Neujahrstagung

Grenzverlauf: Diskutiert, umstritten, aber stabil

Grenzverlauf: Diskutiert, umstritten, aber stabil

Grenzverlauf: Diskutiert, umstritten, aber stabil

Sankelmark
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Sein Buch über die Grenzziehung fand einige interessierte Leser, Jan Schlürmann (rechts) verteilt Exemplare. Foto: Karin Riggelsen

Im Rahmen der Neujahrstagung in Sankelmark stellte der Historiker Jan Schlürmann den Weg zur Grenzziehung 1920 vor – nach einer dänischen Sichtweise am Freitag folgte damit am Sonnabend ein deutscher Blick auf die Grenze, und der war unterhaltsam und lehrreich.

Kenntnisreich, versiert und in einem lockeren Ton machte Jan Schlürmann die spannungsgeladene Geschichte der deutsch-dänischen Grenze zu einer unterhaltsamen und vergnüglichen Reise in die Vergangenheit.

Jan Schlürmann, in Flensburg aufgewachsen, hatte sein Buch „1920. Eine Grenze für den Frieden. Die Volksabstimmung zwischen Deutschland und Dänemark“ eingedampft und einen Vortrag daraus gemacht.

Der Historiker, der als Referent im schleswig-holsteinischen Landtag arbeitet, wies vor seinem Einstieg in die Geschichte Schleswigs auf die doch sehr unterschiedliche Herangehensweise an den 100. Geburtstag der Grenze hin.

„Ratlos, planlos, ideenlos“

Während in Dänemark die dort genannte Wiedervereinigung ausgiebig gefeiert wird, sehe das Bild, so Schlürmann, auf deutscher Seite anders aus. Schlürmann charakterisierte den deutschen Umgang mit dem Jubiläum dort als „ratlos, planlos, ideenlos“. Dort herrsche, so der Historiker, Desinteresse gepaart mit Unkenntnis.

Nach diesem Statement folgte ein kurzer geschichtlicher Crashkurs. Bevor um 1850 der Nationalismus aufkam, so Schlürmann, konnte Schleswig nicht zu einer Einheit zusammenwachsen aufgrund der Herrschaftsverhältnisse, aber auch, weil dort verschiedene Sprachen gesprochen wurden. So zerrten deutsche und dänische Nationalisten am alten Herzogtum.

Vorschlag aus dem Kaiserreich

Als Nordschleswig schließlich Deutsch wurde und später der Erste Weltkrieg zu Ende ging, kam es zu einem laut Schlürmann heute wenig bekannten Ereignis. Das deutsche Kaiserreich mit Max von Baden als Kanzler bot vor Kriegsende Dänemark an, im Grenzland eine Volksabstimmung abzuhalten. Es sollte anders kommen. Im Versailler Vertrag wurde dann eine Volksabstimmung beschlossen.

Schlürmann wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass, bevor es so weit war, die dänische Regierung noch einmal in die Bredouille geriet. Dänische Nationalisten hatten die zuständige Kommission beeinflusst, sodass die Regierung in Kopenhagen sich mit einem Vorschlag über einen Grenzverlauf konfrontiert sah, der an der südlichen Grenze Schleswigs lag.

Der Regierung war aber daran gelegen, dass viele Untertanen dänisch gesinnt waren und Dänisch sprachen. Ein solch südlicher Grenzverlauf hätte aber zum Gegenteil geführt. Es wurde die vorgeschlagene Clausen-Linie.

Bemerkenswert friedlich

Bemerkenswert sei der Verlauf der Abstimmung gewesen, der relativ friedlich ohne größere Gewalt ablief, so Schlürmann, obwohl hart um jede Stimme gekämpft wurde – auf beiden Seiten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Verlauf Adolf Hitler den Verlauf nicht revidierte, verlor nach den Worten Schlürmanns der nationalistische Grenzkampf an Kraft. Südlich der Grenze wuchs nach dem Krieg die dänische Minderheit um das rund Zehnfache an.

„Aber die Grenze blieb“

Jan Schlürmann vertrat in seinem Vortrag die Auffassung, dass dies nicht so sehr aus Gründen der Lebensmittelbeschaffung geschah, sondern vielmehr deshalb, weil es 1947 keinen deutschen Staat gab und sich die Menschen mit dem vorherigen menschenverachtenden und grausamen Staat nicht mehr identifizieren wollten, sich von ihrer Vergangenheit trennen wollten. Als es dann zur Gründung der Bundesrepublik kam, und diese sich als funktionierend erwies, sei die Zahl auch wieder zurückgegangen.

Schlürmann resümierte: „Das Verhältnis zwischen Deutschen und Dänen hat sich vielleicht vor 60 Jahren, aber sicher erst richtig vor 30 Jahren entspannt. Es wurde viel geredet, viel gestritten, aber die Grenze blieb.“

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