101 Jahre Volksabstimmung

Romeo & Julia auf Grenzlandart

Romeo & Julia auf Grenzlandart

Romeo & Julia auf Grenzlandart

Hadersleben/Haderslev
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Am vergangenen Freitag feierte das Møllen-Theater mit Romeo & Julia im Kulturhaus Harmonien Premiere. Foto: Søren Hasselgaard Skaaning

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Geschlagene drei Stunden – mit Pause – währt die Inszenierung von Romeo & Julia auf Grenzlandart. Das Regionaltheater Møllen beschert Shakespeares Liebesdrama im 101. Jahr nach der Volksabstimmung eine Renaissance, an die man sich – zugegebenermaßen – gewöhnen muss.

Eines vorweg: Gut anderthalb Jahrhunderte Grenzlandgeschichte sind ein weites Feld. Das Møllen-Theater hat es beackert und führt seinem Publikum am Beispiel des wohl berühmtesten Liebespaares der Weltliteratur vor Augen, dass in einem Boden, genährt von Fehden und Feindschaft, wenig Gutes gedeiht.

Fordernde Vorstellung

Die Geschichte ist hinreichend bekannt: Romeo liebt Julia – und umgekehrt. Diese Liebe aber ist ihren Familien, die sich spinnefeind sind, ein Dorn im Auge. Ein Happy End gibt es nicht, erst im Tod sind die Liebenden für immer vereint: „Kein Hindernis aus Stein hält Liebe auf, was Liebe kann das wagt sie auch."
Bei aller Tristesse: ein Hoffnungsschimmer – immerhin.

Überzeugt mit Witz: Stephan Benson als Julias wankelmütiger Vater Foto: Søren Hasselgaard Skaaning

Bis es so weit ist, vergehen geschlagene drei Stunden – mit Pause, in denen Julia auf Deutsch von ihrem Romeo schwärmt, Romeo auf Dänisch seine Julia anhimmelt und dabei Konkurrenz von Paris erhält, verkörpert von Thomas C. Rønne. Dieser wandelt – diesmal in akzentfreiem Deutsch und urkomisch – auf Freiersfüßen.

„Wenn Gnade Mörder schont, verübt sie Mord!“: Herrlich agiert Klaus Andersen in der Rolle des Fürsten und Richters. Foto: Søren Hasselgaard Skaaning

Körperlich allgegenwärtig

Das Theaterpublikum ist bei dieser Inszenierung ebenso gefordert wie die beiden Turteltauben: Standhaftigkeit und Ausdauer sind die Gebote der Stunde. Sitzfleisch und Sprachkenntnisse schaden nicht.
In der deutsch-dänischen Vorstellung wechseln die Repliken zwischen beiden Sprachen. Deren Duktus ist antiquiert, mit wenigen Zugeständnissen an die Gegenwart. Das macht zugleich den Charme der Vorstellung aus.

Romeo und Julia Foto: Søren Hasselgaard Skaaning

Mit Witz und Verve

Keine Angst! Wer beide Sprachen nicht gleichermaßen beherrscht, ist bei Romeo & Julia dennoch bestens aufgehoben. Vor allem an Julias Spiel gibt es nichts zu deuteln: Sie jubelt, schreit, schluchzt auf Deutsch, verzehrt sich nach ihrem Romeo, windet sich dabei wie eine rollige Katze. Man darf ohne Übertreibung feststellen: Die Schweizerin Andrea Spicher vereinnahmt die Rolle der Julia mit Haut und Haar. Ihr Vater, gespielt von Stephan Benson, agiert mit Witz und Verve und bringt das Publikum – bei aller Dramatik zum Schmunzeln.

Ole Sørensen brilliert in der Rolle der Amme. Foto: Søren Hasselgaard Skaaning

Kunstgriff

Für einen Kunstgriff entschied sich Regisseur Rasmus Ask bei der Besetzung der Rollen: Frauen übernehmen Männerrollen – und umgekehrt. Das herrlichste Beispiel dieser Inszenierung ist Ole Sørensen in der Rolle von Julias Amme! Mehr noch: Der nordschleswigsche Reumert-Preisträger, der alle Facetten der dänischen Sprache und des nordschleswigschen Dialekts meistert, brilliert in Romeo und Julia auf Deutsch.

Die Schweizerin Andrea Spicher gibt als Julia alles. Foto: Søren Hasselgaard Skaaning

Schlicht und genial

Das Bühnenbild ist ebenso schlicht wie genial gestaltet: Ein „Sternenteppich“ bildet die Kulisse vor den schwarzen Boxen, auf denen die verfeindeten Familien und ihre Gefolgsleute, mehr oder weniger behände, herumturnen. Das allein ist schon eine Leistung, die sprachliche Defizite beim Zuschauer zu überbrücken vermag.

Blumen und Applaus für das Ensemble. Foto: Ute Levisen

Zu Hause bei Hamlet

Im Rahmen der Theatertournee werden sich Romeo & Julia übrigens auch auf Hamlets Bühne in Schloss Kronborg entfalten.

Sprachlich sind die Repliken – ganz gleich, ob auf Deutsch oder Dänisch – wie Musik. Dies ist in hohem Maße der Übersetzung durch Niels Brunse geschuldet. Der Übersetzer hat auch das Vorwort zur Møllen-Inszenierung verfasst, das somit aus berufenem Munde kommt: Immerhin hat Brunse 30 Jahre seines Lebens damit verbracht, Shakespeares Œuvre ins Dänische zu übersetzen. Gut Ding will Weile haben. Verglichen damit sind die drei Stunden in Gesellschaft von Romeo und Julia fast schon kurzweilig.

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