Interview

Historiker: Minderheiten-Zugehörigkeit ist auch ein flexibler Begriff

Historiker: Minderheiten-Zugehörigkeit ist auch ein flexibler Begriff

„Minderheiten-Zugehörigkeit ist auch ein flexibler Begriff“

Hatto Schmidt, freier Journalist
Flensburg/Flensborg
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Historiker Jørgen Kühl ist Mitglied der dänischen Minderheit. Foto: Hatto Schmidt

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Wie ist das Leben als Dänin oder Däne in Deutschland? Der Historiker Jørgen Kühl erläutert im Interview die besondere Situation der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein.

Jørgen Kühl ist Historiker, Minderheitenexperte und einer, der die Dinge anspricht. Er gehört der dänischen Minderheit an, war erster Direktor des Danewerk-Museums, Gründungsdirektor der dänischen A. P. Møller-Skolen in Schleswig (Slesvig) und lehrt an der Europa-Universität Flensburg (Flensborg). Mit dem freien Journalisten Hatto Schmidt aus Südtirol spricht er über die Lage der dänischen Minderheit in Südschleswig.

Wer durch Flensburg geht, trifft auf nur wenige dänische Schilder und Aufschriften. Wenn alles im Grenzland so entspannt ist, wie es immer heißt, warum ist öffentliche Zweisprachigkeit dann nicht selbstverständlich?

„Ortstafeln haben wir in Flensburg seit 2008. Dann vergingen acht Jahre, bis in Lyksborg/Glücksburg welche aufgestellt wurden, nach einem sehr schwierigen Prozess. Der SSW konnte die Mehrheit der Ratsmitglieder überzeugen, aber da gab es dann eine Präambel, in der Erwartung, dass die Gemeinden in Nordschleswig dasselbe für die deutsche Minderheit tun'. Das letzte Beispiel, die dritte Gemeinde, ist seit wenigen Monaten Harreslev/Harrislee. Dort wurde der SSW stärkste Partei und setzte zusammen mit den Grünen gegen die Proteste von SPD und CDU zweisprachige Ortsschilder durch. Wir haben damit 3 von über 300 Gemeinden im Landesteil Schleswig, die zweisprachig deutsch-dänisch sind.“

Dann hat sich in letzter Zeit also etwas getan 

„Aber nur dort, wo die Mehrheitsverhältnisse entsprechend sind. Das Problem ist ja: Es ist ein Minderheitenrecht. Aber dieses Minderheitenrecht kann nur verwirklicht werden, wenn die Mehrheit es akzeptiert. In Nordfriesland ist das ganz anders, dort gibt es flächendeckend zweisprachige Ortsschilder; aber das wurde 2004 mit dem Friesen-Gesetz umgesetzt. Dort sind auch öffentliche Gebäude zweisprachig. Übrigens, nicht dreisprachig, obwohl es in Nordfriesland mehr Dänisch- als Friesisch-Sprecher gibt.“ 

Fragen nach Identität sind in einer Minderheit oft nicht eindeutig zu beantworten angesichts Mischehen, Migration und mehr. Wie ist das bei der dänischen Minderheit? 

„Es ist schon fast ein Grundprinzip, dass man selbst wählt, ob man dazugehören will oder nicht. Wobei Zugehörigkeit auch ein flexibler Begriff ist. Gilt das für die einheimische Bevölkerung, oder gilt das auch für einen Deutschen aus Bayern? Vor 14 Tagen gab es das dänische Jahrestreffen. Da hat ein Abiturient des dänischen Gymnasiums in Flensburg eine Rede gehalten. Er hat zwei albanische Eltern, besitzt aber die dänische Staatsangehörigkeit, ist als Elfjähriger nach Flensburg gekommen und sieht sich jetzt als nationale Minderheit – bei den Dänen! Hier gibt es ein Spannungsfeld zwischen autochthonem Selbstverständnis und allochthoner Realität (autochthon bedeutet einheimisch, eingeboren, hier entstanden; allochthon ist gebietsfremde Abstammung; Anm. der Red.)“

