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Fotoprojekt: Eine Stadt mit vielen Gesichtern

Fotoprojekt: Eine Stadt mit vielen Gesichtern

Fotoprojekt: Eine Stadt mit vielen Gesichtern

Hadersleben/Haderslev
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Die Skøtts Kaffeebar ist vom Haderslebener Graben nicht mehr wegzudenken. Kein Wunder, dass auf einem der Porträts über die Domstadt auch deren Inhaber Hans Skøtt abgebildet ist. Foto: Patrick Tabone/Isabella Andersen

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Wie fasst man eine ganze Stadt in einem Porträt zusammen? Studierende aus Deutschland und Dänemark haben sich dieser Herausforderung gestellt. Das Ergebnis ist eine facettenreiche Fotostrecke, die viel zu erzählen hat – von Traumabewältigung über Jugendkultur und Landflucht bis hin zur Liebe zu Musik. „Der Nordschleswiger“ stellt einige Werke vor.

Zwei Jungs mit ihren Skateboards, beide schauen direkt in die Kamera, im Hintergrund der igluförmige Bau des Haderslebener Streetdomes. Die sich senkende Abendsonne taucht die Gesichter der beiden eher ernst dreinblickenden Jugendlichen in ein sanftes Licht.

Über die beiden Jungen auf dem Foto weiß der Betrachter oder die Betrachterin erst einmal nichts, und dennoch ist sofort klar, worum es geht: Hadersleben, seine Jugendlichen und ihren Zufluchtsort, der Skaterpark am Hafen.

Eigentlich wollte Letizia Calasso nur Arthur Jensen (r.) fotografieren. Doch auch der junge Skater zur Linken wollte sich von der Studentin ablichten lassen. Ein einziges Foto ist auf diese Weise entstanden, bevor der Junge wieder verschwand. Foto: Letizia Calasso

Die Haderslebener Jugendkultur im Blick

„Ich wollte die Jugendkultur in Hadersleben porträtieren“, erklärt Letizia Calasso. Die 21-Jährige studiert Kommunikationsdesign an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel und war Teil des Interreg-Projektes „Hadersleben im Porträt“, das die Kunsthalle 6100, der Studiengang „Grafische Kommunikation“ des University College Syd und die Muthesius Kunsthochschule ins Leben gerufen haben.

Sie stamme selbst aus einer Kleinstadt bei Stuttgart und wisse, dass die Jugendlichen dort häufig nicht so freie Entfaltungsmöglichkeiten haben wie Gleichaltrige in der Großstadt. Das Resultat sei oftmals Landflucht.

Auf der Suche nach prägnanten Plätzen, an denen sich die Haderslebener Jugendkultur entfalte und ausgelebt werde, sei sie von den Einheimischen auf zwei Orte aufmerksam gemacht worden, berichtet Calasso: „Das war einmal der Busbahnhof und dann der Streetdome.“

Kein Porträt ohne Gespräch

Letzteren habe sie für sich als Ort des Geschehens auserkoren: „Ich war jeden Tag ab 17 Uhr dort, einfach um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen“, sagt die 21-Jährige. Alle ihre Bilder seien aus Gesprächen heraus entstanden. So auch das besagte Foto mit den beiden Skater-Jungs.

Tommy ist mehr als seine Traumata. Das wollen die beiden Studierenden Asta Bro Uerkvitz und Simon Synnestvedt Olsen auch mit dem Porträtfoto des Haderslebeners zum Ausdruck bringen. Foto: Asta Bro Uerkvitz/Simon Synnestvedt Olsen

„Man muss viel Geduld mitbringen und Vertrauen zu den Leuten aufbauen, die man fotografieren möchte“, erklärt Letizia Calasso, schließlich habe das Fotografieren auch immer etwas mit Macht zu tun. „Ich bin nicht mehr 15, und für die Jugendlichen könnte es vielleicht komisch sein, sich von Älteren porträtieren zu lassen.“

Ihr sei es daher wichtig gewesen, den Jugendlichen genug Raum zu lassen, sich selbst in das Porträt einzubringen. „Ich wollte ihnen zuhören und ihnen mehr Raum zum Sprechen geben, als ich es in meiner Jugend hatte.“

Tommy und Carsten

Ums Zuhören und Erzählen von Lebensgeschichten ging es auch bei Asta Bro Uerkvitz und Simon Synnestvedt Olsen. Die beiden Studierenden des University College Syd haben sich mit ihren Kameras nicht in der Stadt auf die Lauer nach Fotomotiven gelegt, sondern zwei Haderslebener in den eigenen vier Wänden besucht.

Tommy und Carsten – so heißen nicht nur die beiden Porträts von Asta Bro Uerkvitz und Simon Synnestedvedt Olsen, sondern auch die darauf abgebildeten Personen. Sie in ihrem Facettenreichtum darzustellen, sei keine leichte Aufgabe gewesen, sind sich die beiden einig.

Fotografieren kostet Überwindung

„Wir haben uns deshalb entschieden, die Arbeit zu teilen“, erklärt Simon Synnestedvedt Olsen. Während er die Kamera bedient habe, zeichnete Asta für die Gespräche mit den „Models“ verantwortlich. „Das war enorm einschüchternd, weil man die ganze Zeit darauf achten musste, wie die Person sich fühlt. Es ist nicht leicht, ein so persönliches Foto von jemandem zu machen“, meint Asta Bro Uerkvitz.

Beim Musizieren ist Carsten in seinem Element. Die beiden Fotografen geraten dabei schnell in Vergessenheit. Foto: Asta Bro Uerkvitz/Simon Synnestvedt Olsen

Insbesondere wenn man mit seiner Kamera so in die Privatsphäre der Leute „einfalle“, wie sie es gemacht haben: „Wir kannten die beiden ja nicht. Wir haben deshalb versucht, so wenig invasiv wie möglich zu sein und uns mit Carsten und Tommy auch darüber zu unterhalten, was sie gerne von sich und ihrem Leben zeigen wollen“, ergänzt Simon Synnestvedt Olsen.

Eine Frage der Vertrautheit

Die Reaktionen der beiden seien sehr verschieden ausgefallen. „Bei Tommy wurden wir von Anfang an mit offenen Armen empfangen. Da lag die größte Herausforderung darin, nicht nur seine Traumata zu porträtieren – er hat nämlich eine bewegte Vergangenheit hinter sich –, sondern all seine Facetten im Porträt widerzuspiegeln.“

Bei Carsten sei das anders gewesen. „Er war deutlich zurückhaltender. Das sieht man auch auf den ersten Bildern“, erklärt Bro Uerkvitz. „Doch je besser wir uns gegenseitig kennenlernten, desto mehr hat er sich geöffnet und uns in seine Welt der Musik und Spiritualität mitgenommen.“

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