Lebensstil

In Stensbæk finden stressgeplagte Bürger Ruhe und Erholung

In Stensbæk finden stressgeplagte Bürger Ruhe und Erholung

In Stensbæk finden stressgeplagte Bürger Ruhe und Erholung

Gramm/Gram
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Schulvorsteherin Shela Fozzi und Mogens Falk Jørgensen, der der „Stensbæk Højskole" mit Rat und Tat zur Seite steht, haben viele Visionen für die Heimvolkshochschule. Foto: Karin Riggelsen

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Fernab von Hektik und Zivilisation liegt „Stensbæk Højskole“. Dort sollen von Stress geplagte Bürgerinnen und Bürger der Domstadtkommune wieder zu sich selbst finden. „Der Nordschleswiger“ hat einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

Umgeben von Wald und Wiesen zwischen Gramm und Ripen (Ribe) liegt „Stensbæk Højskole og Retrætecenter“. Seit etwa einem Jahr heißt die Heimvolkshochschule auf dem Gelände des einstigen Arbeitslagers Bürgerinnen und Bürger willkommen, denen der Sinn nach Ruhe und Erholung steht.

„Ich habe nach einem Ort gesucht, an dem ich Menschen helfen kann“, sagt Shela Fozzi. Die 54-Jährige ist seit Mai vergangenen Jahres Leiterin der inmitten der Stenbæker Plantage gelegenen Heimvolkshochschule. Zuvor hat die Nordschleswigerin in Ripen ihr eigenes Café betrieben und nebenbei als Therapeutin unter anderem für AromaTouch Massage gearbeitet.

Der Mensch als Ganzes

An der Stensbæker Heimvolkshochschule, die sich das ganzheitliche Wohlbefinden des Menschen auf die Fahnen geschrieben hat, kann sie nun ihre Erfahrungen aus beiden Bereichen einfließen lassen. Denn auch wenn das Schulgebäude in der naturschönen Umgebung auf den ersten Blick eher unscheinbar wirkt – als „Der Nordschleswiger“ ihr an einem verregneten Nachmittag im April einen Besuch abstattet, sogar fast schon verlassen –, tut sich hinter den Kulissen so einiges.

Shela Fozzi ist die neue Vorsteherin der „Stensbæk Højskole“. Foto: Karin Riggelsen
In ihrem „Büro“ bietet die ausgebildete Therapeutin unter anderem AromaTouch-Massagen an. Foto: Karin Riggelsen

„Wir sind gerade dabei, im Garten einen Outdoor-Yoga-Raum anzulegen“, erklärt Lisbeth Rebsdorf-Gregersen, die seit Anfang des Jahres stellvertretende Leiterin der auf Erholung und Selbstfindung ausgerichteten Heimvolkshochschule ist. Überhaupt entstehe in der Stenbæker Heimvolkshochschule derzeit unheimlich viel Neues, wie die beiden Frauen berichten.

Vom Gemüseanbau über die Eröffnung eines Cafés bis zum Erholungs- und Behandlungsangebot für stressgeplagte Bürgerinnen und Bürger – das rote Holzgebäude soll Anlaufstelle und Zentrum für eine ganzheitliche Lebenseinstellung sein.

Die Natur als Dreh- und Angelpunkt

„Als ich mich nach einer neuen Herausforderung umgesehen habe, war mir klar, dass es etwas in der Natur sein soll“, meint Shela Fozzi. Inspiration für die auf eine ganzheitliche Lebenseinstellung bedachte Heimvolkshochschule mitsamt Erholungszentrum hatte die ausgebildete Therapeutin von einer ähnlichen Institution aus der Kommune Esbjerg bekommen. „Aber hier fehlte mir die Nähe zur Natur“, sagt die Schulleiterin.

„Wir wollen hier keine Symptome behandeln, sondern einen ganzheitlichen Lebensstil fördern. Die Leute sollen hier zu sich finden und sich erholen können“, ergänzt ihre Stellvertreterin, Lisbeth Rebsdorf-Gregersen.

