Theaterkritik

Kühne Kunst

Kühne Kunst

Kühne Kunst

Hadersleben/Haderslev
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Wenig Ausstattung – große Wirkung Foto: Ute Levisen

„Das einsame Herz“ – so heißt die Inszenierung des Theaters Møllen in Hadersleben. Die Aufführung hatte soeben Premiere und wird jetzt auf Bühnen im ganzen Land gezeigt. Das Stück „Det ensomme hjerte“ ist kein Wohlfühl-Theater. Das, was die Schauspieler auf die Bühne bringen, ist kühne Kunst.

Das Møllen-Ensemble, allen voran Hausdramatiker Brian Wind-Hansen und Regisseur Rasmus Ask, haben ihrer Inszenierung „Das einsame Herz“ den gleichnamigen Roman von Tom Buk-Swienty über den Arzt Hans Horn (1921-1989) zugrunde gelegt.

Künstlerseele im Krieg

Der gebürtige Kieler, eine Künstlerseele, versah im Zweiten Weltkrieg als Militärarzt seinen Dienst an der Ostfront und kehrte als gezeichneter Mann aus dem Krieg zurück. In der Nachkriegszeit ließ sich Horn in Pattburg (Padborg) nieder.

Ole Sørensen, Ane Helene Hovby und Thomas Clausen Rønne brillieren in „Det ensomme hjerte“. Foto: Ute Levisen

Ole Sørensen, Ane Helene Hovby und Thomas Clausen Rønne führen den Zuschauer durch das Leben des Hans Horn. Angefangen beim Kennenlernen seiner großen Liebe, endet das Drama mit der Heimkehr des Militärarztes von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges. Die Gräuel des Krieges haben den jungen Mann vor allem psychisch geprägt.

Persönliches Dilemma

Das Schreckliche des Erlebten bringen die Darsteller dem Publikum nah – so nah, dass es unter die Haut geht. Nicht zuletzt dank des darstellerischen Könnens des Trios.
Thomas Clausen Rønne verkörpert Hans Horn und verdeutlicht aufrüttelnd das Dilemma des jungen Mannes, der zwischen Pflichtbewusstsein und moralischer Überzeugung schwankt – und schließlich den Gehorsam wählt.

Nach der Premiere im Haderslebener Møllen-Theater ist das Ensemble zurzeit auf Tournee. Erste Station war das Kultur- und Musikhaus in Toftlund. Foto: Ute Levisen

Mehr als Kriegserinnerungen

Das Ende des Zweiten Weltkrieges liegt ein Dreivierteljahrhundert hinter uns. „Das einsame Herz“ (Det ensomme hjerte) ist jedoch mehr als ein Erinnern an die Schrecken des Krieges. Es führt uns plastisch – und zuweilen erschreckend stimmgewaltig – vor Augen, was Krieg und Terror – kurz Ausnahmezustände – mit uns Menschen machen (können).

Zwischen Kadavergehorsam und Courage

Zugleich offenbart die Inszenierung das zeitlose Dilemma „Pflichterfüllung kontra Gehorsam“ und wie wichtig vor allem Zivilcourage ist. Hans Horn hat sich für die Pflichterfüllung entschieden, wenngleich in abgemilderter Form, als es für ihn darum ging, als Arzt Simulanten zu enttarnen. Es war eine Entscheidung, die er schweren Herzens traf – und mit der er sein Leben lang haderte.

Wegen der Corona-Pandemie führte das Ensemble das Theaterstück ohne Pause auf. Foto: Ute Levisen

Harmonisch – trotz Dissonanzen

Der Krieg ist vorbei – die menschlichen Zwickmühlen mitnichten. Auch das zeigt uns „Das einsame Herz“ aus dem Hause Møllen – eine Aufführung, die das Ensemble gegenwärtig im Rahmen seiner Tournee im ganzen Land zeigt.

Die Møllen-Inszenierung braucht keine umfassende Ausstattung, um ihre Wirkung zu entfalten: Scheinwerfer, Stühle, auf einer Holzplatte stehend, bilden das Bühnenbild. Doch die Aufführung lebt nicht zuletzt vom Klangteppich, bestehend aus Cello und Violine, den die drei Musikerinnen Anna Sakham Jalving, Silke Kirstine Ekman Kidholm und Martha Marie Petri „weben“ und der „Das einsame Herz“ trotz aller Dissonanzen im Leben des Hans Horn harmonisch schlagen lässt – zumindest aus Sicht des Betrachters.

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