 

Ein seltener Wegweiser auf Dänisch in Flensburg. Foto: Hatto Schmidt

Die Minderheit rekrutiert in großem Maßstab aus der Mehrheitsbevölkerung. Das wirkt für Außenstehende erstaunlich

„Die Zahl jener, die wir als nationale Minderheit bezeichnen können, macht vielleicht ein Drittel der geschützten 50.000 der Angehörigen der dänischen Minderheit aus. Den überwiegenden Rest bezeichne ich als post-national. Der Unterschied ist, vereinfacht ausgedrückt: Angehörige der Minderheit wählen einen dänischen Kindergarten für ihre Kinder, weil sie Minderheit sind, die Post-Nationalen werden Minderheit, weil sie eine dänische Schule für ihre Kinder wählen. In den vergangenen fünf Jahren gibt es auch noch – vor allem bei der jüngeren Generation – ein drittes Segment, das non-nationale. Ihnen ist es eigentlich egal, ob sie deutsch oder dänisch sind. Für sie ist entscheidend, dass sie den ,minority way of life’ wählen können, eine Bikulturalität, das Beste aus beiden Systemen. In den vergangenen zehn Jahren sehen wir auch das Phänomen des Minority-Switchens: dass Menschen über die Grenze ziehen und sich dort der anderen Minderheit anschließen. Es gibt Menschen, die sagen: Ich gehöre beiden Minderheiten an – zur gleichen Zeit.“ 

Was bedeutet das?

„Das ist der Moment, wo wir Grenzen überschreiten: Was ist eine nationale Minderheit? Kann man zwei nationalen Minderheiten angehören, in unterschiedlichen Ländern, zur gleichen Zeit? Das ist eine vollkommen neue Situation, die unheimlich schwer greifbar und zu erklären ist – und die zugleich tabu ist in beiden Minderheiten.“

Welche Auswirkungen hat dieser Zuwachs aus der Mehrheitsbevölkerung auf die Minderheit? 

„Da ist der Ausgangspunkt wieder das Selbstverständnis der Minderheit, und das ist: ,Wir sind die Urbevölkerung. Wir waren hier, bevor die Deutschen kamen, und wir sind Minderheit, weil die Grenzen verschoben wurden.' Das betrifft aber nur einen kleinen Teil: Die allermeisten wurden Minderheit, praktisch erst heute Morgen. Hier kommt wieder dieses ,Minderheit ist, wer will'-Verständnis ins Spiel, das individuelle Recht auf nationale Selbstbestimmung. Das ist eine tägliche Volksabstimmung, und das beinhaltet auch, dass man seine Meinung ändern kann.“

Wie kann man denn sowohl autochthon als auch allochthon sein?

„Das kann man nicht. Jedenfalls schreitet die Allochthonisierung der autochthonen Minderheit voran. Wir hatten in der A. P. Møller Skolen 2017 eine Umfrage, aus der hervorging, dass 67 Prozent der Schüler aus Familien stammten, von denen kein Elternteil in eine dänische Schule gegangen war, in 30 Prozent ein Elternteil und in nur 3 Prozent beide Elternteile. Das deutet darauf hin, dass wir zweidrittel Post-Nationale haben.“

Viele Absolventen dänischer Schulen studieren in Dänemark und bleiben dann auch dort

„Ja, es sind etwa zwei Drittel. Dennoch kann man das Volumen halten, und das erklärt, warum der nationale Anteil der Minderheit immer kleiner wird: Man reproduziert sich, indem man Neue aufnimmt, die man zum Dänentum sozialisiert. Und das funktioniert!“

Wie?

„Die Schulen werden zu Sozialisationsanstalten. Das ist ein Perpetuum mobile, vermittelt dänische Sprache, Kultur und Mentalität und tut das permanent. Das ist schwierig, aber es wird nicht diskutiert, denn es funktioniert ja. Es ist ein Erfolgsmodell: Man hat weiterhin konstant 5.700 Schüler in der dänischen Schule – entgegen der demografischen Entwicklung.“

Gibt es Spannungen zwischen dem alteingesessenen Teil der Minderheit und den neu Hinzukommenden?

