiert.

Normalerweise steht ein Pressefotograf unter enormen Zeitdruck, doch für die Ausstellung „Ansigter-2020-Gesichter“ im „Center for nordisk kunst og cricket“ in Hattstedt nahmen sich Lene Esthave, Tim Riediger, Lars Salomonsen und Martin Ziemer viel Zeit. Denn bei ihren beeindruckenden Porträtfotos geht es allein um die Geschichte und die Emotionen von Menschen der deutschen und dänischen Minderheit in der heutigen Zeit.

Im vergangenen Jahr bekamen Lars Erik Bethge, Leiter des dänischen Danevirke-Museums und Hauke Grella, Leiter des Deutschen Museums Nordschleswig, die Anfrage, ob sie zum 100-jährigen Jubiläum der Volksabstimmung nicht eine historische Ausstellung im Kieler Landtag organisieren können.

Menschen und ihre Geschichten

„Wir wollten aber nicht nur geschichtliche Exponate zeigen, sondern auch die Menschen, denn seit 1920 war ja nicht alles nur Friede, Freude, Eierkuchen. Es hat lange gedauert, bis es friedlich war“, sagt er.

Und so kamen die beiden auf die Idee, die Ausstellung mit Fotos zu ergänzen, „die sich auf den Menschen und seine Geschichte heute fokussieren“, sagt Grella.

Die Fotografen Martin Ziemer (links) und Tim Riediger vor Lene Esthaves Porträt von Mieke Feddersen. Foto: Karina Dreyer

Vier Fotografen aus dem Grenzland

Umgesetzt wurde die Idee von den vier Pressefotografen aus dem Grenzland, zwei aus Dänemark, zwei aus Deutschland.

Doch die Ausstellungs-Eröffnung fiel genau in die Zeit, als der Corona-Shutdown begann. Und so wurde der Empfang mit Vertretern des Landtages und des Folketings Mitte März kurzfristig abgesagt. Nun startete die Foto-Ausstellung, die vom Schleswig-Holsteinischen Landtag und der Investitionsbank Schleswig-Holstein unterstützt wird, allein im „Center for nordisk kunst og cricket“ in Hattstedt.

Die Fotografen hatten freie Hand bei der Umsetzung.

„Wir wollten nicht die üblichen, bekannten Gesichter, sondern ganz normale Menschen jeden Alters aus dem lokalen Bereich, die uns von ihrer Liebe und Verbundenheit zum Grenzland erzählen“, sagt Tim Riediger aus Sörup. Und so starteten sie einen öffentlichen Aufruf zu der Frage, wie es sich anfühlt, 2020 Teil der dänischen oder deutschen Minderheit zu sein?

Caroline Dittweiler aus Flensburg – fotografiert von Tim Riediger. Foto: Tim Riediger

Jedes Foto eine Geschichte

„Wir haben uns aus den Antworten Leute ausgewählt, deren Geschichte man fotografisch umsetzen konnte. Sie haben uns zum Beispiel Lieblingsplätze gezeigt, darunter waren viele Erinnerungen an Schulen oder sie hatten Lieblingsstücke dabei wie eine Studentenmütze“, sagt Lars Salomonsen aus Gravenstein/Gråsten.

Für ihn war es besonders spannend, dabei mit Menschen zu sprechen, „mit denen man normalerweise nicht über ihre Identität redet und wie sie sie erleben“.

Lene Esthave aus Blans bei Sonderburg/Sønderborg stellte einen Hotelmanager für das Foto ins Wasser vor einem Segelclub, in dem sein Boot liegt.

„Es segelt unter der dänischen Flagge, weil ich dänischer Staatsbürger bin, liegt aber in Deutschland in einem dänischen Hafen“, steht auf der Erklärung neben dem Bild. Auf dem Wasser gebe es für Segler keine sichtbare Grenze, man könne von dort nur Wasser und Wind hören, die ihre eigene Sprache sprechen würden.

Christian Marquardsen aus Lügumkloster beim Kaffeetrinken. Foto: Martin Ziemer

Urgestein Christian Marquardsen

Martin Ziemer hat sich mit einem Nordschleswiger Urgestein getroffen, Christian Marquardsen, dessen Statement er vorher nicht kannte. „Wir haben zwei Stunden Kaffee getrunken, bevor die Kamera überhaupt erst aus dem Auto geholt wurde“, sagt der Flensburger. Aber genau in dieser vertrauten Situation entstand dann das Foto.

„Er lässt Kaffee und Milch zusammen in die Tasse fließen und vereint damit sinnbildlich das Beste aus beiden Kulturen“, sagt er.

Foto in der Pfütze

„Es ist immer wieder eine Herausforderung, an einem unbekannten Ort zu sein, um dort eine vollkommen fremde Person zu fotografieren. Erschwerend kam hinzu, dass wir nur wenige Tage für die fünf Motive Zeit hatten“, sagt Tim Riediger.

Dennoch ließ er seinen Ideen genügend Raum, so zum Beispiel mit einer jungen Schülerin, die er auf ihrem Lieblingsplatz, der Grenzbrücke an der Schusterkate, fotografieren wollte. Es ging darum, dass sie sich im Wasser spiegelte – als Symbol für die zwei Kulturen. Wegen des stürmischen Wetters im Februar ging der Plan nicht auf. Und so verteilte Tim Riediger auf dem Boden eines Raumes 20 Liter Wasser, damit sie sich stattdessen in eine große Pfütze legen und sich darin spiegeln konnte.

Nadine Schmidt – fotografiert von Lars Salomonsen. Foto: Lars Salomonsen

Leiterin: „Relevante Ausstellung“

Mikkelbergs Leiterin Lisbeth Bredholt Christensen spricht von einer „sehr relevanten Ausstellung. Sie spiegelt sehr harmonisch beide Minderheiten wider und das Doppelte kommt gleichzeitig überall zum Vorschein“.

Ansigter-2020-Gesichter

Die Ausstellung „Ansigter-2020-Gesichter“ ist bis Mitte August im Mikkelberg in Südschleswig (Hattstedt) zu sehen. Danach soll sie noch an weiteren Orten zu sehen sein. Im März 2021 ist sie dann zusammen mit der historischen Ausstellung im Kieler Landtag zu sehen.

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