Nachruf

Der gute Kaj ist nicht mehr da

Der gute Kaj ist nicht mehr da

Der gute Kaj ist nicht mehr da

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Gramm/Gram
Zuletzt aktualisiert um:
Der frührere konservative Verkehrsminister Kaj Ikast im Gespräch mit dem Hauptvorsitzenden des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hans Heinrich Hansen und dem SP-Spitzenkandidaten Hinrich Jürgensen am 17. November 2001. Foto: Karin Riggelsen

Trauer um einen Politiker, der als Brückenbauer in Dänemark sichtbar Spuren hinterlassen hat.

Diese Nachricht war seit Langem von Familie und Freunden befürchtet: Kaj Ikast ist, wie seine Frau Anna Margrethe mitteilte, wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag in Gramm gestorben – nach jahrelanger Demenz in einem Pflegeheim. Mit Kaj Ikast verliert Nordschleswig einen der profiliertesten Politiker, der auch in der Landespolitik unvergessen bleibt, ja als Brückenbauer im wahrsten Sinne des Wortes in die dänische Geschichte eingehen wird.

Ikast war 1935 in Viborg geboren und ging zum Militär, wo er als Distriktsleiter der Heimwehrregion III Anfang der 70er Jahre nach Hadersleben kam und zu einem Nordschleswiger wurde. Als Major war er u. a. auf Zypern nachrichtendienstlich tätig. Früh ging er in die Politik, trat in die Partei der Konservativen ein, kandidierte zunächst vergeblich für das Folketing, doch als der konservative Folketingsabgeordnete Johs. Burgdorf zurücktrat, da war der Weg nach Christiansborg 1983 für Ikast frei.

Ich kannte Ikast als Journalist schon aus seinen ersten Politiker-Zeiten und hatte das Riesenglück, dass Ikast im selben Jahr ins Folketing gewählt wie das deutsche Sekretariat Kopenhagen eingeweiht wurde. Burgdorf war streng nationalkonservativ und hatte – geprägt durch die deutsche Besatzungszeit – kaum Verständnis für Anliegen der deutschen Minderheit, doch mit Ikast betrat ein ganz anderer Konservativer die politische Bühne in Nordschleswig und Kopenhagen, der Ressentiments ablehnte und aktive Zusammenarbeit betrieb! Er setzte sich nachdrücklich bei seinem Chef, dem aus Nordschleswig stammenden Staatsminister Poul Schlüter, für die Errichtung des Sekretariats ein, und als erster Leiter des Sekretariats war er für mich stets eine große, unentbehrliche Stütze, auch wegen seiner engen Beziehungen zu Schlüter.

Umgekehrt bediente er sich als Verkehrsminister auch meiner Kontakte südlich der Grenze. Ein kleines Beispiel: Auf dem Flughafen Esbjerg landete streng geheim eine Luftwaffen-Maschine der Bundeswehr, und mit dem damaligen Staatssekretär Ottfried Hennig, der auch CDU-Vorsitzender Schleswig-Holsteins war, fuhr ich in meinem Wagen zu Kaj Ikast in sein Sommerhaus bei Varde. Hier wurde streng vertraulich die Frage der Elektrifizierung der Bahnstrecke Hamburg-Odense geklärt, sodass Hennig nach seiner Rückkehr den deutschen Kollegen von Ikast, Krause, über die Einigung informieren konnte.

Ikast war von 1990-1993 leidenschaftlicher Verkehrsminister, wo er auf Christiansborg mit der sogenannten jütischen „Verkehrs-Mafia“, die aus den Verkehrssprechern der großen Parteien bestand, die Weichen für die heute sichtbaren Struktur-Veränderungen in der dänischen Landschaft stellte. Ganz besonders eng arbeitete Ikast dabei mit dem früheren sozialdemokratischen Verkehrsminister J. K. Hansen aus Sonderburg zusammen, der – inzwischen 94 Jahre – mir gegenüber noch vor Kurzem bei einem Gespräch von der freundschaftlichen Kooperation mit Ikast schwärmte; sie bildeten politisch und persönlich eine große Koalition.

Der Bau des Großen Belts, damals nicht unumstritten, bleibt mit dem Namen Ikast verbunden; legendär bleibt das Bild in Erinnerung, wie Kaj, als im gebohrten Tunnel nach einem Unglück ihm das Wasser – auch politisch – bis zum Halse stand, sich demonstrativ in den gefährlichen Tunnel begab und verkündete: Weitermachen! So entstand die historische Große-Belt-Verbindung, die heute niemand mehr missen möchte. Und ganz nebenbei entwickelten und förderten Ikast und Hansen auch gemeinsam die Pläne für die Öresund-Verbindung und die Fehmarn-Verbindung.

Kaj war populär, er war – vorübergehend auch Kommunalpolitiker in seinem Wohnort Gramm – volksnah, und er hatte eine besondere Begabung: unbegrenzte Portionen an Humor, die in seiner Gesellschaft ansteckend wirkten und auch stets zu einem angenehmen Verhandlungsklima beitrugen.

In seiner Zeit im Folketing von 1983 bis 2005 hat er auch im Kopenhagener Kontaktausschuss immer wieder Fragen und Probleme der deutschen Minderheit unterstützt, mehrfach überbrachte er das Grußwort der dänischen Folketingsabgeordneten auf dem Deutschen Tag, bei Wahlen holte er – charakterfest und glaubwürdig – sich stets hohe persönliche Stimmenzahlen auch bei deutschen Nordschleswigern. Und so manche haben ihn auch privat kennengelernt, z. B. bei den „Neujahrsempfängen“ im deutschen Sekretariat in der Peder Skrams Gade, wo er als Stimmungskanone auftrat – stets auch mit einem „laut-kichernden Lächeln“ über sich selbst. Dass er als „Kvaje-Kaj“ bei einer Leser-Abstimmung von „Ekstra Bladet“ den „Neujahrsdorsch“ gewann, fand er lustig, ja diese Preisverleihung erhöhte sogar seine Popularität – ebenso wie die jährlichen Karikaturen von Kaj in „æ Rummelpot“.

Seine Frau, die viele Jahre mit Geschick die Konservativen im nordschleswigschen Amtsrat vertrat und die ihm stets große familiäre Stütze war, und seine Kinder trauern um Ehemann und Vater, und viele von uns trauern um einen guten Freund.

Wer Kaj Ikast gekannt hat, wird ihn in dankbarer Erinnerung nie vergessen!

Kaj Ikast neben seinem Chef, Staatsminister Poul Schlüter, bei einem Empfang in der deutschen Botschaft Kopenhagen. Foto: Siegfried Matlok
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