Politische Stadtwanderung

Von einer Wüstenwanderung auf Zement zu einer Oase für alle

Ute Levisen
Ute Levisen Lokalredakteurin
Hadersleben/Haderslev
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„Manden med ægget“ – Mann mit Ei – könnte auch den Spagat symbolisieren, vor dem Stadtplaner stehen: trotz verödender Innenstädte touristische Erlebnisse zu schaffen. Foto: Ute Levisen

Politische Stadtwanderung: Im Vorfeld eines ersten Zeitplans für das Projekt „Jungfernstieg“ lud das Rathaus zum Ortstermin durch die Altstadt ein.

Das Stadterneuerungsvorhaben Jungfernstieg ist seit der Umgestaltung des Haderslebener Hafens das umfassendste seiner Art in der Geschichte der Domstadt. Die Einweihung des Filmpalastes Kosmorama am Jungfernstieg war in dieser Hinsicht ein erster Meilenstein. Weitere sollen folgen. Im Vorfeld ihrer Ratssitzung begaben sich die Kommunalpolitiker daher auf Stadtwanderung, um sich einen Überblick hinsichtlich nächster Schritte zu verschaffen. Mit vier Posten war die Route versehen – und an jedem Stopp wurden die Politiker ein bisschen klüger. Gut so, denn wenig überraschend ist ein Fazit des Tages: Es gibt viel zu tun, um in Hadersleben einen zusammenhängenden, attraktiven städtischen Raum zu schaffen, der Einheimische – jung und alt – sowie Touristen gleichermaßen anspricht.

„Bislang nimmt sich der Weg von der Innenstadt zum Hafen wie eine anderthalb Kilometer lange Wüstenwanderung auf Zement aus!“ – Die Worte des Vorsitzenden des Haderslebener Jugendrates, Stefan Christensen, treffen dort, wo es – nicht zuletzt aus planerischer Sicht – richtig wehtut. Aber auch mit jungen Augen betrachtet ist die Domstadt keine Augenweide:
„Hadersleben braucht ein Haus für die Jugend, eine Stadtmitte, in der es Raum gibt für junge Leute – für klassische Aktivitäten wie beispielsweise Rundball. Ja, die Jugend von heute sei weitaus beweglicher als ihr Ruf und durchaus sportlich aktiv! Die Slotsgade 25 wäre ein Haus, das sich anböte, zwinkerte Christensen, wohl wissend, dass seit Jahren und seit Jahren ebenso vergeblich daran gearbeitet wird. Doch wer weiß? Vielleicht tut sich in Bälde etwas ...

Etwas tun müsse man auf jeden Fall, wolle man aus der Domstadt einen attraktiven Ort zum Verweilen machen. Und nicht nur zur Durchreise, pointierte Museumsinspektor Lennart Madsen, der einen Posten innehatte. Es gehe darum, die Leute in die Stadtmitte zu bringen. Die bisherige Infrastruktur und die historisch gewachsenen und später planerisch wieder vermurksten Achsen sind in dieser Hinsicht nicht gerade zielführend. Ein schlechtes Beispiel sind auch die beschaulichen Hinterhöfe in der Schlossstraße: „Dort hat man die alten Hinterhäuser abgerissen und Parkplätze eingerichtet. Und die kann man jetzt bewundern“, so der Museumsfachmann. Aktivität in der Altstadt, echte Erlebnisse müsse man dem Publikum auf seinem Gang durch die Stadt bieten!

Sorgenkind Graben: Ideen gibt es viele für das einstige Moor. Foto: Ute Levisen

Mehr Parkplätze?

Auf derselben Linie liegt Orla Bryld Mortensen, Vorsitzender des Haderslebener Einzelhandels und Ehrenherzog. Kleine Spezialgeschäfte, attraktive Verweilmöglichkeiten und eine lange Bedenkzeit im Hinblick auf Parkplätze: „Braucht Hadersleben mehr Parkplätze: Sei’s drum! Doch falls nicht, und ich bin der Meinung, es gibt genug Parkplätze, sollte man sich genau überlegen, ob ein Parkhaus am Jungfernstieg wirklich notwendig ist!“

Aus dem Sorgenkind Norderstraße könnte durchaus ein attraktiver Fußgängerbereich werden: mithilfe von Tempolimits, Ampeln, die für einen gleitenden Busverkehr durch die Norderstraße sorgen, und Möglichkeiten der Restaurantbetreiber vor Ort, wie Fratelli oder Buchs Vinstue, zur Außengastronomie: Mit dieser Idee wartet Henrik Rønnow (Soz.) auf. Außengastronomie – das war auch das Stichwort für Architektin Rikke Martinusen von „Tegnestue Mejeriet“, die am Graben firmiert. Entstanden ist der Graben einst auf Moorboden – außerhalb der Stadtmauern. Heute ist er ein zentraler Platz der Stadt, der weitaus besser genutzt werden könnte. Mit Außengastronomie – nicht auf dem Platze, sondern am Rande, ganz wie es menschlichen Urinstinkten entspreche, sich vorzugsweise an der Wand entlang zu bewegen.

Rudimente dieses Verhaltens, resümiert Martinusen lächelnd, finden sich noch heute im Wesen des modernen Menschen und sollten durchaus bei der Stadtplanung berücksichtigt werden.
Die Architektin plädiert dafür, den Graben als offenen Platz zu bewahren: „Schließlich sollen die Leute auch in Zukunft genug Platz haben, gegen ihre Politiker demonstrieren zu können.“

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