Ungewisse Zukunft

Chabeso: Vom Milchsäureextrakt zum Kultgetränk

Chabeso: Vom Milchsäureextrakt zum Kultgetränk

Chabeso: Vom Milchsäureextrakt zum Kultgetränk

Annika Zepke
Annika Zepke Journalistin
Hadersleben/Haderslev
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Die Tage des Chabesos sind möglicherweise gezählt. Foto: Annika Zepke

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Seit einigen Tagen sorgt ein Erfrischungsgetränk in Hadersleben für Aufsehen: „Chabeso“, so der Name des alkoholfreien Softgetränks der Haderslebener Traditionsbrauerei Fuglsang, könnte bald Geschichte sein. Doch welche Geschichte verbirgt sich hinter der heiß diskutierten Limonadensorte? „Der Nordschleswiger“ hat nachgeforscht.

In der vergangenen Woche sorgte die Nachricht, das Erfrischungsgetränk Chabeso der Brauerei Fuglsang könnte vor dem Aus stehen, in Hadersleben für Aufsehen. „JydskeVestkysten“ hatte in einem Interview mit Kasper Ryttersgaard Jacobsen, Direktor der Brauereigesellschaft Royal Unibrew, die die Traditionsbrauerei Fuglsang Ende April übernommen hat, erfahren, dass die Zukunft des Chabesos sowie anderer Erfrischungsgetränke aus dem Hause Fuglsang auf dem Spiel steht.

Die Produktion von Chabeso sei so lange eingestellt worden, bis man herausgefunden habe, wie mit diesem sowie anderen Produkten des Fuglsang-Sortiments künftig verfahren werde, erklärte der Direktor gegenüber „jv.dk“. Nach der Übernahme der Traditionsbrauerei sei dies ein unumgänglicher Schritt, der jedoch in respektvoller Zusammenarbeit getätigt werde, betonte Ryttersgaard Jacobsen. Eine Entscheidung in der Chabeso-Frage werde voraussichtlich im August gefällt.

Die Brauerei Fuglsang in Hadersleben
Seit der Übernahme der Brauerei Fuglsang durch Royal Unibrew ist die Zukunft des alkoholfreien Erfrischungsgetränk „Chabeso“ ungewiss. Foto: Ute Levisen

Entsetzen in der Minderheit

In den sozialen Medien sorgte diese Nachricht für Aufsehen. Auch in der deutschen Minderheit löst die Aussicht auf ein baldiges Ende der Chabeso-Ära Bedauern aus. „Ich sah es mit großem Entsetzen“, sagt Barbara Meyer aus Hadersleben. Sie wäre nach eigener Aussage sehr traurig, sollte die Produktion des beliebten Erfrischungsgetränks dauerhaft eingestellt werden. „Seit Jahrzehnten habe ich Chabeso parat, wenn ich Besuch bekomme, der keinen Alkohol trinken möchte“, so Meyer.

Auch zum Essen sei das Chabeso ein geeigneter Begleiter, meint die Haderslebenerin: „Chabeso ist nicht so süß und geschmacksintensiv wie andere Softgetränke. Deshalb eignet es sich hervorragend zum Essen.“ Beim Studentenfest ihrer Enkel habe eine Kiste Chabeso ebenfalls nicht fehlen dürfen.

In der Brauerei Fuglsang am Ribe Landevej zeugt eine Vitrine mit Erinnerungsstücken von der langen Geschichte des milchsäurehaltigen Erfrischungsgetränks „Chabeso“. Foto: Annika Zepke

Fuglsang ohne Mitspracherecht

Kim Fuglsang, langjähriger Direktor der Familienbrauerei, hofft ebenfalls, dass die Produktion des Chabesos weitergeführt wird, auch, weil das Haderslebener Chabeso das Einzige ist, das seit den 1930er Jahren durchgehend produziert wird. „Wir haben in dieser Frage kein Mitsprachrecht mehr, aber wir haben natürlich eine Empfehlung gegeben und den neuen Eigentümern ans Herz gelegt, Chabeso zu erhalten“, betont Fuglsang, der sich seit dem Verkauf der Brauerei ganz dem Malz-Export widmet.

Das Chabeso, dessen Name sich aus den Initialen des Ingelheimer Chemieunternehmens C. H. Boehringer & Sohn zusammensetzt, gehört seit den 30er Jahren zur Produktpalette der Brauerei Fuglsang.

Kim Fuglsang hofft, dass das Chabeso auch unter Royal Unibrew erhalten bleibt. (Archivfoto) Foto: Archivfoto: Karin Riggelsen

Von Deutschland nach Dänemark

In Deutschland existierte die auf Milchsäure basierende Limonade bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts, nachdem Albert Boehringer durch Zufall das Verfahren zur Herstellung von Milchsäure entdeckt hatte. Sein Unternehmen C. H. Boehringer & Sohn brachte die alkoholfreie Limonade 1911 auf den Markt und vertrieb den Geschmack gebenden Grundstoff fortan im Lizenzvertragssystem.

„Mein Großvater hat die Herstellungs- und Verkaufsrechte für das Chabeso-Extrakt in Dänemark und Norwegen Anfang der 30er Jahre erworben“, erzählt Kim Fuglsang. Wie genau sein Großvater auf die goldfarbene Limonade aufmerksam wurde, sei nicht überliefert. „Aber er hat in den 20ern oft Kunden in Deutschland besucht und als Geschäftsmann in der Malzproduktion natürlich auch die Trends der Brauereien mitverfolgt. Dabei wird er wohl auf den Geschmack von Chabeso gekommen sein.“

Chabeso wurde seinerzeit mit vielen Medaillen und Ehrenplaketten ausgezeichnet. Foto: Annika Zepke

Kultgetränk der 1930er-Jahre

Die Produktion und der Verkauf des Chabesos wurden in Dänemark schnell zum Erfolg, und es dauerte nicht lange, bis andere Brauereien in Dänemark, wie C. Wiibroe aus Helsingør, Det Lolland-Falsterske Bryghus und Aalborg Aktiebryggeri, ihr Interesse an dem deutsch-nordschleswigschen Erfrischungsgetränk bekundeten. Diese und andere Brauereien kauften das Extrakt von der Fuglsang-Brauerei, vertrieben es in ihren jeweiligen Regionen und machten Chabeso mittels einer gemeinsamen Werbekampagne im ganzen Land bekannt.

Nach dem zweiten Weltkrieg ging die Nachfrage nach Chabeso jedoch drastisch zurück, und die dänischen Brauereien stellten die Produktion des alkoholfreien Erfrischungsgetränks wieder ein. Einzig und allein die Haderslebener Brauerei Fuglsang hielt an der Chabeso-Produktion fest – bis jetzt.

Nicht nur Chabesos, auch die Produktion anderer, hauptsächlich alkoholfreier Getränke aus dem Fuglsang-Sortiment wird seit der Übernahme durch den Brauereikonzern Royal Unibrew diskutiert. Foto: Annika Zepke
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