In den 1930er Jahren diente das Gebäude in der Stensbæker Plantage als Arbeitslager für junge Menschen. Später wurde es in ein AMU-Zentrum, ein sogenanntes Arbeitsmarktsausbildungszentrum, umfunktioniert. Seit 2010 wird das Gebäude als Heimvolkshochschule genutzt. Foto: Karin Riggelsen
Die Natur steht an der „Stensbæk Højskole“ im Fokus. Foto: Karin Riggelsen

Derzeit sind es vor allem stark unter Stress leidende Bürgerinnen und Bürger der Kommune Hadersleben, die in den Räumen und der Natur rund um „Stensbæk Højskole“ zu neuen Kräften finden. Künftig soll das Angebot auch privaten Unternehmen und Privatpersonen zur Verfügung stehen, erklärt die 61-Jährige weiter.

Auf Empfehlung der Kommune

Bereits im November des Vorjahres waren zehn schwer stressgeplagte Frauen und Männer, das heißt Menschen, die bereits seit mehr als zwei Jahren aufgrund ihrer Stresserkrankung arbeitsunfähig sind, einen Monat lang in der Stensbæker Heimvolkshochschule „in Behandlung“.

„Die Kommune hat die Bürgerinnen und Bürger angeschrieben und ihnen das Angebot unterbreitet, hier bei uns an einem einmonatigen Kursverlauf teilzunehmen“, erklärt Shela Fozzi. Immer werktags von 9 bis 16 Uhr kommen die Betroffenen in dieser Zeit in das Gebäude am Stenbækvej, wo sie nach einer gemeinsamen Morgenrunde verschiedenen, individuell angepassten Tätigkeiten nachgehen.

„Das kann eine Naturtherapie, eine Akupunkturbehandlung oder eine Wanderung durch die angrenzende Natur sein“, erklärt Fozzi. Auch psychologische Beratung bekommen die Kursteilnehmenden im Stensbæker Erholungszentrum.

Jeden Morgen um 9 Uhr treffen sich die Kursteilnehmenden zur Begrüßung im Gemeinschaftsraum der Stensbæker Heimvolkshochschule. Foto: Karin Riggelsen
Gerade für unter Stress leidende Menschen seien Rückzugsorte wichtig, meint die stellvertretende Schulvorsteherin Lisbeth Rebsdorf-Gregersen. An der Heimvolkshochschule haben die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer daher jeweils ein eigenes Zimmer, obwohl sie nicht über Nacht bleiben. Foto: Karin Riggelsen

„Wichtig ist jedoch“, betont ihre Kollegin Lisbeth Rebsdorf-Gregersen, „dass unsere Klientinnen und Klienten sich jederzeit zurückziehen können. Uns ist es lieber, dass die Betroffenen sich hier zurückziehen als bei sich zu Hause.“ Denn viele von ihnen litten im Zuge ihrer Stressdiagnose auch unter starker Einsamkeit, so die stellvertretende Leiterin.

Auch ganzheitliches Wohlbefinden geht durch den Magen

Für den Rückzug stehen den Gästen daher eigene Zimmer zur Verfügung. Da es den Betreiberinnen der Heimvolkshochschule bei ihrer Arbeit um die Vermittlung eines ganzheitlichen Lebensansatzes geht, wird an der „Stensbæk Højskole” auch gesunde Ernährung großgeschrieben. „Unsere Mahlzeiten sind alle pflanzlich, ökologisch und nachhaltig“, betont das Leiterinnen-Duo.

„Viele unserer Klientinnen und Klienten haben nach den vier Wochen beispielsweise auf Kaffee verzichtet, weil sie in dieser Zeit gemerkt haben, was eine gesunde Ernährung mit dem Körper und damit auch einem selbst macht“, erklärt Shela Fozzi.

