Artenschutz

Dänische Naturschützer warnen vor Kollaps der Fischbestände

Dänische Naturschützer: Kollaps der Fischbestände droht

Dänische Naturschützer: Kollaps der Fischbestände droht

Kopenhagen/Kiel
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Im Jahr 2020 wurden fast nur vierjährige Dorsche in der westlichen Ostsee gefischt. Tiere, die sich meist noch nicht erfolgreich fortpflanzen konnten. Foto: Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung/Oelrichs

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„Danmarks Naturfredningsforening“ warnt unter Hinweis auf aktuelle Schlussfolgerungen des Internationalen Meeresforschungsrates „ICES“ vor einem Verschwinden von Dorschen und Heringen aus der Ostsee. Das Helmholtz Zentrum in Kiel hat bereits vor einem Jahr auf erschreckend wenig Nachwuchs bei den wichtigen Speisefischarten hingewiesen.

Der dänische Naturschutzverband „Danmarks Naturfredningsforening“ (DN) hat im Vorfeld der im Oktober wieder anstehenden Verhandlungen der EU-Fischereiminister über die Fangquoten für die Ostseefischer auf einen dramatischen Rückgang der Bestände von Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee hingewiesen.

Fischereiminister müssen reagieren

Der Verband verweist auf aktuelle Schlussfolgerungen des Internationalen Meeresforschungsrates „ICES“, der die Politiker in Sachen Fangquoten berät. Es wird unter anderem darauf hingewiesen, dass der Bestand der Heringe, die jahrhundertelang eine entscheidende Rolle bei der Ernährung der Menschen entlang der Küsten gespielt haben, seit 1991 in der westlichen Ostsee um 80 Prozent zurückgegangen ist. „Es ist ein dramatischer Rückgang. Der Heringsbestand liegt nun weit unter dem Niveau, das die Wissenschaftler als tragfähig betrachten“, so die Expertin für Meereskunde bei „Danmarks Naturfredningsforening“, Cathrine Pedersen Schirmer.

Auch beim Dorsch, einer der beliebtesten Speisefische in Dänemark, steckt der Bestand in einer Krise. Er ist seit 1980 um 86 Prozent geschrumpft. Der Umweltverband fordert die Fischereiminister auf, bei der Quotenfestsetzung nicht wie im vergangenen Jahr die Empfehlungen der Wissenschaft zu ignorieren. Damals hatte der Meeresforschungsrat einen vorübergehenden Verzicht auf die Dorschfischerei und den Fang von Heringen gefordert.

Auch Fischereiverband alarmiert

Auch der dänische Fischereiverband fordert ein Handeln zum Erhalt der Fischbestände in der Ostsee. Allerdings müssen in der Zeitschrift „Fiskeritidende“ Meeresverschmutzung, Kormorane und Robben als Sündenböcke herhalten, die für die Bestandsrückgänge verantwortlich seien. Die dänische Regierung wird aufgefordert, für ein Zukunftskonzept für eine überlebensfähige Fischereiwirtschaft zu sorgen. Genannt werden dabei auch Abwrackprämien für überflüssige Kutter.

Warnung vor Aussterben

Vor wenigen Tagen waren die gefährdeten Bestände wichtiger Fischarten der Ostsee Thema in der „Tagesschau“ der „ARD“ in Deutschland. Dort wurde Alarm geschlagen, der Dorsch drohe in der Ostsee auszusterben. Es werden Aussagen von Forschern der Universität Hamburg zitiert, die darauf hinweisen, dass der Dorschbestand der westlichen Ostsee inzwischen so klein geworden ist, dass eine absehbare Erholung nicht mehr möglich ist. Neben der Überfischung sei auch der Klimawandel eine Gefahr für die Fortpflanzung der Art. Das Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung in Kiel hat bereits 2020 vor einem Kollaps der Dorsch- und Heringsbestände in der Ostsee gewarnt.

Anlass waren neue Forschungsergebnisse zum Laicherfolg der beiden Fischarten. Die Bestände von Hering und Dorsch sind nach Angaben so klein, dass sie während der Laichzeit nicht mehr ihr ganzes Laichgebiet mit Eiern versorgen können. Der Geomar-Fischereiexperte in Kiel, Dr. Rainer Froese, erklärte, dass der Ratschlag, die Fischerei zeitweise ganz einzustellen, mehrfach ignoriert worden sei. Deshalb sei beim Dorsch über Jahre der Nachwuchs fast ganz ausgeblieben, sodass 2020 fast nur vierjährige Dorsche der Fischerei ausgesetzt waren. Tiere, die sich noch nicht erfolgreich fortpflanzen konnten.

Klimawandel zusätzliches Problem

In einer Veröffentlichung des Helmholtz Zentrums wird erläutert, wie sich der Klimawandel auf die Reproduktion der Fische negativ auswirkt: In warmen Wintern laichen die meisten Fische zu früh, bevor den Fischlarven genügend Nahrung zur Verfügung steht.

Den Larven des Dorsches fehlt es an Nahrung aus dem Plankton, wenn ihre Mütter in warmen Wintern zu früh gelaicht haben. Zusätzlich fressen ihnen eingeschleppte Rippenquallen Futter weg. Foto: Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung / T. Reusch

Hinzu komme, dass eingeschleppte Rippenquallen, die sich im wärmeren Wasser massiv vermehren, mit den Fischlarven um das Meeresplankton als Futter konkurrieren. Die Kieler Forscher fordern die zuständigen Politiker auf, für eine Einstellung der Dorsch- und Heringsfischerei zu sorgen, bis eine erfolgreiche Fortpflanzung der beiden Fischarten gesichert ist.

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Ein Leck in unserer Gesellschaft“