„Es ist sehr schwer für die organisierte Minderheit, das anzusprechen, denn es zieht in unterschiedliche Richtungen: Das Selbstverständnis einerseits und die Realität andererseits. Die Jüngeren sehen Minderheit-Sein ja als Mehrwert zu dem, was sie selber sind: zu dem deutschen Wert oder auch dem russischen oder albanischen. Mehrwert durch die Minderheit, aber nicht Mehrwert, der ersetzt, während ein Teil der Minderheit ja möchte: ,Das Bekenntnis zur Minderheit ist frei, aber dann möchten wir, dass ihr euch durch und durch bekennt.' Und das ist eben nicht der Fall. Die Jüngeren sagen sich: ,Wieso wählen, wenn ich beides sein kann?' Das ist aber die Negation der nationalen Minderheit, denn nur durch die Wahl entsteht die Minderheit. Es ist eine Bedrohung für eine Minderheit. Ohne Wahl keine Minderheit. Das Bekenntnis ist frei, aber nicht das Bekenntnis, beides zu sein.“

In drei Gemeinden im Landesteil Schleswig ist auf den Ortsschildern auch die dänische Übersetzung zu finden. Foto: Hatto Schmidt

Gibt es Konflikte zwischen den „Alten“ und den „neuen Jungen“, die inzwischen die Mehrzahl sind?

„Die Jungen sind nicht stark minderheitenpolitisch organisiert.“

Sie spielen in Vereinen und Organisationen keine große Rolle? 

„Nicht, sobald man auf die höhere Ebene kommt, denn da ist Dänisch gefragt. Da ist die Sprache an sich ein Auswahlkriterium. Diejenigen, die die Schule absolviert und womöglich auch in Dänemark studiert haben und die Sprache sprechen, haben allerdings die Möglichkeit zu avancieren.“ 

Da zeigen sich große Widersprüche

„Es entsteht ein Widerspruch zwischen der gelebten und der vorgestellten Realität. Was wir hier sehen im Grenzland, ist ,soft power’ dänischer kultureller Werte südlich der Grenze. Es ist doch eine fantastische Geschichte, dass das kleine Dänemark in Norddeutschland Deutsche assimilieren kann in erheblichem Maße, durch Mentalität, durch Werte, durch Schule, durch Tradition. Die sind offenbar so attraktiv, dass Menschen aus einer starken Mehrheit die Minderheit für ihre Kinder wählen.“ 

Und das Zusammenleben läuft immer konfliktfrei ab?

„Nicht immer. 2010 bis 2012 hatten wir eine Krise, als die schleswig-holsteinische Landesregierung einseitig Kürzungen der Zuschüsse für die dänischen Schulen durchsetzen wollte. Da flammte der Konflikt auf. Das war ganz extrem.“ 

Wie wurde das gelöst?

„Entschieden hat den Konflikt der Wähler: 2012 gab es nach der Landtagswahl einen Regierungswechsel. Danach hat sich alles normalisiert, und das hängt auch damit zusammen, dass der SSW in die Regierung kam. In Schleswig-Holstein gibt es heute einen breiten Konsens in der Minderheitenpolitik. Sie hat sich in den vergangenen zwölf Jahren unheimlich weiterentwickelt. Aber: Es ist erst zwölf Jahre her. Damals demonstrierten in Flensburg an der Hafenspitze 12.000 Menschen gegen die Diskriminierung. Es war die größte Massendemonstration in Flensburg seit dem Zweiten Weltkrieg. Wir waren in der schwerwiegendsten Krise des deutsch-dänischen Minderheitenmodells. Die Minderheit gemeinsam mit Angehörigen der Mehrheit demonstrierte gegen Diskriminierung. Alle gingen gemeinsam auf die Straße. Egal, welche Sprache man sprach, das waren unsere Kinder. Das hat lange nachgewirkt.“

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