Um künftig noch bessere Lebensmittel für ihre Mahlzeiten verwenden zu können, startet die Heimvolkshochschule derzeit auch ein regeneratives Landwirtschafts-Projekt im hauseigenen Garten, der immerhin 1.600 Quadratmeter Beet-Fläche sowie ein 40 Quadratmeter großes Gewächshaus umfasst.

Tobias Unger Coff ist einer von vier jungen Freiwilligen an der Stensbæker Heimvolkshochschule und zeichnet für den hauseigenen, regenerativen Gemüseanbau verantwortlich. Foto: Karin Riggelsen
An der Stensbæker Heimvolkshochschule sollen die Kursteilnehmenden Kraft tanken und wieder zu sich selbst finden. Die Behandlungsangebote sind laut Schulvorsteherin Shela Fozzi individuell zugeschnitten. Foto: Karin Riggelsen

Stensbæk Højskole setzt auf regenerative Landwirtschaft

Verantwortlich für den Gemüseanbau zeichnet einer der vier jungen Freiwilligen, die in der Stensbæker Heimvolkshochschule ein mittelfristiges Zuhause gefunden haben. Tobias Unger Coff ist 21, stammt ursprünglich aus Roskilde und lebt seit knapp einem Jahr in Stensbæk. Die Konzepte Nachhaltigkeit und regenerative Landwirtschaft seien ihm laut eigener Aussage in die Wiege gelegt worden: Seine Eltern arbeiten ebenfalls in diesem Bereich.

An die Stensbæker Heimvolkshochschule ist er über einen Bekannten gekommen, wie er verrät: „Ich war auf der Suche nach einem Ort, an dem ich auf regenerative Weise Gemüse anbauen kann.“ In Stensbæk sei er schließlich fündig geworden. „Es ist so schön hier, so ruhig. Hier kann ich mich entfalten.“

Doch nicht nur zur Selbstversorgung soll der Garten dienen. Wenn alles nach Plan läuft, sollen die Lebensmittel aus eigener Ernte schon bald auf dem Wochenmarkt in Ripen angeboten sowie an ein nahe gelegenes Restaurant geliefert werden.

Zukunftsvisionen

Der Garten und das Kursangebot sind jedoch nicht die einzigen Projekte, für die die Verantwortlichen von „Stensbæk Højskole og Retrætecenter“ derzeit Pläne schmieden. Shela Fozzi, Lisbeth Rebsdorf-Gregersen und Mogens Falk Jørgensen, der der Heimvolkshochschule als Berater zur Seite steht, haben eine langfristige Vision für das traditionsreiche und naturschöne Gelände. „Wir wollen die Gebäude gerne umfassend renovieren“, so Falk Jørgensen, „und auch auf nachhaltige Energiequellen umsteigen.“

Am 23. April eröffnet das hauseigene Café Stensbæk. Besucherinnen und Besucher der angrenzenden Natur können dann beispielsweise nach einer Wanderung in der Heimvolkshochschule einkehren und ein Stück selbstgebackenen Kuchen genießen. Foto: Karin Riggelsen
In den 1940er Jahren wurde der rote Holzbau inmitten der Stensbæker Plantage unter anderem als Ferienlager genutzt, wie ein Foto zeigt. Foto: Karin Riggelsen

Bis es jedoch so weit ist, werde noch einige Zeit vergehen. Denn zunächst müssen Fördermittel beantragt und bewilligt werden. Weniger kostspielig und zukunftsnaher sind hingegen die Pläne für ein hauseigenes Café.

Bereits am 23. April wollen Shela Fozzi und ihre fleißigen freiwilligen Helferinnen und Helfer den Cafébetrieb aufnehmen. „Besucherinnen und Besucher können dann im angrenzenden Wald spazieren gehen“, so die Leiterin, „und anschließend hier einkehren und unsere selbst gebackenen, ökologischen Köstlichkeiten genießen.“

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Ein Leck in unserer Gesellschaft“